In einer Welt, in der Stress das „new normal“ ist, hat die Gesellschaft größtenteils den Kontakt zu sich verloren – ohne es zu merken. Anpassungsdruck und Erwartungen lasten auf den Schultern unzähliger Menschen. Welche Mechanismen treiben uns an? Wie können wir entspannter leben?

Das Dilemma

Vor einigen Tagen sah ich einem Kind beim Spielen zu. Das Mädchen sprang im Garten der Nachbarn vergnügt auf einem Trampolin auf und ab. Es machte mir Freude, ihr dabei zuzusehen. Sie war so frei, so verspielt, so sehr sie selbst! Eine ältere Person, eventuell die Oma, beaufsichtigte sie. Sie saß auf einer Bank, stand auf und trat ernst an das Trampolin heran. Sie sagte im strengen Ton, dass die Kleine sich richtig anziehen solle, sie mache sich ja ganz dreckig, oder so ähnlich. Das Mädchen hörte auf zu springen und tat augenblicklich, wie ihr befohlen wurde. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, da sie mit dem Rücken zu mir stand. Sie wirkte jedoch plötzlich gehemmt, als hätte sie etwas verkehrt gemacht. Oft, so dachte ich zu diesem Zeitpunkt, sind Erscheinungsbild oder gesellschaftliche Regeln wichtiger, als simple, authentische Freude zu erleben. Eine Freude, die kein Ziel verfolgt und aus einer Freiheit geboren ist, die man als Erwachsener oftmals vergessen hat und kaum noch kennt.

Menschen werden von Geburt an geprägt und konditioniert.
Meist bringen wir einander von klein auf unbewusst bei, uns zugunsten der breiten Masse zu verbiegen und schön „brav“ zu sein. Anpassungsfähigkeit hat zweifelsfrei in der Entwicklung der Menschheit eine große Rolle gespielt, im positiven, als auch im negativen. Das ist wichtig zu verstehen.

Prägung & Kontrolle

Weil die Prägung so dominant ist, ist es essenziell, immer mal wieder Tätigkeiten nachzugehen, die „ziellos“ sind und losgelöst von diesem gesellschaftlichen Tonus stattfinden. Dieses „ziellose Dasein“ geht der gewohnten Handlungsweise entgegen: Nichts wollen, sich sein lassen, keine Kontrolle über das eigene Verhalten ausüben. Warum ist das so wichtig? Die westliche Zivilisation scheint besessen von Kontrolle zu sein. Es gibt dazu Studien, die von einem niederländischen Kulturwissenschaftler und Sozialpsychologen, Geert Hofstede, durchgeführt worden sind. Der Begriff „Uncertainty Avoidance“ findet in diesen Studien Erwähnung. Dieses Prinzip bezieht sich auf den Umgang von Gesellschaften mit Unvorhersehbarkeit oder Unsicherheit. Hofstede hat untersucht, ob Kulturen versuchen, die Zukunft zu kontrollieren oder sie einfach geschehen lassen. Demnach hat zum Beispiel Deutschland oder auch Frankreich einen hohen Grad an „Uncertainty Avoidance“, Indien und Jamaika vergleichsweise einen eher niedrigen. In „Gottvertrauen“ Geschehen lassen ist also in bestimmten Teilen Mitteleuropas nicht so unsere Sache.

