Als ich 18 Jahre alt war, hielt ich mich für den Coolsten der Welt. Nicht, dass ich damals wirklich selbstbewusst gewesen wäre, aber die Abwehr stand felsenfest und die Verdrängung funktionierte noch sehr gut. Gegenüber allem, was mein Selbstbild hätte irritieren können, verschloss ich einfach Augen und Ohren. Als mein WG-Mitbewohner Michael in einem Streit mal sagte, dass ich einen Minderwertigkeitskomplex hätte, brüllte ich kurz rum und schlug wütend die Tür hinter mir zu.

Irgendwann wurde ich chronisch krank, die Energie ging in den Keller und die Mauer, die ich gegen meine Gefühle von Minderwertigkeit aufgebaut hatte, begann arg zu bröckeln. Als ich anfing, mich dem ganzen Elend dahinter zu widmen, hatte ich so zwei bis maximal drei Jahre Therapie im Kopf, bis ich meine Probleme gelöst haben würde, um mich dann endlich wieder dem „richtigen“ Leben zu widmen: Windsurfen und Mountainbiken. Seitdem sind 28 Jahre vergangen, in denen ich tiefer und tiefer in mich eingetaucht bin, jede Menge Energie befreien konnte und mich immer besser kennengelernt habe.

Ab und zu hatte ich auch Kontakt zu Selbstwertgefühl und Selbstliebe, doch ständig zeigten sich neue Schichten von Wahrheits-verschleiernder Abwehr, Angst, Schmerz, Verzweiflung und teilweise unfassbaren Egomechanismen, die das schöne Selbstwertgefühl wieder überlagerten – und das bis heute tun. Das einzige Zeichen von Selbstbewusstsein: Wenn ich bei Aldi an der Kasse stehe und die Schlange ist ewig lang, dann macht es mir heute überhaupt nichts mehr aus, laut zu rufen: Könnten Sie bitte noch eine Kasse aufmachen? Das war mir früher nicht möglich.

Das mag sich jetzt als Ergebnis jahrzehntelanger Therapie und Selbsterfahrung ziemlich armselig anhören, aber es gibt glücklicherweise noch einen weiteren Aspekt von Entwicklung, der sich aber auch erst in den letzten zwei Jahren eingestellt hat und den ich so langsam schätzen lerne. Ich kann mich und meine ganzen Vermeidungsstrategien und Denkmuster immer besser beobachten, ohne dabei das Gefühl zu haben, einschreiten und sie ändern zu müssen. Nicht, weil ich so ein unglaublich bewusster Mensch bin, sondern einfach, weil ich keine Kraft mehr habe, mich gegen das ganze Zeug zu wehren.

Wenn andere von ihrem spirituellen Weg erzählen und den Verbesserungen und „Siegen“, die sie erzielt haben, kann ich nur sagen: Mein spiritueller Weg ist im Großen und Ganzen eine Serie von Niederlagen. Und trotzdem gibt es nichts anderes, was mich interessiert, seit ich vor 22 Jahren eine Erfahrung des Raumes hatte, in den uns wohl alle unsere Sehnsucht zieht: völlige Einheit und bedingungslose Liebe…

Jörg Engelsing

Author: Oliver Bartsch

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Innenweltreisender, Redakteur der SEIN.

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