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Man kann nicht wirklich den Anfang ausmachen, der zu der Erfahrung des Anfangs- und Endlosen führt. Denn schaut man zurück, wird man in allen Geschehnissen der Vergangenheit den Anfang dafür finden können. Es ist gar nicht anders möglich. Ich könnte auch sagen: Dass unsere individuelle Seele überhaupt einmal geboren worden ist, stellt den Anfang dar von der Reise zurück zum Ewigen. Jetzt aber beschränke ich mich in dieser Kette an Ereignissen der Vergangenheit auf eine für mich wichtige Erlebnisfolge, die sicherlich eindrucksvoll war und den Anfang zum Beginn des oben Genannten einläutete. Dies muss 1994 stattgefunden haben.

 

Ich spürte den Wunsch, mal wieder nach Indien zu fahren. Ganz tief von innen hörte ich die Mitteilung, es würde etwas Besonderes geschehen. Anstatt in Geduld auszuharren, wollte mein Ego angesichts der Unvorstellbarkeit, was da kommen könnte, unbedingt nachhelfen. Es hielt es für etwas Besonderes, nicht direkt zu meinem Guru Sathya Sai Baba nach Puttaparthi, sondern erst noch über Bangalore zu fahren, um sich dort mit Kleidung aus 1001 Nacht einzukleiden. Die mitfahrenden Freunde hatten allerdings weder Verständnis für meine Idee noch Interesse an einer Shoppingtour.

Zwischenzeitlich waren etliche Personen aus unserer Gruppe von einem Guru, der ein Schüler Sathya Sai Babas war, zurückgekehrt. Von ihm hieß es, er würde die Kundalini erwecken. Das hatte mich eher unbeeindruckt gelassen – mit der Kundalini konnte ich bis dato nichts anfangen. Ob sie wohl überhaupt existierte oder nicht, oder ob die Menschen nicht wieder irgendeinem Phänomen hinterrasten? Bezeichnend für die Rückkehrenden waren ihre Drehbewegungen des Körpers, die – wegen der erweckten Kundalini – unkontrollierbar sein sollten.

Normalerweise nicht anfällig dafür, wegen der Erleuchtung zu Hinz und Kunz zu fahren, weil ich das Thema mangels Meditationsvermögens für mich sowieso für unerreichbar hielt und auch keinen Drang zu anderen Erleuchtungswegen wie zum Beispiel selbstlosem Dienen verspürte, wusste ich einfach plötzlich, dass ich zu diesem Guru (Dr. Goel bei Delhi) zu reisen hatte. Mit dieser Entscheidung träumte ich sofort von ihm, und einen Tag später begannen sich – mir nicht bekannte – Melodien in mich zu ergießen. Der Körper rotierte in den von anderen berichteten Drehbewegungen und ich begegnete gehäuft der Präsenz der Göttlichen Mutter als Kundalini in Träumen. Ich erkannte sie, sie hatte mir schon früher in meinem Leben ihre Anwesenheit kundgetan.

 

Die Kundalini als Tiefenbohrer

Die Melodien riefen sich in Erinnerung, bis ich sie niedergeschrieben hatte. Bei den Drehbewegungen des Körpers konnte ich feststellen, dass sie sich zwar durchaus stoppen ließen, dass dann jedoch heftige Schmerzen die Folge waren, so dass es besser war, sich der Arbeit der Göttlichen Mutter nicht in den Weg zu stellen. Ein paar Monate später fuhr ich zu Dr. Goel, und dieser ganze Prozess intensivierte sich noch. Die Melodien sollten später meine Meditationsmethode werden. Jeweils immer neue Melodien besetzten mich und zogen mich über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren immer tiefer in mein Inneres. Die Melodien erklangen so lange in mir, bis zu der Melodie der Inhalt und dann der Text gefunden war, der immer aus eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen bestand. So webte sich daraus ein Prozess, der etwas aus mir hervorbrachte und manifestierte, was mich wiederum noch tiefer in mein Inneres führte. Aus diesem Prozess sind viele, viele Lieder entstanden, die in Liederbüchern notiert sind, zu CDs wurden und von vielen Menschen – inzwischen sogar in Indien – gesungen werden. Die Bewegungen der Kundalini indes wirkten wie ein Bohrer, der sich von Widerstand zu Widerstand bohrte und dort den Weg freiräumte von Anhaftungen, Vorstellungen und Konzepten. Manchmal, zumeist beim Singen, wurde die Energie so stark, dass sie im Rücken von unten nach oben schoss und sich im Kopf als eine Art spiritueller Orgasmus entlud – so nannte ich das. Es war ein Gefühl, so unbeschreiblich süß, so derartig glückselig und berauschend, dass auch der intensivste körperliche Orgasmus zwar ähnlich, aber doch uninteressant dagegen erscheint.

 

Ich werde zum Mantra

Es war 2003, als meine Sehnsucht nach Gott so stark wurde, dass sie nicht mehr aufhörte. Dieser Sehnsucht musste ich Ausdruck geben, indem ich ein und dasselbe Mantra „OM purnam“ mehrere Monate in jeder freien Minute sang. Das Mantra begann mich innerhalb kurzer Zeit zu wandeln. Es besetzte meinen Geist, meine Wahrnehmung, meine Gefühle, meine Persönlichkeit, ich sah die Welt nur noch durch dieses Mantra. Man kann sich das etwa so vorstellen, dass die Wahrnehmung der Welt verglichen wurde mit dem Inhalt dieses Mantras, dessen Aussage ist, dass alles immer vollkommen ist und die Vollkommenheit niemals weniger vollkommen werden könnte. Wenn man nun diese scheinbare Unvollkommenheit der Welt, also zum Beispiel das, womit man hadert, was unzufrieden und unglücklich macht, immer an dieser Wahrheit „misst“, entsteht ein Vorgang der Akzeptanz und eines Einverstandenseins mit diesen Dingen, die man zuvor ablehnte.

