Letztens ist in meinem Schlafzimmer ein Heizkörper undicht geworden. Ich kam irgendwann nach Hause, stand neben meinem Bett und wunderte mich, dass ich nasse Füße hatte. Das Ausmaß des Schadens war größer, als ich anfangs dachte. Ein Freund half mir, schnell mein Bett aus der Gefahrenzone zu evakuieren. Da unter dem total überschwemmten Teppichboden Holzbohlen liegen, durch die es bald in die Decke der darunter liegenden Wohnung zu tropfen drohte, nahm ich kurzerhand ein Teppichmesser und schnitt den ganzen nassen Teppichboden heraus. Immerhin fiel der Aktion rund ein Drittel des gesamten Teppichbodens zum Opfer. Die Versicherung forderte mich in den Formularen zum Schadensbericht unter anderem auf, den Wert des Teppichbodens anzugeben. Da ich seit rund 18 Jahren in dieser Wohnung wohne und den Teppichboden noch vom Vormieter übernommen habe, der ihn wohl kurz vorher verlegt hatte, habe ich weder eine Quittung noch ist der Restwert des Teppich – bodens auch nur einigermaßen erwähnenswert.

Sofort tauchten in meinem Kopf Gedanken auf, den Teppichboden wenigstens um zehn Jahre zu verjüngen, damit ich überhaupt eine Chance habe, von der Versicherung noch etwas Geld zu bekommen. Dabei fiel mir auf, dass ich anscheinend noch Glaubenssätze in mir herumtrage, die besagen, dass ich lügen muss, um gut und glatt durchs Leben zu kommen und um die Dinge zu erhalten, die mir wichtig sind. Das heißt: Immer noch traue ich dem Leben nicht ganz, habe immer noch das Gefühl, dass ich von mir selbst etwas dazutun, dass ich kontrollieren und steuern muss, damit ich nicht untergehe.

Ich glaube immer noch nicht, dass das Leben immer das Beste für mich will, sondern handle aus der Überzeugung, dass ich für mich selbst sorgen und meine Bedürfnisse gegen andere verteidigen und durchsetzen muss. So wunderbar unterstützend Kraftorte jeder Art im Außen sein können: Für mich liegt der größte Kraftort in mir und darin, absolut wahrhaftig zu sein, mich nicht zu verdrehen und zu verstellen, sondern so zu sein, wie ich bin. Und immer wieder weist mich das Leben noch auf Stellen in mir hin, wo ich denke, dass ich mich gegen die Auswirkungen des Lebens schützen muss. Gut, dass ich mich wieder mal dabei erwischen durfte … 

Jörg Engelsing

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