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Auf DVD: Nachrichten aus der ideologischen Antike

Nun hat sich auch der große Suhrkamp-Verlag, Hort des kritischen Denkens in der Bundesrepublik, eine Filmedition zugelegt. Der erste Film des ersten Programms heißt „Nachrichten aus der ideologischen Antike“, ist 570 Minuten lang und stammt von Alexander Kluge. In seiner Machart folgt dieses Stück den Fernsehfilmen, die Kluge seit vielen Jahren für SAT1 und RTL fertigt: hauptsächlich Interviews mit mehr oder minder berühmten Leuten, angereichert mit Film-Schnipseln und Photos, Ausschnitten aus Opern und Zeitraffer-Aufnahmen von nächtlichem Straßenverkehr.

Dreh- und Angelpunkt des neuen Stücks ist ein Projekt, das nie zustande kam, aber gerade deshalb das Herz jedes eingefleischten Links-Intellektuellen höher schlagen lässt: der Plan Sergej Eisensteins, das „Kapital“ von Karl Marx zu verfilmen. Es existieren davon nur einige Arbeitsnotizen aus den Jahren 1927 und 1928 – für Kluge kein Problem, im Gegenteil: So kann er, können seine Gesprächspartner frei assoziieren, können sich ohne Rücksicht auf faktische Gegebenheiten tummeln in dem, was Kluge die „ideologische Antike“ nennt.

Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich nicht zu beurteilen vermag, ob er und seine Gesprächspartner tatsächlich etwas zutage fördern, was die Aufmerksamkeit wert ist, die sie durch ihre souveräne Gestik einfordern. Denn Kluge führt seine Gespräche auf eine Weise, die nicht erkennen lässt, ob wenigstens er verstanden hat, was ihm Geistesgrößen wie zum Beispiel Peter Sloterdijk zu sagen haben. Mir kam es gerade bei diesem Gespräch, das zu den längsten gehört im Film, so vor, als sei Kluge in einem Paralleluniversum unterwegs, in dem alles, was er zu hören bekommt, immer schon vorkommt, deshalb weder präzisiert noch kritisiert werden muss. Kluge geht nicht in die Auseinandersetzung mit dem, was der andere sagt, sondern übt sich darin, so dran zu bleiben, als sei er immer schon einverstanden und bräuchte nur mit zu schwimmen im Strom der Wörter, die sich aus all den verschiedenen Mündern ergießen.

Kluge geht es letztlich nicht um die Produktion von Erkenntnissen, sondern um die Produktion eines intellektuell anmutenden Sounds: ein Sound, der keine Pausen kennt, nichts ausgrenzt, alles vereinnahmt und nur einem Bedürfnis folgt: es möge weitergehen, das Gespräch, egal worüber, egal wie treffend, wie wahrhaftig, wie informativ.

 [„Nachrichten aus der ideologischen Antike: Marx – Eisensein – Das Kapital“/filmedition Suhrkamp Nr. 1, 3 DVDs,  570 Min., 29,90 €]

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