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von Jutta Möhring

Dieses Jahr habe ich den Winter anders erlebt als sonst. Ich habe morgens besorgter aufs Thermometer geschaut. Ich habe das Eis auf den Pfützen wahrgenommen, wenn ich aus der Tür trat. Ich habe Erleichterung empfunden, als der Schnee schmolz. Ich habe die Heizung aufgedreht und mich nachts tief in meine dicke Bettdecke gekuschelt und den Mond angestarrt, der scheinbar ungerührt über eine kalte Welt schien. Und bei all dem habe ich mir immer wieder Fragen gestellt – wie es „ihnen“ wohl ergeht, denen da draußen, irgendwo in Europa, in Zelten, Notunterkünften, auf freien Feldern, vor Toren und Zäunen, die unterwegs sind in bitterer Kälte. Und auch denen, die vielleicht schon eine vorläufige Zuflucht gefunden haben in einem ihnen fremden Land, mit Zukunftsängsten und der Sorge um die fernen Angehörigen und Freunde. Ich habe versucht eine Vorstellung zu bekommen, von ihrer Zahl, von dem, wie sie sich fühlen, und es ist mir nicht gelungen. „Sie“ waren ständig anwesend in den Gesprächen mit der Familie, unter Freunden, wurden in Gebete eingeschlossen und waren Anlass für Diskussionen.

Menschen haben mir erzählt, wie sie selbst sich als Flüchtende, als Heimatsuchende gefühlt haben, als die Kinder der Vertriebenen nach dem letzten großen Krieg, auf endlosen eisigen Wegen, die toten Geschwister am Wegrand zurücklassend, als Ankömmlinge in fremden Städten, als misstrauisch beäugte Fremde auf den Höfen der Glücklichen, die zufällig ihr Zuhause behalten hatten. Als DDR-Bürger auf dem Weg in den Westen. Als Aupair in einer ach so fremden Familie. Als Deutsche im Ausland lebend – und wie verrückt das gewesen wäre, wenn da einer gefordert hätte, du musst aber genau so sein wie wir, wenn du hier leben willst!

Die vorherrschenden Gefühle in mir und vielen, mit denen ich gesprochen habe, waren Sorge, Ratlosigkeit, Hilflosigkeit. Was kann ich tun? Was muss ich tun? Welchen Freiwilligendienst kann ich leisten? Was kann ich teilen, was hergeben, wie viel muss ich für mich behalten, damit ich genug habe?

Voll Hochachtung schauend auf die unzähligen freiwilligen Helfer in den Unterkünften, auf den Ämtern, aber auch auf die professionellen, in deren Haut man lieber nicht stecken wollte – vom Sozialarbeiter, Heimleiter bis hin zu den Politikern, die diese riesige Arbeit in Angriff nehmen und unliebsame Entscheidungen treffen müssen. Und immer wieder Fragen, die niemand beantworten kann: wie kann das alles gehen, wie kann Europa so viele Menschen integrieren, und wie lange wird es dauern? Wie soll das überhaupt gehen, ohne Hass und Feindlichkeit hervorzurufen? Wer kann das alles lösen? Aber auch: Wer hat Krieg und Armut in den Herkunftsländern zu verantworten, und wer löffelt die Suppe aus?

Die Welt scheint kleiner geworden zu sein in diesem Jahr

Menschen, deren Leben und Leiden bis vor kurzem weit weg waren, erreichen uns nun, ganz physisch, sie leben in unserer Stadt, begegnen uns auf der Straße. Das Erstaunliche ist: Unendlich viele Hungernde, Kranke, Flüchtende gab es immer in den letzten Jahrzehnten auf der Welt, und das Fernsehen war in der Lage, uns ihre Gesichter ins Wohnzimmer zu tragen, von ihrem Leid zu berichten. Wir waren – man wagt es kaum auszusprechen – daran gewöhnt, es gab einen Aus-Knopf. So nah wie jetzt kamen sie noch nie. Und das hat auf jeden Fall viel verändert.

Wird jetzt endlich deutlich, dass wir auf dieser Welt alle in einem Boot sitzen, dass wir eine große Familie sind, in der auf die Dauer jeder nur gut leben kann, wenn es auch allen anderen gut geht? Ist der Mensch überhaupt in der Lage mit allen anderen Menschen zu fühlen, sich als Teil einer Weltgemeinschaft wahr zunehmen, die ihre Probleme nur gemeinsam lösen kann oder gar nicht? Oder kann er nur wenige Nahestehende überblicken, wird er weiter zuerst und vor allem sein eigenes Schäflein ins Trockene tragen wollen, und wird das wenigen auf Kosten vieler weiterhin gelingen?

Die Verbundenheit erfahren

Das Familienstellen ist für mich der Ort, wo ich auf leichte und zugleich zwingende Weise Verbundenheit in einem menschlichen System erlebe, wenn auch in einem kleineren. Wir sind zutiefst verbunden mit Menschen, die vor uns da waren, die mit uns da sind, selbst wenn wir sie gar nicht kennen. Und wir können nur wirklich gut leben, wenn alle, die dazugehören, ihren richtigen Platz im System einnehmen, in Liebe und Achtung gesehen und gespürt werden und mit ihrem Schicksal angenommen sind.

Kann das auf ein größeres System, auf die Weltfamilie übertragen werden? Wahres Menschsein beginnt, dahin haben alle großen Weisheitslehrer gewiesen, wo die Getrenntheit überwunden und Einssein mit allen Wesen erfahren wird.

Menschlich-Sein bedeutet für mich, außerhalb dieser Erfahrung zu leben und trotzdem sein Herz einem Mitmenschen zu öffnen, bei aller Begrenztheit und quasi auf dem Weg dorthin.

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