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Ich denke, jeder hat schon einmal mehr oder weniger intensiv die Erfahrung gemacht, widerstandslos im Fluss des Lebens mitzufließen. Für mich ist es mit Abstand das Schönste, was diese Welt zu bieten hat: „Ich“ bin nicht mehr – oder trete zumindest in den Hintergrund – und etwas anderes übernimmt das Ruder. Die Erfahrung ist verbunden mit dem Gefühl tiefer Berührtheit, Leichtigkeit, Geborgenheit, Sicherheit, Liebe. In ihr zeigt sich eine Verbindung zu einem genial einfachen, klaren und punktgenauen Wissen, einer künstlerischen Kompetenz und Inspiration, die weit über das von mir Gelernte hinausgeht. Sie lässt mich währenddessen einfach nur staunen, was sich da durch mich gerade ausdrückt.

Leider ist das nun nicht mein Normalzustand, sondern eine absolute Ausnahme. Das führt zu einer unglaublichen Sehnsucht, dort immer öfter – am besten ständig – zu sein. Was mich daran hindert, sind all meine Bewertungen, Widerstände gegen das Leben, wie es eben ist, all meine Ängste, Spannungen – eben die gesamten Ich-Verkrampfungen meines Verstandes. Meine Erfahrung ist allerdings, dass „ich“ eben darum auch nichts machen kann, damit sich dieser Raum öffnet.

Und das ist auch gar nicht gefordert. Was das Leben von mir will – das ist jedenfalls meine Erfahrung –, ist eine immer umfassendere Bewusstwerdung meiner Ich-Strukturen und die Bereitschaft, all das, was nicht die Liebe an erste Stelle stellt, loszulassen. Diese Bereitschaft reicht, denn das Ich kann ja das Ich nicht selbst loslassen. Ich kann dabei auch nicht tricksen, denn das Leben erkennt genau, ob ich es ernst meine oder nicht. Ich kann auch keine Bedingungen stellen à la „Okay, ich lasse das los, wenn ich die Liebe bekomme“.

Auf diesem Weg gibt es keine Deals. Ich kann nur ehrlich bereit sein, mich hinzugeben. All unsere Bemühungen – Meditation, Yoga, Mantra-Singen, Therapien, jegliche spirituelle Arbeit – sind völlig in Ordnung, aber da sie aus einem „Ich“- Willen kommen, schießen sie notwendigerweise immer knapp am großen Ziel vorbei.

Der letzte Schritt ist einfach Gnade – und ob und wann meine Bereitschaft von dieser göttlichen Präsenz angenommen wird, weiß ich nicht …

Jörg Engelsing

Eine Antwort

  1. Silke Schickert
    Mich im Ich finden

    Lieber Jörg,

    Ich habe diesen Artikel mit Freude und Gänsehaut gelesen, denn du triffst punktgenau was ich (noch) nicht in der Lage war zusammenzustellen und auszudrücken. Lass bitte dein Licht weiter leuchten und schenke uns mehr davon. Herzensgrüsse, Silke

    Antworten

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