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Illusion & Realität

Film – immerhin werden für diesen Kinderfilm Kathy Bates, Glenn Close, Octavia Spencer und Julia Stiles aufgeboten – ist die Verfilmung eines US-amerikanischen Kinderbuches von Katherine Paterson. „The great Gilly Hopkins“ erschien Ende der 1970er Jahre und wurde als Bestseller in zahlreiche Sprachen übersetzt. Paterson erhielt für ihre schriftstellerische Arbeit unter anderem 1998 den Hans-Christian-Andersen Preis und 2006 den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis.

Die Story: Gilly (eigentlich Galadriel) ist ein zwölfjähriges Mädchen, das den Großteil ihres Lebens von Pflegefamilie zu Pflegefamilie weitergereicht wurde. Sie ist sehr intelligent und gewitzt, das alles ist aber zu einem Großteil unter Verbitterung, Wut und dem festen Vorsatz begraben niemanden mehr zu brauchen – bei ihrer Lebensgeschichte verständlich. Gilly hat aber einen großen Traum, an dem sie, wie so viele Kinder in ihrer Situation, festhält: Sie möchte zu ihrer Mutter Courtney und malt sich aus, wie toll und glamourös diese ist und wie sehr sie sie doch liebt. Dabei kommt von Courtney nur ab und an eine Postkarte.

Als Gilly in ein neues Pflegeheim zur alten und behäbigen, aber herzensguten Maime Trotter (Kathy Bates) kommt, rümpft sie die Nase und setzt alles daran zu ihrer wahren Mutter zu kommen, klaut Geld, rennt weg und schreibt einen verleumdenden Brief an ihre Mutter, wie schlecht es ihr doch ginge. Ihre Flucht geht schief, sie kehrt zu ihrer Pflegemutter und ihrem schüchternen kleinen Pflegebruder William Ernest gezwungenermaßen zurück. Langsam taut sie durch ihr Umfeld auf und lässt sich emotional auf ihre zusammengestoppelte neue „Familie“ ein – doch da taucht plötzlich ihre leibliche Großmutter mit dem Jugendamt im Rücken auf, auf den Plan gerufen durch Gillys Brief an die Mutter, und will sie mitnehmen. Sogar ihre Mutter erscheint kurzzeitig wieder auf der Bildfläche, was das junge Mädchen aber eher verstört auf den Boden der Tatsachen holt.

Letztendlich lernt Gilly, dass das Leben nicht immer wie im Traum ist und man manches loslassen muss. Das Leben ist manchmal fies, gemein, anstrengend, aber dennoch schön – und an Gilly sieht man, dass Familie eben auch mehr sein kann als Blutsverwandtschaft.

Fazit: Obwohl es eine preisgekrönte Story und ein Film voller hochkarätiger Schauspieler/ innen ist, findet man trotz allem anfangs etwas schwer in die Geschichte. Ja, die wunderhübsche Sophie Nélisse scheint auf entnervtes Teenie-Augenrollen gecastet zu sein und passt gut zur Rolle des toughen Mädchens, das dem Leben gefrustet und wütend vors Schienbein tritt, aber so wirklich warm wird man mit Gilly und ihrer Story erst ab der Hälfte des Films.

Vielleicht muss man mit dem Buch aufgewachsen sein, um diese Umsetzung von Anfang an zu lieben, es bleibt halt zum Einstieg etwas platt und hölzern, bevor es dann wirklich herzanrührend wird. Alles in allem aber ein schöner Familienfilm für Groß und Klein (ab sechs Jahre) und mit einer Art von Happy End, die nicht alles in klebrigen Zuckerguss à la Disney taucht.

 

Stephen Herek
Gilly Hopkins – Eine wie keine
Concorde Video, 2015
Blu-ray, 97 Minuten, 14,99 Euro