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Wer den Film „Wie im Himmel“ gesehen hat, erinnert sich vielleicht daran: Eine Chorgemeinschaft lässt sich in besonderer Weise auf das Singen ein und ihr Leben ändert sich. Die Kraft der Musik, insbesondere die Kraft der Stimme, wandelt und bewegt. Warum ist das so, warum bleibt nichts mehr so, wie es ist, wenn wir beginnen, mit und an unserer Stimme zu arbeiten?

 

Die Stimme ist eines der persönlichsten Ausdrucksmittel des Menschen. Alles zeigt sich in ihr, Persönlichkeitsmerkmale, biografische Umstände und soziokulturelle Aspekte. Sie fließen in physiologische Abläufe ein und prägen den individuellen Stimmklang.

Möglich wird dieser Ausdruck durch die Anatomie des Kehlkopfes und die zum Sprechen und Singen notwendige Muskulatur. Der Stimmklang entsteht durch die Schwingung der Stimmlippen innerhalb des Kehlkopfes. Erzeugt wird die Schwingung durch Atemluft, die aus der Lunge strömt. Da der Kehlkopf sowohl über das willkürliche als auch über das unwillkürliche Nervensystem innerviert wird, wirkt sich alles, was uns Menschen bewegt, unmittelbar auf  die Stimme und den stimmlichen Ausdruck aus. Die Stimme spiegelt unsere seelische Verfassung wider.

Vermutlich machen wir uns wenig Gedanken darüber, wie sehr unsere Stimme Merkmal der eigenen Identität ist. Erst wenn sie einmal nicht mehr so selbstverständlich funktioniert, wenn sich durch äußere und innere Einflüsse der Klang und die Ausdrucksform der Stimme verändert, bemerken wir, wie sehr unsere Stimme unsere gesamte Person repräsentiert.

 

Verminderter Resonanzraum

Freude, Angst, Leid, Trauer, Aufregung, jede Erfahrung, jede Emotion wird im Gedächtnis abgespeichert und findet sich als individueller Ausdruck in unserem Körper wieder. Diese Reaktionen bemerken wir häufig sofort, die Stimme ist belegt bei Kummer, ist heiser vor Aufregung und hoch gestimmt, wenn wir uns freuen. Ebenso häufig aber treten langfristige Veränderungen auf, die im ersten Moment nicht so deutlich erkennbar sind. Bringt es das Leben mit sich, dass „die Zähne zusammengebissen werden“, „die Luft angehalten“ und der Rücken gerade gehalten wird, dass die „Schultern viel zu tragen haben“ und viel „geschluckt“ werden muss – die Liste ließe sich hier mühelos fortsetzen – wirkt sich das auf Dauer auf die gesamte Körpermuskulatur aus. Sie verhärtet, verkürzt und verdickt sich, ebenso sind unsere Sehnen betroffen. Im Laufe der Zeit entwickeln sich auf diese Weise muskuläre Strukturen, die wie Panzerungen wirken und gleichzeitig eine Schutzfunktion übernehmen. Stirn, Kiefer, Mund, Hals und Zunge, aber auch Brust, Rücken und Becken sind häufig betroffen. Wir bemerken es in Form von Verspannungen und Blockaden, die sich nicht nur beeinträchtigend auf unsere Resonanzräume und somit auch auf unsere Schwingungsfähigkeit auswirken, sondern ebenso auf die Beweglichkeit der Stimmlippen und des gesamten Kehlkopfes. Doch genau diese Körperbereiche sind beim Singen und Sprechen maßgeblich und unterstützend beteiligt.

So komme ich zur Beantwortung der Frage, warum Veränderung und Bewegung geschieht, wenn wir uns auf die Arbeit mit der Stimme und ganz besonders mit der Gesangsstimme einlassen. Die funktionale Arbeit an der Stimme verändert nicht nur das Klangbild, sondern unsere Stimme beginnt dann zu klingen und zu schwingen, wenn wir uns darauf einlassen, loszulassen. Der Zugang zu unseren Resonanzräumen wird freier, indem wir Spannungen und Blockaden aufgeben. Dies bedeutet aber auch, Schutzräume aufzugeben, sich auf Neues einzulassen und sicheres Terrain zu verlassen. 

 

Singen und loslassen

Es erfordert Mut, die eigene Stimme klingen zu lassen und sich damit anderen gegenüber in der momentanen Verfassung zu offenbaren. Es erfordert Mut, alte Verhaltensmuster über Bord zu werfen und sich auf neue einzulassen. Und es erfordert Mut, vertraute Pfade zu verlassen, die eine vermeintliche Sicherheit schenken.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen, die sich entschließen, an ihrer Gesangsstimme zu arbeiten, oft auch eine innere Bereitschaft besitzen, etwas in ihrem Leben zu verändern. Dies beobachte ich unabhängig davon, wie die Stimme beschaffen ist, stimmliche Attribute wie „schön“ oder „normal“ spielen dabei keine entscheidende Rolle.

Gelingt es, durch die Arbeit mit der Stimme Veränderungen im Umgang mit dem Körper zuzulassen, wirkt sich dies oft auch auf der geistig-seelischen Ebene aus, denn durch das Loslassen von Körperhaltungen, durch Veränderungen in der Körperwahrnehmung, durch die veränderte Beweglichkeit von Kehlkopf und Stimmbändern und die damit verbundene veränderte Schwingungsfähigkeit erweitern und verändern sich auch die Haltungen und Einstellungen im täglichen Leben.

Sich selber über die Stimme zu entdecken, mit ihr zu wachsen und sich zu verändern ist spannend, herausfordernd und beglückend zugleich – die Kraft der Stimme verändert und bewegt.


Abb: © Swifter – Fotolia.com

Eine Antwort

  1. diana

    jawoll, das ist wirklich und wahrhaftig so. ich habe selbst erst mit 35 jahren zum singen gefunden und habe mich und mein leben vollständig geändert.es erfordert mut und durchhaltevermögen sich auf dieses abeteuer einzulassen,wie jede arbeit an sich selbst. aber es lohnt sich!
    liebe grüße
    diana

    Antworten

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