Die Mechanismen

Hinter dem ganzen Kontrollverhalten steckt, unter anderem, die Angst, nicht perfekt zu sein und entspringt einem Verlangen nach Liebe, Zuspruch oder Aufmerksamkeit, wenn man so will. Menschen fühlen sich oft unter der sicher wirkenden Oberfläche unsicher, fehlerhaft, nicht richtig wie sie sind. Diese Art der einseitigen Wahrnehmung versuchen sie durch übertriebenes, perfektionistisches Verhalten zu kompensieren, damit sie eine andere Außenwirkung erzielen, vielleicht sogar Bewunderung ernten. Das kann geschehen durch den Gang ins Fitnessstudio, übertriebenes Posten bei Social Media oder durch kostspieligen Besitz, der uns aufwertet. Dadurch soll im Prinzip eine Retraumatisierung verhindert werden oder eine erneute Verletzung umgangen werden. So wirken wir nach außen unverletzlich, hart, sind aber nicht mehr durchlässig für die alltäglichen Dinge, die unsere Aufmerksamkeit brauchen.
Wenn wir ohne Weiteres zulassen, dass die Wunden der Vergangenheit unser derzeitiges Verhalten steuern, wir quasi auf Autopilot funktionieren und blind reagieren, laugt uns das nach einer Weile aus. Es können Erschöpfungszustände folgen, die sehr schmerzhaft und langwierig sind. Dazu kommt: Es ist anstrengend immer die Rolle der/des Souveräne/n zu spielen. Lösen wir damit den Konflikt an der Wurzel auf? Was versprechen wir uns von diesem Verhalten? Wie können wir unsere Freude zurückerobern und zurück in ein zwangloses Leben finden, wenn wir das überhaupt möchten?

Möglichkeiten der Entschleunigung

Reserviere wenigstens einen Tag die Woche nur für dich allein, wenn es möglich ist.
Ansonsten gebe dir jeden Tag Raum, auch wenn es nicht lange ist. Regelmäßigkeit lautet das Zauberwort. Lasse die Uhr und das Handy zu Hause und gehe in der Natur spazieren. Höre die Vögel, spüre die Frische des Windes, den Sonnenschein auf der Haut. Oder mache ohne Leistungsdruck Sport, ohne Pulsmesser oder Eintragungen ins Trainingstagebuch. Zeichne. Schreibe. Höre, spiele Musik. Besuche ein Museum. Spiele ein Spiel mit Freunden. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Probiere dich aus und bleibe bei etwas, das dir wirklich guttut und wozu du dich nicht zwingen musst. Die Voraussetzung ist nur, dass du die Zeit vergisst und dich vollkommen in den Moment wirfst, ohne woanders zu sein. Dehne dich aus. Kümmere dich um dein Wohlbefinden. Sei ganz du selbst, mit allen Sinnen anwesend, wirf alle Erwartungen, wenn auch nur für einen Moment, über Bord.

Du bist konditioniert worden zu denken, dass du immer etwas für deinen Aufwand erhalten musst. Was gewinnst du durch meinen Vorschlag? Nichts. Du kommst nur an, wo du schon bist und willst es nur nicht anders. Du lernst wieder zu genießen. Du erinnerst den Sinn in dir und auch in denen, die dich auf deinem Weg begleiten. Es gibt kein übergeordnetes Ziel deiner Tätigkeit. Leben ist Sinn. Du bist Teil davon. Gehe dem natürlich nach und wende dich nicht gegen den natürlichen Fluss, baue keinen Wiederstand auf. Dann kann kommen was will. Resilienz ist in deinen Zellen angelegt und beginnt unter günstigen, bestimmten Umständen zu wirken. 

Wenn wir als Erwachsene uns selbst sein lassen, können wir uns besser führen. Unsere Kinder bekommen dadurch gute Richtungsweisung. Denn wir wissen, dass sie durch unser Vorbild lernen. Doch auch Kinder erinnern uns an etwas sehr wesentliches: Leben ist nicht nur harte Arbeit, die niemals endet. Es kann und darf Freude machen! Warum sich das nicht erlauben? 

 

Ātmā hat acht Jahre in einem Seminarhaus für Yoga gelebt.
Er hat sich in Dresden seit kurzem als Achtsamkeits- & Yogalehrer selbständig gemacht.
 

 

Ātmā Martin Heim
Freier Dozent, Achtsamkeits- & Yogalehrer        
„Sei die Veränderung, die du in
der Welt zu sehen wünschst!“

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