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Am 3. Oktober dieses Jahres fuhr ich, wie viele Berliner, mit Frau und Kind zur ”Daimler City” am Potsdamer Platz, um die Gebäude rund um den neugeschaffenen Marlene-Diet-rich-Platz zu bestaunen. Nicht nur das Wetter war schlecht, auch ein ungastlicher Wind pfiff durch die engen Schluchten der Hochhäuser. Wir wurden in einen Strom von Menschen hineingezogen und gestoßen und hatten schon bald nicht mehr die Wahl, wohin wir gehen wollten. In der Mitte einer schlauchartig gebauten Passage kam der ganze Besucherstrom zum Stehen, da auch von der anderen Seite her Besucher in das Gebäude drängten. Das Kind begann zu schreien, und erst nach längerer Zeit gelang es uns mit großer Anstrengung und unter Zuhilfenahme unseres Kinderwagens, einen Weg ins Freie zu bahnen.

In den nächsten Tagen ging ich der Frage nach, welche äußeren Bedingungen dazu beitragen, uns in bestimmten Gebäuden wohl zu fühlen und in anderen nicht. Am Ende stand ein längeres Gespräch mit Mario Russo, einem der führenden Feng Shui-Berater in Berlin.

”Feng Shui” ist die chinesische Lehre von der harmonischen Gestaltung des Lebensraumes; es heißt wörtlich ”Wind und Wasser”. Es geht um das Ausbalancieren der Elemente Feuer, Erde, Metall, Wasser und Holz im umbauten Raum , um das Gestalten von Räumen, die zu einer Quelle werden sollen, aus welcher der Mensch neue Kraft schöpfen kann. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch. Mit diesem Ziel und dieser Ausrichtung kann sich ein Projekt menschenzentriert entwickeln. Weist Architektur beispielsweise im Eingangsbereich zuviel Wind auf, kann sich dies ungünstig auf die Geschäfte auswirken.

”Feng Shui” betrachtet Räume als Klangkörper, die nach dem Prinzip der Resonanz auf den Menschen wirken; ein umbauter Raum sollte auf Personen, die ihn betreten, ein Gefühl des ”Zu-Hause-Ankommens” erzeugen.

Um einen Raum oder ein Gelände zu beurteilen oder zu gestalten, benutzt Russo eine Scheibe, eine ”Matrix”, auf der acht Himmelsrichtungen eingezeichnet sind, denen bestimmte Bedeutungen zugeordnet werden. Es handelt sich hierbei um das sogenannte Bagua System. Im Osten liegt der Bereich der Familie und der Gesundheit, es ist der Bereich des großen Holzes, seine Farben sind Grün oder Braun. Im Südosten befinden sich die ”Glückreichen Segnungen”, ihr Element ist das kleine Holz, die Farbe ist grün. Im Süden liegen Ruhm und Erleuchtung, das Element ist Feuer, die Farbe Rot. Im Südwesten sind die Beziehungen, es regiert das Erdelement, Farben: Gelb und Beige. Der Westen setzt Kreativität frei, Element: Metall, Farben: Weiß, Silber. Im Nordwesten sitzen die hilfreichen Freunde, Element: wie im Westen Metall, Farben ebenfalls Weiß und Silber. Im Norden macht man Karriere, Element: Wasser, Farbe: Blau. Im Nordosten ist das Wissen, es herrscht das Erdelement, die Farbe ist Beige.

Nach Russos Ansicht handelt es sich bei der fertiggestellten ”Daimler City” mit Volksbank, Marlene-Dietrich-Platz, Musical-Theater und Weinhaus Huth nur bei letzterem und den Arkaden um eine ausgewogene Architektur. Durch die dreieckigen Grundrisse haben die neuen Gebäude im Sinne der Bagua-Lehre viele Fehlbereiche.

