Aktuell werden wir weltweit mit dem Thema Mangel und Fülle konfrontiert: Fast überall sind jede Menge kulturelle und kulinarische Angebote monatelang den Lockdown-Beschränkungen zum Opfer gefallen, Geschäfte aller Art mussten schließen sowie ganze Wirtschaftszweige ihre Produktion zurückfahren. Viele Menschen haben sogar aufgrund der Beschränkungen Arbeitsplatz und Existenzgrundlage verloren. Eine Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang stellt: Abgesehen von Ausbildung, familiärem und gesellschaftlichem Hintergrund – warum zieht es manchen Menschen regelrecht den Boden unter den Füßen weg, während andere aus der weltweiten Krise sogar noch Inspiration und Motivation für neue Projekte beziehen?

Meine erste Antwort: Jeder muss zu dem, was ihm passiert, auf irgendeiner Ebene eine Resonanz haben. Bei mir selbst kann ich verschiedene Aspekte von Selbstbehinderung bis hin zur Autoaggression sehen, was eben Mangel verursacht. Ein Glaubenssatz, der mir immer wieder begegnet, redet mir beispielsweise ein, dass ich im Grunde überhaupt gar keine Existenzberechtigung auf diesem Planeten habe. Eine wichtige Erkenntnis dazu war, dass es keine wie auch immer geartete Macht im Außen gibt, die mir Böses will. Letztlich ist jede Energie, die uns bremst, eine Facette von Autoaggression, die ihren Ursprung in verdrängter Lebensenergie hat, die sich befreien will. Diesen Strukturen auf die Spur zu kommen, ist schon einmal ein Anfang, damit sie sich auflösen können.

Ich habe aber gemerkt, dass hinter all dem noch etwas viel Grundlegenderes und Umfassenderes existiert, das mich immer wieder auf meinem Weg in die Knie zwingt und den Lichtfunken der Fülle überdeckt: Es ist die Notwendigkeit des Scheiterns, das nicht nur all meine innere Verzweiflung an die Oberfläche bringt, sondern auch meiner Überheblichkeit enorme Dämpfer versetzt. Überheblichkeit beginnt da, wo ich anfange, das Leben – und vor allem andere Wesen – zu bewerten. Hier passt mir etwas nicht, dort ist ein Haar in der Suppe – und wenn ich mich doch einmal zu einem Ja durchringen kann, schleicht sich schnell ein „aber“ durch die Hintertür herein. Muss ich dagegen nicht größer und besser sein als andere, öffnet sich auf einmal der Raum für deren So-Sein, es entstehen Kontakt und Verbindung, die Liebe blitzt kurz durch die Wolken meiner Konditionierungen. Dann ist alles richtig, jeder darf sein, wie er ist, aus Unvollkommenheit wird Schönheit und Fülle – und sogar im Scheitern kann ich diese göttliche Schönheit sehen. Nur: Diese Schönheit bewusst herstellen zu wollen, ruft wieder nur ein Scheitern hervor. Und auch das ist richtig…

Jörg Engelsing

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Innenweltreisender, Redakteur der SEIN.

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