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Städte, die man essen kann: Immer mehr Städte weltweit sind auf dem Weg, ihre Grünanlagen in essbare Landschaften zu verwandeln und gehen dabei teils neue Wege. In Seatle, USA, beispielsweise entsteht gerade ein essbarer Permakultur-Wald mitten in der Stadt.

Essbare Städte in Deutschland – ein Stück Schlaraffenland.

Nach dem Vorreiter, der essbaren Stadt Todmorden in England folgte in Deutschland vor allem die Stadt Andernach der Idee einer essbaren Stadt. Im Mai dieses Jahres will man nun auch Minden die ersten Samen für eine essbare Stadt pflanzen. Ähnliche Projekte gibt es bereits in Kassel, Heidelberg, Freiburg und vielen anderen deutschen Städten.

Wie die Erfahrung zeigt, haben Initiativen dieser Art nicht nur kulinarische Auswirkungen, sondern bilden spielend und pflanzend Gemeinschaft und tragen ein neues Lebensgefühl ins Stadtbild: Zwischen dem Asphalt und Häuserfassaden lugt auf einmal ein kleines bisschen Schlaraffenland durch den Beton.

Der Food-Forest von Seattle

Mittlerweile ist die Idee längst international: In den USA wurde in der Stadt Seattle gerade einerstaunlich ehrgeiziges Projekt gestartet: Der Beacon-Food-Forest wird eine öffentliche Fläche in einen essbaren Permakultur-Wald verwandeln. Eine Fläche von 21.000 Quadratmetern wird mit hunderten von Fruchtbäumen, Beeren-Büschen, Gemüsesorten und Kräutern bepflanzt, welche von Spaziergängern und Anwohnern geerntet werden können. Der Park enthält außerdem integrierte Spielplätze, Liegewiesen und Community-Gärten, welche die Anwohner nach ihren eigenen Vorstellungen selbst bepflanzen können.

„Das wurde noch nie zuvor in einem öffentlichen Park gemacht“, freut sich Margarett Harrison, die Landschaftsarchitektin des Projekts, denn der gesamte „Lebensmittel-Wald“ wird nach dem Prinzip der Permakultur bepflanzt. Es entsteht eine lebendige, essbare Landschaft, die wächst, wie ein wildes Öko-System.

„Das bedeutet, wir beachten die Qualität der Böden, die Kombination von Pflanzen und die vorkommenden Insekten – alles wird sich gegenseitig positiv beeinflussen“, erklärt Harrison. Der Food-Forst betritt damit völliges Neuland: Noch nie wurde eine öffentliche Grünanlage dieser Größe in den USA nach dem Prinzip der Permakultur bepflanzt – was bei der Genehmigung des Projekts zu lustigen Nebenwirkungen führte. Da sich ein Permakultur-Wald als lebendige Landschaft über die Zeit verändert, passte er nicht in die üblichen statischen Bepflanzungs-Schemata der Stadt-Bürokratie. Die Kombination mit urbanen Community-Gärten machte die Sache nicht einfacher. Schließlich gelang es aber doch, die Genehmigung zu erhalten.

Wo sich seit fast 50 Jahren ein öffentlich verwaltetes Ödland befand, soll nun in wenigen Jahren ein kleines Paradies entstehen: Exotische Früchte, Nüsse und Beeren, ein Community-Center für Workshops, Kinder-Bereiche, umsäumt von dornenlosen Esspflanzen, Liegewiesen, offene Plätze für Versammlungen – und Essbares, soweit das Auge reicht. Alles in diesem Wald, von den größten Bäumen bis zu den Wurzeln der Karotten wird essbar sein.