Auf weitere kritische Punkte weist er hin:
Auf dem Potsdamer Platz ist es durch die Art der Bebauung kontinuierlich windig. Die engen, von Hochhäusern begrenzten Straßenfluchten begünstigen, daß der Wind ungehindert seine Geschwindigkeit erhöhen kann.  Dies wirkt sich negativ auf die menschliche Wahrnehmung aus. Durch eine entsprechende Bepflanzung könnte hier jedoch Abhilfe geschaffen werden.
Durch Umfragen fand Russo heraus, daß der Debis-Bau inklusive seiner Nebengebäude (Berliner Volksbank) überwiegend als sehr monumental, dominierend, faszinierend und gleichzeitig distanzierend empfunden wird.
Die Tendenz der ”kühlen Architektur” bräuchte mehr Wärme, eine Ausgewogenheit nach dem Yin-Yang-Prinzip. Das Ergebnis wäre eine Atmosphäre, die zu Kommunikation und Entspannung einlädt. Gegenwärtig herrscht die Unruhe, es gibt keine ”Kraftorte”, an denen  Besucher auftanken können. Der Platz lädt ausschließlich zum Konsumieren und Arbeiten ein. Die scharfen Ecken der Häuser signalisieren allerdings unterschwellig Agressivität, eine Ecke des Debis-Baues ist wie ein scharfer Pfeil auf das benachbarte Hyatt-Hotel gerichtet. Abgerundete Ecken würden mehr Freundlichkeit ausstrahlen und einladender auf den Besucher wirken.

Der Platz vor dem imposanten Musical-Theater erinnert an bekannte Plätze in Siena oder Florenz. Die Abstufungen an seinem Beginn  wirken sich aber sehr unangenehm auf die Laufgewohnheiten der Besucher aus. Als aufmerksamer Beobachter kann man ein häufiges Stolpern der Besucher wahrnehmen.
Die Abstufungen des zum Gebäude hinstrebenden Platzes enden plötzlich. Hätte der italienische Architekt die heimatlichen, historischen Akzente kontinuierlich beibehalten, wäre der Platz leichter begehbar und böte insbesondere im Sommer Raum für Rast und Entspannung. Eine warme Farbe nach italienischem Vorbild würde auf den  Besucher anziehender wirken als der derzeitige helle, kühle Ton.

Unmittelbar vor dem Gebäude gibt es einen Wasserlauf; die Lebensenergie bewegt sich in diesem fließenden Gewässer nach rechts und wird nicht ins Gebäude gelenkt. Energie kann aber auch bewußt ins Gebäude hineingelenkt werden, deutlich höhere Besucherzahlen könnten die Folge sein.

Im Foyer des Musical-Theaters, das derzeit als Kino genutzt wird, kann man das Gefühl entwickeln, in ein großes schwarzes Loch zu fallen, man steht vor dem Nichts. Der Kassenbereich wirkt eher an den Rand gedrückt. Die Lebensenergie wird nach unten abgesaugt, sie verliert sich tief in dem unten dunkler werdenden Bereich und fließt nur unter großen Schwierigkeiten in die oberen Stockwerke. Beim Eintritt in das Haus kann bei den Besuchern das Gefühl aufkommen, in eine Fabrik oder zur Arbeit zu gehen.

Um die gravierendsten Fehler nach der Feng Shui Lehre zu mildern, hat Russo einige Verbesserungsvorschläge für den Potsdamer Platz entwickelt:
Als erstes würde er eine Meinungsumfrage starten mit dem Ziel, herauszufinden, wie sich die Besucher auf dem Platz und in den Gebäuden fühlen und was verbessert werden sollte.
Für das Debis Hochhaus wünscht er sich einen großzügig anmutenden venezianischen Brunnen im Zentrum der Halle: ”Der würde die Aufmerksamkeit der Besucher, Ange- stellten und Geschäftsfreunde in vielfacher Hinsicht auf sich ziehen. Er würde zu einer Verbindung von Wasser und Sauerstoff führen, zu einer Frische ausstrahlenden Quelle, die Lebensenergie produziert und diese vom Zentrum aus in die anderen Räume abgibt.”
Dies würde sich äußerst positiv auf die Gesamtatmosphäre des Hauses auswirken. Die Büroräume wären mit Lebensenergie versorgt und das würde wiederum die Motivation und schließlich das Arbeitsergebnis der Mitarbeiter und Kunden unterstützen.

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