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Die Sehnsucht nach Erlösung, Ganzheit, Heilung, Heimkommen und Erleuchtung ist groß – und wird mit jeder Menge Workshops bedient, die das Ersehnte versprechen. Klaus Peter Horn wirft einen Blick auf die psychischen Strukturen von Heilsbringern und Suchenden.

 

Das Heilsversprechen endgültiger Erlösung vom irdischen Leiden löscht die Konsequenzen irdischer  Geburt und setzt sich so kurzerhand über die Aufgabe des Menschseins hinweg ins Ungeschaffene, Ungeborene und damit ins Lichte und Leichte, ins glückselige, problemfreie Schweben.

Erlöser, Heilande und therapeutische Vermittler dieses Heils müssen unter Beweis stellen, dass sie mächtig und unverletzlich sind, denn unsere inneren Kinder brauchen  Sicherheit und Macht, um zu vertrauen und sich zu öffnen. Macht und Unverletzbarkeit können äußerlich demonstriert werden durch Burgen, Schlösser, Armeen, Bankkonten und Industrieimperien – oder sie können fühlbar werden durch einen Zustand permanenter spiritueller Anästhesie, die den lächelnden Erlöser von den Leiden, Schmerzen und Unzulänglichkeiten eines Erdenwurms unberührt erscheinen lassen und so sein Übermenschentum dokumentieren. 

Während Christen, Juden und Moslems auf endgültige Erlösung erst nach dem Tod hoffen dürfen, bieten östlich inspirierte Heilsbringer des New Age die frohe Botschaft des „Paradise Now“. Dieses Heilsversprechen wird besonders attraktiv durch die gleichzeitige An- kündigung einer globalen Katastrophe, eines endgültigen Untergangs, den die Menschheit in ihrer grenzenlosen Ignoranz selbst verschuldet hat. Je drastischer die globalen Krisensymptome sich zuspitzen, umso glaubwürdiger wird den Erlösung Suchenden die Schreckensvision von der endgültig verbrannten Erde. Damit wächst verständlicherweise die Bereitschaft, noch einmal alles zu geben, sich voll und ganz einem Heilsweg zu verschreiben, um den Sprung auf die Arche Noah der Glückseligen zu schaffen, ehe es zu spät ist. Die entspannte Blumenkinder-Haltung der sechziger und siebziger Jahre ist passé.

 

Total intensiv

„Sitting silently, doing nothing, spring comes and the grass grows by itself“ –dieses frühe Osho-Motto bezeichnet das Lebensgefühl jener Hippie-Spiritualität.
Heute bestimmt Torschlusspanik die Szene. Ihr Credo ist deshalb „Intensität“.
Jedes zweite Angebot wirbt mit dem Stichwort „intensiv“. Solche spirituellen Heilswege sind erfolgreich, deren Botschaft lautet: „Wenn du nur hart und intensiv genug arbeitest, betest oder meditierst, kannst du es schaffen. Wenn du nur positiv genug denkst, vertraust, alles loslässt und dich ganz hingibst – wirst du errettet werden und bist frei von allem.“

So überbieten sich Erlösungsangebote in intensiven Forderungen an die Suchenden. Harte Körperarbeit oder ein Gruppen-Marathon lässt die übermüdeten, erschöpften Teilnehmer wenigstens in dem Gefühl nach Hause gehen, sich redlich für ihre Ziele angestrengt zu haben. Dazu kommt noch die angenehme zwischenmenschliche Nähe, die durch extreme Gruppenerfahrungen zwischen den Menschen entsteht – Grenzen, Tabus und Darstellungsbedürfnisse weichen entspanntem gemeinsamen Dahindämmern oder einer kollektiven Euphorie. Nach dem Workshop finden sich die Gruppenmitglieder im Alltag wieder als getrennte Einzelne und wünschen sich nichts sehnlicher als eine Wiederholung dieser Erfahrung von Geborgenheit und Nähe. Ganz ähnlich wie bei anderen Abhängigkeiten isolieren sie sich nun von der Außenwelt und schaffen eine gemeinsame Innenwelt, in der die ersehnte Erfahrung wiederholt wird. In dem Maße, in dem die gesuchte Erfahrung das Setting der Gruppe und ihrer Leiter braucht, erhöht sich die psychische Abhängigkeit des Einzelnen und die Entfremdung von seiner früheren Umgebung.