Essbare Stadt in Selbstverwaltung

Das Projekt in Seattle startete als eine fiktive Gruppenarbeit zum Thema Permakultur und wurde bald von der Nachbarschaft des geplanten Parks begeistert ganz real vorangetrieben. Es ist ein öffentliches Experiment: Ein essbarer Permakultur-Park von den Bürgern für die Bürger. Es ist ein Versuch, ob eine Nachbarschaft in der Lage ist, öffentliche Grünflächen dieser Größenordnung selbst zu gestalten und zu verwalten. Und es ist eine kleine Revolution in der Stadt-Verwaltung: Dass Permakultur auf alternativ wirtschaftenden Familienfarmen Einzug erhält, ist eine Sache, dass aber eine riesige Grünfläche inmitten einer amerikanischen Großstadt sich diesem Prinzip verschreibt, eine ganz andere.

Ebenfalls interessant ist, dass fast alle Projekte dieser Art weltweit von den Bürgern selbst initiiert und durchgeführt werden. Essen, das haben die Erfahrungen in Todmorden und anderswo gezeigt, eignet sich wie kaum ein anderes Thema, Menschen zusammenzubringen und Fragen wie Nachhaltigkeit, Solidarität und Schenkwirtschaft praktisch erlebbar zu machen.

„Die Menschen waren zunächst besorgt, jemand könnte ihre Blaubeeren klauen“, erinnert sich Harrison vom Food-Forest in Seattle, „Aber wir sehen das so: Wenn wir am Ende der Saison keine einzige Blaubeere mehr finden, dann waren wir erfolgreich.“ Es ist die Freude, etwas zum Wohle des Ganzen zu schaffen, welche die Menschen mit Begeisterung erfüllt und sich in ungewöhnlichem Engagement zeigt.

Initiativen wie diese geben die Städte ein Stück weit ihren Bewohnern zurück und öffnen sie wieder für die Natur, das Leben und ein gemeinschaftliches Miteinander. Denn es macht einen großen Unterschied, ob an Grünflächen ein Schild steht, dass „Betreten verboten!“ lautet, oder eben: „Bedien‘ dich!“

Essbare Städte in Deutschland

Andernach – www.andernach.de
Freiburg – Essbares Rieselfeld
Halle (Waldgarten) – www.essbarer-waldgarten.de
Heidelberg – essbaresheidelberg.wordpress.com
Kassel – www.essbare-stadt.de

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9 Responses

  1. Detlef Müller (Essbare Stadt Minden)

    Diese Linkliste dürfte annähernd vollständig sein. Es sind zZt. 38 Städte in Deutschland, 7 in Österreich und 2 in der Schweiz aufgelistet …
    http://www.essbare-stadt-minden.de/wissenswertes/links-essbare-stadte/

    Über 70 Städte in D stehen in den Startlöchern …
    http://www.essbare-stadt-minden.de/wissenswertes/links-essbare-staedte-geplant-vorgeschlagen/

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  2. Thomas

    Linkliste

    www.essbare-stadt.de/
    www.andernach.de/de/leben_in_andernach/essbare_stadt.html
    www.essbare-stadt-minden.de/
    www.essbare-stadt-waldkirch.de
    https://de-de.facebook.com/EssbareStadtWaldkirch
    http://saarbrueckendieessbarestadt.wordpress.com/
    www.essbarer-waldgarten.de
    http://www.sein.de/gesellschaft/nachhaltigkeit/2013/essbare-stadt–eine-idee-verbreitet-sich.html

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  3. Ulrich "Blütenesser"

    @Yessie, ich glaube nicht dass Tafeln hierdurch überflüssig werden, weil direkt wettbewerbsverzerrend“ ist diese Einrichtung ja nicht, wird doch hier oft das angeboten was die Supermärkte wegen Überschreitung des Haltbarkeitsdatums, Obst, Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern etc. …
    Ich denke eher es ist eine Gute Ergänzung und Alternative zu den Tafeln, zumal nicht jede Stadt über diese Einrichtung verfügt, und in meiner Nachbarstadt z.B. nur einmal Monatlich geöffnet hat.
    Also sehr Nachahmenswert besonders in Städten wo z.B. die „Stiefmütterchenmonokultur“ aus Sparzwängen heraus in den Städtischen Grünanlagen sich ausbreitet, jetzt nur noch schnell informieren welche Nutzpflanze sich mit Stiefmütterchen / Veilchen gut verträgt, und raus zum Pflanztag… LG. Ulrich

