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Im Kino: Zwei halbe Leben sind ein ganzes

Wiedergeburt ist ein prekäres Thema. Vielen Menschen im spirituellen Milieu geht es so wie auch mir: Ich möchte gerne daran glauben, aber ich kann’s nicht so recht. In mir klingen bei diesem Thema die Worte von Willigis Jäger nach, der den Glauben an Wiedergeburt als „den letzten Trick des Egos“ bezeichnet, das seiner Vergänglichkeit ein Schnippchen schlagen will. Andererseits gibt es da die offenbar unausrottbare Hoffnung, dass nach dem Tod etwas übrig bleiben möge von dem, was dieses Ego gedacht, gefühlt und erfahren hat, dass nicht alles ‚umsonst‘ gewesen sein möge.

Wo Hoffnung und Zweifel so eng beieinander liegen, gedeiht der Hunger nach empirischen Beweisen. Das Interesse an Nahtod-Erlebnissen, wie sie Raymond Moody u.a. gesammelt haben, speist sich aus diesem Hunger, auch das Interesse an den Praktiken der Tibeter, für die Wiedergeburt eine unumstößliche Tatsache ist. Clemens Kubys Film „Living Buddha“ beispielsweise dokumentiert die (‚erfolgreiche‘) Suche nach einem wiedergeborenen Lama: Das entscheidende Kriterium dafür, dass man das ‚richtige‘ Kind vor sich hat, ist hier, dass es aus einer Ansammlung von Ritualgegenständen die ‚richtigen‘, die seines Vorgängers, auswählen kann. Aber der Zweifel, er bleibt: Nahtod-Erfahrungen – so verblüffend ähnlich sie einander auch sind – können auch bloße Hirngespinste sein. Und was die Tibeter treiben, kann man auch als sich selbst erfüllende Prophezeiung betrachten: Wenn man ein zwei-, dreijähriges Kind von seinen Eltern trennt, in einem Kloster aufzieht und mit der gesammelten Weisheit des tibetischen Buddhismus füttert, dann wird aus diesem Kind ein tibetisch-buddhistischer Würdenträger werden, egal ob wiedergeboren oder nicht.

Mit stärkeren Beweisen dafür, dass an Wiedergeburt ‚etwas dran‘ ist, wartet nun der Film „Zwei halbe Leben sind kein Ganzes“ des deutsch-türkischen Regisseurs Servet Ahmet Golbol auf. Er stellt vier Halbwüchsige aus seiner Geburtsstadt Antakya vor, die aus ihrem früheren Leben berichten. In der empirischen Forschung gilt diese Stadt im Osten der Türkei als einer von mehreren hot spots der Wiedergeburt: in den letzten 20 Jahren sind dort über 800 Fälle dokumentiert worden.

Was die Zeugnisse dieser jungen Menschen so überzeugend wirken lässt, ist nicht nur ihre Frische und ihre Detailschärfe, die einen immer wieder denken lässt: ‚das können die sich nicht ausgedacht haben‘. Überzeugend sind vor allem die Aussagen von Angehörigen der jetzigen und der bisherigen Familie, die immer wieder bestätigen, dass diese Kinder Dinge wussten und wieder erkannten, die eigentlich nur der bzw. die Verstorbene wissen konnte – so überzeugend, dass sie zum Teil in ihre ehemalige Familie aufgenommen wurden und nun zwischen zwei Familien, zwei Welten hin- und herpendeln: kein glücklicher Zustand im übrigen, wie es der Film in seinem Titel auch ausspricht.

In dieser Zerrissenheit der wiedergeborenen Kinder spiegelt der Filmemacher immer wieder seine eigene als „Gastarbeiterkind“, geboren im einen und aufgewachsen in einem anderen Land; die ‚fremde‘ Sprache perfekt sprechend und die ‚eigene‘ nur bruchstückhaft. Doch die Kinder hätten ihn gelehrt, sagt er, dass man vieles zugleich sein und dass man Andersartigkeit leben könne, wenn die Umwelt – hier eine alte, immer schon multikulturelle Stadt wie Antakya – es zulasse.
[Verleih und Kino-Start z.Zt. noch offen]

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