Du bist es leid, deinen Emotionen ausgeliefert zu sein? Hier sind fünf Schritte zu einem neuen Leben.

von Aaravindha Himadra (Übersetzung: Aiyanna Diyamayi)

Lange Zeit war die Wissenschaft der Ansicht, dass Emotionen von Geburt an Teil des zerebralen Aufbaus des Gehirns sind und bereits in die Struktur des Gehirns integriert sind. Aber das sind sie nicht. Sie werden durch deine fortlaufenden Reaktionen auf Lebenserfahrungen konstruiert. Du hast mehr Autorität darüber, deine emotionale Realität zu regulieren, als du vielleicht glaubst. Emotionen sind nicht in dein Gehirn eingebaut. Du kultivierst sie als Mittel, um auf schwierige oder vielversprechende Lebenssituationen zu reagieren. Sie sind keine Veranlagungen, sie sind erlernt. Deine Emotionen werden durch Einschätzungen, Vermutungen und Ahnungen geprägt. Sie sind dein bestmöglicher Versuch zu erraten, wie du auf schwierige Situationen reagieren solltest. Sie sind das Ergebnis von Vermutungen, die sich aus deiner Erinnerung darüber speisen, wie du in der Vergangenheit mit Hoffnungen und Abwehrreaktionen umgegangen bist. Diese gewählten Antworten bilden dann reaktive emotionale Schichten oder emotionale Überlagerungen, die deinen gegenwärtigen Alltag beherrschen. Die Erinnerung an emotional geladene Ereignisse rufen deine in der Vergangenheit gewählten Reaktionen hervor, um automatisch mit dem umzugehen, was gerade ist.

Emotionen als Schutz der Ego-Strukturen

Möglicherweise hoffst du aufrichtig, deine emotionalen Reaktionen ändern zu können. Vielleicht hast du aber auch gelernt, dich auf deine Emotionen zu verlassen, und schützt sie als wichtige Reaktionen, die dich dabei unterstützen, so zu sein, „wie du bist“. Vielleicht möchtest du im Geheimen gerne weinerlich sein, um andere zu kontrollieren, oder findest Rationalisierungen für deine Emotionen, um Gründe zu haben, dass du in einer Opferrolle bleiben kannst. Du wirst zu der hilflosen Person, mit der du dich mit der Zeit identifiziert hast. Dein Weinen oder dein Leiden ist vielleicht zu deiner Überlebensstrategie in schwierigen Situationen geworden und hat dir als Mittel gedient, um durch Mitleid oder Unterstützung von anderen das zu bekommen, was du brauchst. Vielleicht genießt du es insgeheim, deine Beherrschung zu verlieren, weil deine emotionalen Wutausbrüche dir die Kontrolle über andere geben. Oder vielleicht hilft dir deine Wut dabei, dich vor Dingen zu drücken, die du nicht tun willst. Diese emotionalen Reaktionsszenarien stehen immer in Bezug zu einer Geschichte in der Vergangenheit. „Ich bin so, weil mir dies oder jenes passiert ist!“ Die steuernde Instanz in diesen Situationen ist deine angenommene Identität – „Wer bin ich?“ oder „Wer will ich werden?“. Sobald du glaubst, dass du jemand Bestimmtes bist, oder hoffst, jemand Bestimmtes zu sein, stellen sich Emotionen ein, um diesen Motivationen zu dienen oder sie zu verteidigen.

Das Prinzip Wiederholung als Weg in die Freiheit

Die Art und Weise, wie du bist, entsteht nicht nur durch deine Reaktion auf ein einzelnes Ereignis. Die Art, wie du dich zeigst, wird im Laufe der Zeit aufgebaut, indem bestimmte Reaktionen auf ähnliche Lebenserfahrungen wiederholt und dadurch verstärkt werden. Dein Gehirn reagiert auf die Wiederholung durch die Bildung von neuronalen Wegen, die als dein konstruiertes mentales Gerüst fungieren. Irgendwann wirst du vielleicht nicht einmal mehr wissen, dass du als Opfer agierst oder als jemand, der vor Wut außer sich ist. Deine neuronalen emotionalen Landkarten machen alles für dich. Glücklicherweise kann die Fähigkeit des Gehirns, neuronale Wege zu erzeugen, auch zu deinem Vorteil genutzt werden. Die Eigenschaft, die Veränderung schafft, ist die gleiche grundlegende Methode, die deine gewohnheitsbedingten emotionalen Reaktionen erzeugt hat: Wiederholung.