 

Der Durchbruch

Es sind vor allem „Durchbruchs“-Gruppen, die so arbeiten. Strenge Reglementierung, Verpflichtung, den Instruktionen der Leiter zu folgen, Schlafentzug, radikale Konfrontationen mit anderen Teilnehmern, ständiges Antreiben oder Beschimpfen sind einige ihrer Merkmale. Um die notwendige Energie für den Durchbruch zur Erlösung zu erhöhen, erlauben sich Teilnehmer in ihrer Gruppe immer härtere Angriffe aufeinander, immer stärkere Verpflichtungen füreinander und für die Gruppe. Dilletantisch und schmerzhaft stochert man sich gegenseitig in der Psyche herum. Heftige Gefühlsausbrüche oder Zusammenbrüche im Schoß der Gruppe gelten als sicheres Zeichen dafür, dass „etwas passiert“ – man sich also dem Ziele nähert.

Das innere Kind, dem die Erlösungsarbeit ursprünglich dienen sollte, wird dabei ständig verletzt, geschockt und malträtiert. Es zieht sich zurück und lässt widerspruchslos geschehen, was ja verkündetermaßen zu seinem eigenen Besten ist. Da es keine Chance sieht, sich in Sicherheit zu bringen, verlässt es sich in seiner Panik nun voll und ganz auf die Verheißung seiner Gruppenführung. Und die hat bekanntlich Großes zu bieten:
Manche glauben, dass Engel oder Ufo-Kommandos die Guten abholen werden, wenn die Erde untergeht. Andere sind sich sicher, dass Gott persönlich sie in seine Arme nimmt, wenn die Stunde naht. Kühlere Gemüter rechnen damit, dass die energetische Intensität des Wandels ihre Chance auf endgültige Erleuchtung erhöht.

 

Nach Hause

Nur noch eine große Anstrengung und dann… heim in den Mutterschoß der Existenz. Endlich entspannen und frei sein – Urlaub für immer!
Erlösungsangebote sind folglich in Stil und Aufmachung zunächst stets auf die Bedürfnisse des inneren Kindes ausgerichtet. „Geschützer Rahmen der Gruppe…“, „Vertrauen“, „Intensive Reinigung“, „Der Sprung ins Jetzt“, „Liebe und Ekstase“ sind eingängige Werbetexte.

Ist die Verheißung erst einmal angenommen, das Ziel dem Kinde verkauft, legt sich das Band der Abhängigkeit unmerklich um seinen Hals. Ähnlich wie die erste Zigarette Übelkeit verursacht, ist auch die erste Session vieler Durchbruchsgruppen ein Schock. Im Namen von Intensität und Wahrheit werden die inneren Kinder der Teilnehmer eingeschüchtert, traumatisiert und erpresst, gegen ihre  eigenen Bedürfnisse zu handeln: „Willst du wirklich Freiheit und Liebe für immer? Dann tu, was wir dir sagen!“ Der klassische Doublebind ist hergestellt: Entweder das Kind verlässt den Rahmen. Dann handelt es gegen seine Sehnsucht nach Rettung. Oder das Kind bleibt. Dann handelt es gegen seine eigenen Gefühle. Was immer es tut, ist falsch. Also lässt es den Schock über sich ergehen wie die Übelkeit nach der ersten Zigarette – bis sich der Mechanismus umkehrt. Genau wie der Körper des Süchtigen bald den Stoff verlangt, der ihn zerstört, will das Kind nun dorthin zurück, wo ihm Angst, Schmerz und Panik sicher sind. Es lernt sogar, die manipulativen und demütigenden Forderungen seiner neuen Führer begeistert aufzunehmen, und ist bemüht, sie sich durch harten Einsatz und vorgezeigten Gehorsam gewogen zu stimmen.