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  4. Gualter

    Auch Witzenhausen (Nordhessen) ist ein essbare Stadt, mit die UnvergEssbar Initiative. Hier gibts auch in mitte Juni eine Bundesweite Konferenz über die essbare Städten – http://unvergessbar.net

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  5. Mo

    „EU-Kommission will privates Saatgut unter Strafe stellen.
    (…) Nach diesem neuen Gesetz wird es sofort strafbar, Gemüse- oder Baumsamen auszusäen, zu reproduzieren oder zu vermarkten, die nicht zuvor von einer neuen »EU-Behörde für Pflanzenvielfalt« getestet und zugelassen wurden.
    Die neue Behörde wird eine Liste der »zugelassenen« Pflanzen erstellen.
    Außerdem erhebt sie eine jährliche Gebühr dafür, dass eine Pflanze auf der Liste bleibt; wird nicht gezahlt, darf die Pflanze nicht angebaut werden.
    Gemäß dem Gesetzentwurf müssen alle Gemüse- und Obstsorten und alle Baumarten offiziell registriert sein, bevor sie reproduziert oder verteilt werden dürfen. Die Verfügbarkeit von Saatgut wird dadurch erheblich eingeschränkt.
    Für kleine Saatgutproduzenten, die nicht über die enormen finanziellen Mittel der großen Konzerne wie Monsanto verfügen, bedeutet der Umgang mit der Bürokratie einer zentralen Behörde für Pflanzenvielfalt einen erheblichen Aufwand an Zeit und Geld.(…)“
    http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/europa/f-william-engdahl/eu-kommission-will-privates-saatgut-unter-strafe-stellen.html;jsessionid=B9FC5180E262FC310C61306296448B94

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  6. Anonymous

    So eine schöne Initiative wird in Europa wahrscheinlich nicht durchkommen.
    EU will Anbau von Obst und Gemüse in Gärten regulieren.
    Meldung von Dominik Storr
    http://www.buergeranwalt.com/2013/04/24/eu-will-anbau-von-obst-und-gemuse-in-garten-regulieren/

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  7. YessiAnyone

    Das ist die ideale Form von Versorgung. Im gemeinschaftlichen Tun für alle sorgen. Durch konsequentes Weiterdenken werden viele auf der einen Seite menschlichen, auf der anderen Seite aber auch „wettbewerbsverzerrende“ Einrichtungen wie die Tafeln überflüssig. Denn jeder kann seinen eigenen Beitrag leisten, damit für alle genug da ist.
    Nebenher wird auch noch Müll gespart, denn die Lebensmittel wachsen in der Nähe und da kann man seine eigene Schüssel mitbringen. Und das schöne ist, die Kinder lernen woher das Essen kommt.
    Wenn sich die Menschen in ihrer Stadt, in ihrem Ort dermaßen aufgehoben fühlen, wird sich einiges auch auf ganz anderen Gebieten zum positiven verändern.

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  8. Bauer

    Tolle Sache… aber woran liegts dass es nur einpaar wenige von diesen essbaren Städten gibt und nicht viele Millionen?
    Es ist doch die natürlichste Sache der Welt die Gärten zu bepflanzen und zu ernten… sowas hat doch niemand erst jetzt entdeckt… oder ?

    Wollen die Leute nicht überall Gärten haben und für sich nutzen ?
    Sind irgendwelche Leute vielleicht dagegen ?
    Oder erschwert das jede Regionalregierung durch Armutspolitik und Subventionen um die Großindustrie weiter zu stärken und selbstständige Bürgerinitiativen zu schwächen ?

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