Betrachtet man das Thema Erwachen einmal ganz nüchtern, dann ist Erwachen erst einmal eine De-Konditionierung: die Überzeugung, eine vom großen Ganzen getrennte Person zu sein, löst sich auf und macht der Erkenntnis Platz, reine Wahrnehmung, Bewusstsein und Liebe zu sein. Ein spiritueller Lehrer sagte mir einmal, dass dieses Geschehen, dieses große Ziel auf dem spirituellen Weg, auch nur eine Baustelle von vielen sei – zwar zentral, aber unser ganzes psychisches System ist ein Konglomerat von Konditionierungen, die uns an den verschiedensten Stellen weiter gefangen halten. Durch das Wegfallen der Identifikation mit Körper, Gefühlen und Gedanken beschleunigt sich zwar der Prozess der De- Konditionierung, weil wir weniger Widerstand leisten, aber wirklich frei können wir nur dann sein, wenn alle beengenden Vorstellungen und Glaubenssätze unser System verlassen haben.

Kurze Erfahrungen von Freiheit, Einheit und vollkommenem Fließen mit dem Leben haben mich immer wieder ein Stück weit getragen, auf der anderen Seite verursachten lange Durststrecken ohne derartige Erfahrungen tiefe Verzweiflung und Ungeduld in mir sowie das Gefühl, einfach nicht weiterzukommen. In letzter Zeit änderte sich dieser Blickwinkel etwas: Ich habe in meiner Wohnung einen Vorratsraum neben der Küche, der kein richtiges Schloss hat, sondern über einen Magnet schließt, der aber so ausgeleiert in seiner Fassung hängt, dass er seine Aufgabe nicht mehr übernehmen kann.

Über viele Jahre habe ich immer ein Stück Teppichboden zwischen Tür und Rahmen geklemmt, damit die Tür nicht aufgeht und kalte Luft in die Küche gelangt – eine mit der Zeit nervende Methode. Letztens kam ich auf die Idee, daran etwas zu ändern, und klebte das Stück Teppichboden einfach an der Tür fest. Trotzdem griff ich noch mehrere Wochen auf das Regal neben der Tür, um das Stück Teppichboden in den Türspalt einzusetzen, obwohl das ja gar nicht mehr nötig war. Und ich konnte dabei sehen, wie lange es braucht, bis sich eine Konditionierung verabschiedet – selbst wenn sie so oberflächlich und nicht durch ein Trauma entstanden ist und durch eine Mauer von Widerständen und Armeen von Abwehrgedanken geschützt wird. Die Zeiträume, die für eine umfassende Transformation erforderlich sind, haben anscheinend andere Dimensionen, als ich das gerne hätte …

Jörg Engelsing

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