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Wie können wir mit Schuld umgehen und sie ­los­lassen? Der siebte Dzogchen Rinpoche erläutert im Interview mit Anna Georgiew und Beate Schöttler, was der tibetische Buddhismus zum ­Thema Schuld und Vergebung sagt.

 

Das Leben ist leider manchmal nicht so leicht und glücklich, wie wir uns das alle wünschen. Schwerwiegende Erlebnisse in unserer Kindheit oder auch im späteren Leben können Auslöser für schmerzhafte Emotionen, Stress und ungesunde Lebensgewohnheiten sein. Die Gedanken kreisen dann um die negativen Ereignisse oder wir sind damit beschäftigt, die Erinnerung abzuwehren. Viele von uns kennen das, leiden darunter und wiederholen es trotzdem immer wieder. Warum ist das so? Gibt es einen Ausweg?

Der tibetische Buddhismus und speziell die Linie des Dzogchen hat ein Jahrhunderte altes Wissen darüber, wie unser Geist und unser Bewusstsein funktionieren. Wie in anderen buddhistischen Traditionen wird auch hier in der Meditation der Geist untersucht, beobachtet und studiert. Zum einen, um ihm auf die Schliche zu kommen, die eigenen Muster zu erkennen und damit frei vom Leid zu sein.

Zum anderen aber wird versucht, den Geist „ruhen zu lassen“, um die wahre, die wirkliche Natur unseres Geistes zu erfahren. Damit ist die Buddhanatur gemeint, die jedem fühlenden Wesen innewohnt und die vollkommen ist, frei von jeglichem Leid und von Verletzung. Im Dzogchen ist das Erfahren unserer perfekten Buddhanatur die Erleuchtung. Deswegen heißt das Wort Dzogchen, das aus dem Tibetischen kommt, auch „große Vollkommenheit“.

Hier im Westen spielt die Schuldfrage eine große Rolle.
Wie ist Schuld aus buddhistischer Sicht zu sehen?
Was bedeutet es, wenn ich mich schuldig fühle?

Im Allgemeinen bedeutet Schuld, dass wir etwas Falsches getan haben, das wir nicht mehr korrigieren können. Aus der Sicht des Dzogchen ist Schuld aber nichts Unveränderbares. Wir bekennen unsere falschen Handlungen, auf Tibetisch Shakpa, gegenüber uns selbst und nicht gegenüber einer außenstehenden Person oder Macht. Wir betrachten unsere Handlungen ganz aufrichtig und erkennen ihre Folgen an. Durch das Erkennen unseres Fehlverhaltens, seien es nun Gedanken oder Taten, schaffen wir es, uns von Schuldgefühlen und negativem Karma zu befreien.

Können uns Schuldgefühle schaden?

Schuldgefühle können schaden, wenn wir ihren Zweck nicht erkennen. Schuld kann nützlich sein, wenn wir die Auswirkung unserer schädigenden Handlungen und Emotionen auf andere erkennen. Wenn wir uns das wirklich bewusst machen, bedauern wir es und werden beginnen, etwas dagegen zu tun.

Können wir überhaupt vermeiden, ­etwas Falsches zu tun und schuldig zu werden?

Ja. Wenn wir unseren Geist ruhen lassen und und damit unserem Herzen folgen, basieren unsere Taten und Gedanken auf Weisheit und nicht auf Unwissenheit. „Den Geist ruhen lassen“ bedeutet, nicht intellektuell über etwas nachzudenken, sondern eher ­eine entspannte Bewusstheit über die inneren Prozesse zu haben, damit ­unsere innere Weisheit überhaupt ­auftauchen kann.

Es wird viel über Verzeihen und Vergeben gesprochen. Ist es aus buddhistischer Sicht wichtig zu vergeben?

Im Buddhismus gibt es verschiedene Ebenen und daher auch verschiedene Arten von Vergebung. Im Mahayana-Buddhismus sollten wir unabhängig von den Umständen allen fühlenden Wesen wohlwollend begegnen. Aber auf der Ebene des Dzogchen wird alles als Illusion angesehen. Da gibt es niemanden, dem Schaden zugefügt wird, niemanden, der Schaden zufügt, und niemanden, dem vergeben werden kann. Wenn wir den Geist ruhen lassen, gibt es nichts zu beenden, da es nichts gibt, was jemals begonnen hat.

Wie können wir als Opfer frühere Verletzungen überwinden und uns von deren negativen Einflüssen befreien?

Indem wir damit aufhören, die Dinge zu beurteilen und zu bewerten. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft hat noch nicht begonnen. Auf der intellektuellen Ebene erschaffen wir die Zeit, aber jenseits des Geistes existiert keine Zeit. Und wenn wir den Geist ruhen lassen, wird auch die Zeit ruhen und wir sind frei.

 

Der siebte Dzogchen Rinpoche ist einer der höchsten Lamas der tibetisch-buddhistischen Tradition. Nachdem das Dzogchenkloster in ­Tibet während der Kulturrevolution zerstört ­worden war, begann Dzogchen Rinpoche in den 80er Jahren mit dem Wiederaufbau in der tibetischen Siedlung Dondeling in Südindien. Er wird von seinen zahlreichen Schülern auf der ganzen Welt als weiser Lehrer verehrt und geschätzt.


 

Anna Georgiew und Beate Schöttler sind Schüler von Rinpoche. Sie gehören zu dem gemeinnützigen Verein Shenpen Deutschland und treffen sich jeden Dienstag zu Meditation, Praxis und Studium. Mehr Infos unter www.shenpendeutschland.org

In Rinpoches dies­jährigen Vorträgen und Belehrungen geht es darum, die Vergangenheit loszulassen, wirklich ganz im ­Augenblick zu leben und zu lernen, Stress zu überwinden.

Vortrag
am Fr, 10. April, 19.30 Uhr: Die Vergangenheit loslassen

Seminar
am Sa, 11. April,
10-16 Uhr: Leben im ­Augenblick – Ermächtigung und Belehrung
Ort: Waldorfschule Kreuzberg, Ritterstr. 78 10969 Berlin-Krzberg

Info und Anm. unter Tel. 0176-863 404 09
events@shenpendeutschland.org
www.shenpendeutschland.org

Fünf-Tages-­Dzogchenretreat
„Leben ohne Stress“, 12.-17. April 2015 in der Uckermark.
Info und Anm. über dzogchenretreat@
www.shenpendeutschland.org

 

Eine Antwort

  1. Mah'saa
    unvollkommen

    hiermit beziehe ich mich ebenso auf die Rubrik “Ganzheitliches Wissen“ unter dieser Artikel steht.

    Anmerkung: Es gibt “keine Schuld“, genauso wie es “kein Richtig oder Falsch“ gibt.

    Daher halte ich dieses Wissen als Unvollkommen.

    Genauso dieses “Alte Wissen“ als Kondom zu benutzen

    oder

    “nicht beurteilen oder bewerten“, kommt einer Entmündigung nahe. Das jedoch am Rande.

    Antworten

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