 

Das Ego brechen

Denn Durchbruchsgruppen-Leiter begründen ihre Macht vor allem darin, braven Kindern Fortschritt in Richtung Erlösung zu attestieren und Ungehorsamen „Widerstand“ oder gar „Ego“ vorzuwerfen. Dieser „Widerstand“, als Rest eigenen Lebenswillens des Kindes, muss aufgegeben werden. Denn nur durch bedingungslose Hingabe – so die einschlägige Ideologie der meisten Durchbruchsexperten – kann die große Befreiung geschehen. Der Erlöser hat seine diktatorische Machtstellung über das innere Kind vollständig eingenommen. Und das Kind? Solange es den Honig will, ist es seinen Erlösern ausgeliefert. Und welches Kind will keinen Honig?

Wenn ich nicht weiß, wer in mir welche Bedürfnisse hat, kann ich nicht für mich selbst sorgen. Also müssen Erlöser diese Aufgabe von außen übernehmen. Die  können selbst auch nicht anders. Aufgrund ihrer eigenen unbegriffenen Psychodynamik müssen sie den Part im Spiel übernehmen, den ihre erlösungshungrigen Teilnehmer in sich selbst nicht erkennen und annehmen wollen. Deshalb verhalten sich manche Therapeuten und spirituellen Lehrer in genau dem Maße selbstherrlich, omnipotent und allwissend, in dem ihre Anhänger ängstlich, schutzbedürftig und naiv darum bitten.

Heldenverehrung schwächt. Wer einen anderen groß macht, macht sich klein – und rächt sich später dafür. Eine geeignetere Beziehung zu einem Lehrer ist deshalb: Bleib in der Verantwortung! Frage und Antwort, Sehnsucht und Erlösung bleiben bei dir. Niemand kann dir geben, was du suchst, keiner kann es dir nehmen.
Was kann helfen? Den Lehrern: der Mut, sich immer wieder anzuschauen. Den Schülern: nicht an den Weihnachtsmann zu glauben.


Abb.: © Yvonne Prancl – Fotolia.com

Leicht bearbeiteter Auszug aus:
Klaus P. Horn, Die Erleuchtungsfalle. Vom Sinne und Unsinn spiritueller Suche.
1997.

Neuausgabe unter dem Titel „Erleuchtung und Meisterschaft“,
Ullstein Taschenbuch 2005

2 Responses

  1. Brigitte

    Wir leben hier auf dem schönsten Planeten des Universums, hier ist der einzige Ort, wo wir den freien Willen haben – wo wir Erfahrungen in vielen Leben sammeln können, um unser göttliches Bewusstsein anzuheben. Wenn wir Gutes tun, ernten wir Gutes – wenn wir Böses tun, bekommen wir es zurück – das ist die höhere Gerechtigkeit. Wir bereiten jetzt unser nächstes Leben vor. Wenn wir das begriffen haben, sind wir dem Frieden auf der Erde näher. Unseren Feinden zu verzeihen ist das einzige Mittel, das Schicksalsrad zu stoppen – wenn wir das nicht tun, wird das Opfer den Täter finden – und umgekehrt: Aug um Aug, Zahn um Zahn – wiederholt sich in den folgenden Leben, wenn wir nicht vergeben.
    Durch Rückführungen und in Familienaufstellungen kann diese Problematik aufgezeigt und geheilt werden.
    Brigitte Gottlieb, Autorin: „Recognition in the Light of Venus“, Part I. and Part II., www.AuthorHouse.com

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  2. monika zieres-stake

    es gibt keinen freien willen. es gibt keine homogene persönlichkeit. es gibt informationen (gedanken und ereignisse) – und taten oder nichttaten (handlungen) aufgrund dessen geschehen.
    es gibt einen willen, aber dieser ist nicht frei. es scheint nur so.

    herzliche grüsse,
    monika

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