In letzter Zeit kam bei mir noch einmal viel Angst an die Oberfläche und wollte gefühlt werden. Ich erkannte, dass es immer noch die Angst vor meinem Vater war, den ich als Kind meist als bedrohlich-unkontrollierbar, cholerisch und auch gewaltsam wahrnahm – die Angst, unwissentlich einen Fehler gemacht zu haben und dafür bestraft zu werden. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dieser Angst beginnt sich in mir eine Härte gegenüber anderen und mir selbst zu lösen. Es ist die gleiche Härte, die mir mein Vater entgegengebracht hat, die Enge seiner Vorstellungen, in die er versucht hat mich zu pressen – ein Maßstab, den ich dann unbewusst an mich selbst und andere anlegt habe und mit dem ich ständig bewerte, ob der andere oder ich „richtig“ sind.

Jetzt taucht plötzlich immer mal wieder eine andere, weichere Sichtweise auf, ganz von selbst und ohne Absicht. Es entsteht auch eine Tendenz, die Dinge positiver zu sehen als bisher: Ich kann zunehmend auch in Dingen, die mich nerven – manchmal nur wie als eine Art Blitz im Bewusstsein – die grundsätzliche Richtigkeit des Lebens erkennen. Es ist nichts, was ich mache, sondern einfach etwas, was ich an mir beobachte. Dabei bemerke ich auch, welchen Grad an Perfektion und Funktionieren ich von mir und anderen erwartet habe, um Gnade vor den Augen meines inneren Zensors zu finden. Ich habe die ganze Zeit Krieg mit mir selbst und dem Leben geführt. Mein Körper-Seele-Geist-System weigert sich schon lange Zeit, diesem Anspruch zu entsprechen, und boykottiert mich, indem es mich einfach nicht in meine Kraft kommen lässt und mich in Schwäche und Krankheit bugsiert. Es will das Spiel des Funktionierens nicht mehr mitmachen und läuft dagegen Amok.

Ein echter gesellschaftlicher Wandel ist mit derartigen Angst- und Schutzstrukturen und der Identifikation jeden Gegenübers als potenzieller Gefahr – wie das bei mir bisher war – nur sehr begrenzt möglich, denn echter Wandel bedeutet, das Gegenüber an mich heran- und in mich hineinzulassen. Nur so sind echte Kommunikation und wirklicher Austausch – die Grundlage für friedliche Veränderung – möglich. Solange der Wandel nicht aus der Tiefe unseres Selbst kommt, solange wir uns nicht selbst verwandelt haben – das merke ich jetzt noch einmal auf einer neuen Ebene –, so lange fehlt dem Wandel die echte Kraft.

Jörg Engelsing

Author: Oliver Bartsch

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Innenweltreisender, Redakteur der SEIN.

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