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Die wilde Zeit zwischen den Jahren – die Rauhnächte

Winterzeit, dunkle Zeit. Rauhnächte – auch Raunächte oder Rauchnächte werden sie genannt. Die heiligen Nächte, die „Zwölften“ zwischen den Jahren, in denen laut Legende die wilde Jagd in der Welt unterwegs ist, da der Weg in das Geisterreich und der Blick in die Zukunft offen steht. Besonders Träumen sollte man in dieser Zeit Aufmerksamkeit schenken.

Rauhnächte – allein das Wort ruft tief in unserem Inneren etwas hervor und lässt Ahnungen aufsteigen an dunkle, lange Winterabende, kurz nach dem magischen Tag der Wintersonnenwende, der Geburt des Lichtbringers in der längsten und dunkelsten Nacht des Jahres. Die geheimnisvollen Kräfte hallen noch nach und verzaubern auf schauder- und märchenhafte Weise die unwirtliche und lebensfeindliche Winterwelt.

Wie mag es damals gewesen sein, als die Legenden gewebt wurden, als man sich abends bei Kerzenschein erzählte und aus geflüsterten Wahrheiten (Aber-) Glaube gesponnen wurde, der sich in unserem heutigen Brauchtum manifestiert. Unwillkürlich denkt man an einsam gelegene Höfe, an Tiere, die es über den Winter zu bringen gilt, an rohe Holzwände, an pfeifenden Wind, der erbarmungslos an den Grundfesten des Hauses und den Fensterläden rüttelt, und sehr hart arbeitende Menschen, deren Hände sonst eigentlich nie untätig sind, bis auf diese besondere Zeit.

Mit den 12 Rauhnächten sind die 12 Nächte (und Tage) zwischen Heiligabend und Dreikönigstag (Epiphanias) am 6.1. gemeint. Wobei es auch hier unterschiedliche lokale Stimmen gibt, die den Beginn der Rauhnächte schon um die Wintersonnenwende (21.12.) herum ansiedeln.

Es gibt verschiedene Deutungen des archaisch anmutenden Namens für die Zeit zwischen den Schleiern der Welten. Die Annahmen der Wissenschaftler und des Volksglaubens divergieren hier. Die Wurzel des Wortes Rauhnacht soll sich nicht von „rau“ ableiten, sondern von dem Mittelhochdeutschen Wort „rûch“, welches in etwa soviel wie „haarig“ bedeutet und eventuell einen Bezug zu den aus Fell und Holz hergestellten Masken der traditionellen Perchtenläufer hat.

Nachvollziehbar klingt aber auch die volkstümliche Erklärung, dass die Rauhnächte vom Wortstamm „Rauch“ herrühren können. Traditionell räucherte man früher die Wohnstätten, die Ställe mit dem überlebenswichtigen Vieh und auch die Menschen aus. Dies geschah zum Schutz, Segen und zum Austreiben von bösen Wintergeistern und Dämonen mit Weihrauch und verschiedenen Kräutern (darunter auch Wacholder, um den Segen der Göttin Holda zu erhalten). Im Laufe der Christianisierung sprengte man später zusätzlich auch mit Weihwasser.

In vielen Geschichten und Erzählungen rund um diese heiligen Nächte des Jahres sind heidnische und naturreligiöse Ursprünge erkennbar.

Die Wilde Jagd
So besteht die Wilde Jagd aus einer Horde von Dämonen, Geistern, Toten, Selbstmördern und irrlichternden Wesen, angeführt vom wilden Jäger, dem „Woden“ (Wotan). Allesamt ziehen sie während der gesetzesfreien Rauhnächte durch die Welt. Die Wilde Jagd hat einen bestrafenden Charakter für Unvorsichtige und Übermütige, wirkt in ihrer wilden, ungezügelten Furchtbarkeit aber auch belohnend für gute und rechtschaffene Menschen. Auch Holda (unserer Frau Holle aus dem Märchen entsprechend), Perchta und die germanische Göttin Frigg – eventuell entsprechen diese Namen nur verschiedenen, miteinander verwobenen Charakterzügen ein und derselben Göttinnenfigur – nehmen als eigenständige Gefährtinnen des Woden teil.

Aberglaube
Ein bekannter Aberglaube existiert auch heute noch in vielen Familien: das Gebot, zwischen Weihnachten und Neujahr keinerlei Wäsche aufzuhängen, da sonst jemand stirbt. In Sigrid Frühs Buch „Rauhnächte. Märchen, Brauchtum, Aberglaube“ findet sich in einer Erzählung die Begründung hierfür: Man glaubte früher, wenn der Wind durch die Wäsche fährt und der Wode ein persönliches Kleidungsstück berührt, erhält er Macht über diese Person und sie ist gezwungen, sich für immer als verlorene Seele der Wilden Jagd anzuschließen.

Die Lostage
Jeder Tag und jede Nacht in den 12 heiligen Nächten sind sogenannte Lostage. Der Begriff „Los“ ist hier in der Hinsicht auf Schicksalsdeutung und Weissagung zu sehen. Besondere Bedeutung kommt während dieser Zeit den Träumen zu. Es heißt, dass man durch sie in die Geschehnisse des nächsten Jahres blicken kann. Es gibt auch die Überlieferung, dass jede Rauhnacht einem Monat im kommenden Jahr entspricht. (Die erste Rauhnacht wird dem Januar zugeordnet usw.) Aus den Beobachtungen leitete man Prognosen und Aussichten für das kommende Jahr ab.

 

Perchten
In der Zeit der Rauhnächte gibt es den Brauch des Perchtenlaufes. Bei diesen Umzügen ist zum einen eine Anlehnung an die Wilde Jagd ersichtlich, zum anderen sollen hier mit schrecklichen Masken (in Form von Dämonen) und lautem Glockengeläut der Winter und böse Geister ausgetrieben werden. Die Verbindung zur Göttin Percht, die auch Mitglied bei der Wilden Jagd ist, bietet sich hier an, ist aber nicht wirklich belegt.

 

Bei ihrem Weg durch die dunklen Rauhnächte und die magische Zeit zwischen den Jahren wünsche ich allen Lesern ein gutes Geleit.


Abb.: © Hanseat/pixelio.de

Über den Autor

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ist studierte Germanistin, Sozial- & Geschichts­wissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin als freie Journalistin, Redakteurin, Autorin, Texterin, Foodbloggerin, magische Kesselguckerin, kulinarische Diva und Kunsthandwerkerin.

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