Das Mantra hatte mein ganzes Wesen so umfassend besetzt, dass meine Persönlichkeit zu der des Mantras wurde (es lässt sich nicht anders beschreiben) und unwillkürlich die Frage aller Fragen in mir aufstieg, diese, von der ich schon so oft gelesen hatte, die aber zu stellen mir bislang sinnlos vorgekommen war. Es war die Frage danach, wer ich bin. Und ich glaubte daran, dass die Antwort etwas Ewiges sein müsste. Mein Geist suchte diese Antwort. Er scannte alles ab, was er kannte. Doch alles musste er verneinen. Er fand nichts, was ewig war. Diese Verneinung von allem auf diese Frage Gefundenen bewirkte, dass ich mich irgendwann vor jener Schwelle wiederfand, von der ich ebenfalls schon oft gelesen hatte. Ich wusste, jetzt war ich nur noch einen Sprung von dem entfernt, wohin mich meine Sehnsucht gezogen hatte. Noch war Angst da zu springen. Ab und zu aber, Bruchteile von Sekunden, wurde ich mit dem konfrontiert, was das Selbst ist. Diese Leerheit, Unpersönlichkeit, Unidentifiziertheit des Selbst empfand ich allerdings als so schockierend, dass ich mich sofort wieder in die Persönlichkeit flüchtete.

 

Das Ich verabschiedet sich

Es gab einige hinweisende Meditationserlebnisse in dieser Zeit. Zum Beispiel schaute ich in der Meditation in einen virtuellen Spiegel, sah mein Spiegelbild und nahm plötzlich wahr, wie es einfach aus dem Spiegel rutschte, verschwand und mir ein leerer Spiegel gegenüberstand. Auch diese Erlebnisse schockten das System und ließen eine Ohnmacht aufsteigen, so dass ich mich lieber zügig aus der Meditation entfernte. Die Beschäftigung mit Mantras verstärkte den Prozess, mich immer wieder der Stelle zu nähern, an der ich vor einer Tür stand, die nur von innen, von der anderen Seite, geöffnet werden kann. Anfang 2004 gründete ich eine Mantragruppe, bei der ich anfangs stets einen kleinen Vortrag über das Mantra hielt. Allerdings war es eine meiner größten Lebensängste, vor Gruppen zu reden. Alle zwei Wochen saß ich nun in der Gruppe, zitterte vor Angst und hielt einen Vortrag. Die Angst wurde und wurde nicht weniger. Nach vier Monaten gab mir meine Mutter, die Nada-Brahma-Sonologin ist, eine Ton- und Silbenfolge, eine sogenannte Raga, für das Selbstbewusstsein. Ich sang die Töne wie mir geheißen, jeder Ton zu einem bestimmten Körperpunkt gehörend, etwa vier Wochen lang. Nach vierwöchigem Singen verschwand eines Tages mitten beim Singen das sogenannte persönliche „Ich“. Mich gab es gar nicht und hatte es auch noch nie gegeben. Es gab nichts als Leerheit, Weite, Frieden, Wunschlosigkeit, ein unermessliches Nichts, keine Individualität mehr, keine Frau, keine Tochter, keine Mutter, keinerlei Rolle, ich fand dort niemanden. Niemand, der sterben, niemand, der etwas werden kann. Dies, was weder Anfang noch Ende kennt.

Schlagartig erkannte ich, was Selbst-Bewusstsein wirklich heißt. Für viele Menschen bedeutet dieses Geschehen, dass die Suche hier zu Ende ist. Das Ersehnte, die Quelle, die universelle Wahrheit, das Ewige, Unsterbliche und so weiter ist gefunden. Dennoch stellt dies wiederum einen Anfang dar. Den Anfang, dieses Ewige hier im Leben, auf dieser Erde, mitten in einem Alltag zu manifestieren, zu üben, es wach zu halten. Innerhalb dessen, was immer ewig ist, was keinen Anfang und kein Ende hat, gibt es permanent Anfang und Ende.

 

Viele Ängste verschwinden

Die Erkenntnis dessen, wer ich bin und was ist, hat meine Sichtweise und dadurch mein Leben sehr verändert, auch wenn ich insgesamt sagen würde, es ist einfach ganz normal geworden. Als angenehmster Nebeneffekt sind sehr viele Ängste verschwunden. Unangenehm ist zuweilen, dass das Versteckspiel vor sich selbst mit den erlernten Verhaltensmustern nicht mehr oder nicht sehr lange funktioniert. Melodien entstehen heute immer noch, aber nicht mehr so oft. Inhalte dazu zu finden in der Meditation geht nur noch selten, denn in der Meditation ist sofort Stille. Und in der Stille entstehen weder Inhalt noch Text …


Abb: © vector_master – Fotolia.com

Lieder- und Mantren-Singen mit Anne Tusche findet in drei Gruppen jeden Monat statt. Die Abende sind voller Töne und Klänge, meistens gibt es ein paar Worte und oft entsteht eine Stille, aus der man am liebsten nicht mehr fort möchte.

Es gibt inzwischen drei CDs, ein Liederbuch und ein soeben erschienenes Buch („Nichts Neues – Wegweiser zum Weglosen“, Tusche-Steinert-Verlag) mit vielen Antworten, Gedanken, Sichtweisen und Weisheiten, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Eine neue CD mit Devi-Mantren, deren Erlös in Ammas Projekte fließen soll, soll produziert ­werden – Finanziers und Spenden sind willkommen.

Buchbestellung unter bestellung@tusche-steinert-verlag.de

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