Der erste Schritt, um dein emotionales Programm zu ändern, besteht darin, mental zurückzutreten und dir deiner selbst gewahr zu werden. Du tust dies, indem du deine Meta- Kognitionen entwickelst: Du wirst dir bewusst, worauf sich dein Bewusstsein konzentriert (zum Beispiel: Mir wird bewusst, dass ich wütend bin). Je öfter dir dies gelingt, desto leichter wird es. Erinnere dich daran, dass Wiederholung dein Gehirn vernetzt. Mit genügend Übung darin, dir deiner selbst gewahr zu werden, fängst du automatisch an, das Selbstgewahrsein den unbewussten Reaktionen vorzuziehen.

Der zweite Schritt zur Veränderung deiner automatisierten emotionalen Programmierung besteht darin, deine Meta-Kognitionen als ein Mittel einzusetzen, um deine Emotionen ohne Vorurteil oder Präferenz zu fühlen. Fühle einfach die Emotionen, ohne Widerstand und ohne Urteil. Der Schlüssel dazu ist eine ehrliche und offene Empfänglichkeit für das, was ist. Ziehe aufrichtiges Fühlen dem „Aufspringen und Suhlen“ in der Emotion vor.

Sobald du die Emotion aufrichtig fühlst, kannst du deinen dritten Schritt machen: Du gibst weiter jeglichen Widerstand gegenüber der Emotion auf und näherst dich dem innersten Punkt der Emotion, ohne dich auf sie einzulassen. Das heißt, du kannst nun die Emotion vollkommen fühlen, ohne dich vor ihr zu verschließen oder im Widerstand zu ihr zu sein. Gleichzeitig verlierst du dich nicht in der Emotion und identifizierst dich nicht mit ihr. Dies gibt dir die Möglichkeit, zwischen dem zu unterscheiden, was die Emotion ist, und dem, was wirklich ist in diesem Moment. So kannst du dich in den nächsten Schritten für die Botschaft öffnen, die hinter der Emotion liegt, ohne von der Emotion in der Klarheit deiner Wahrnehmung beeinflusst zu werden. Wenn du diese Phase vollenden kannst, kann es sein, dass die Emotion tatsächlich ganz verschwindet und einen leeren Raum zurücklässt. Dieser leere Raum, wo einst die Emotion war, kann als eine Art Frage in deinem Geist gehalten werden.

Neue Antworten aus dem Inneren

Der vierte Schritt besteht darin, sorgsam in dich hineinzuhören, was deine Fähigkeit zu fühlen als ehrliche alternative Antwort hervorbringt, um auf die Situation zu reagieren, die ursprünglich die Emotion ausgelöst hat. Die richtige Antwort löst das Gewicht auf deinem Herzen auf und fühlt sich frei an. Wenn deine Gefühle eine positive, befreiende Reaktion hervorbringen, wirst du eine damit assoziierte Leichtigkeit des Seins spüren, deren Umsetzung Freude verspricht. Wenn das nicht passiert, lausche ein wenig länger.

Sobald du diese Antwort gefunden hast, mache deinen fünften Schritt – handle entsprechend! Ein Beispiel könnte sein, dass es dich immer wieder über die Maßen wütend macht, wenn dich jemand im Gespräch unterbricht. Vielleicht ist die Antwort, die dein Herz leichter macht, die, dass du dir selbst nicht zuhörst und dir mehr Geduld entgegenbringen musst, um diese Frustration zu lösen. Die Erkenntnis alleine wird dieses emotionale Muster nicht dauerhaft lösen, du musst sie umsetzen und dir ab jetzt mehr Geduld entgegenbringen und auf deine wahren Bedürfnisse hören. Dieser Akt ist der Beginn deiner neuen neuronalen Kartografie und der Weg dahin, emotionale Freiheit zu erschaffen. Wenn du dich deinen Meta-Kognitionen widmest, kannst du durch bewusste Selbstaufmerksamkeit eine Reaktion auf das erzeugen, was wirklich ist. Einfach, indem du nicht auf das programmierte oder automatisierte Feedback hin handelst.

Du kannst dies aber nicht tun, indem du die Emotion ablehnst, denn das würde den Druck, der durch die Emotion innerlich entsteht, nur verschlimmern. Stattdessen versetzt dich der Prozess der fünf Schritte irgendwann in die Lage, eine alternative Antwort zu bevorzugen, eine bewusste Antwort, die dich auf einen neuen Weg zu einem positiven Lebensausdruck bringen kann.

Aaravindha ist in diesem Herbst in Europa und gibt am 13./14.10. in Zürich und am 3./4.11. in München ein Wochenendseminar. Nähere Infos auf www.aaravindha.com.

Author: Oliver Bartsch

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