Anzeige

Werden wir alle satt?

Der deutsche Dokumentarfilmer Valentin Thurn hat mehr als 40 Filme gedreht, dürfte den meisten jedoch noch durch seine aufsehenerregende Doku „Taste the Waste“ und das Buch „Die Essensvernichter“ im Gedächtnis sein. Auch die Online- Plattform „Foodsharing“, über die man überzählige Nahrungsmittel verteilen oder bekommen kann, geht auf ihn zurück. In seinem neuesten Film widmet er sich der Frage, ob die Menschheit in Zukunft noch Nahrung für alle haben wird. Obwohl wir hier im westlichen Überfluss leben, ist diese Frage berechtigt: Ackerflächen schwinden, Wasservorräte werden knapp und der Bedarf an Essen steigt, während die Lebensmittelverteilung auf unserem Planeten im absoluten Ungleichgewicht ist.

Was für Lösungen gibt es? Schon im Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen angewachsen sein. Ausgehend von dieser Hypothese begibt sich Valentin Thurn auf eine Reise um die Welt, um Ideen und Projekte hierzu vorzustellen. Sein Weg beginnt bei der großen Saatgutlobby – Bayer. Nur 10 Konzerne beherrschen Dreiviertel des Weltmarktes im Bereich Saatgut, nach ihrer Meinung liegt die Rettung der Zukunft der Menschheit in der Gentechnik und im Hybridsaatgut – aus dem sich kein neues Saatgut gewinnen lässt, was die Bauern dazu verdammt jedes Jahr neue Saaten zu kaufen. Was die wenigsten wissen: Bayer ist hier sogar noch Vorreiter vor Monsanto. Im Gegensatz hierzu Navdanya, eine lokalen Saatgut-Bank in Indien, wo alte Getreidesorten bewahrt, an die Bauern ausgegeben und auf die Gefahren der Hybriden und Gensaaten hingewiesen wird. Faszinierend auch die energiefressenden Pflanzenfabriken in Japan.

Auch Tierzucht ist natürlich ein Thema, ob Genlachse, im Labor hergestelltes Rindfleisch, industrielle Hühnerzucht in Indien oder der Versuch in Deutschland ausgestorbene Hühnersorten zu züchten, die Eier legen und gleichzeitig Fleisch ansetzen für die Schlachtung. Man sollte meinen, dass das die Normalität ist, aber in der Industrie gibt es entweder eierlegende Hybridhühner, die kaum Fleisch haben (weswegen die männlichen Küken massenhaft getötet werden) oder Masthähnchen, denen das Sättigungsgefühl abgezüchtet wurde. Valentin Thurn lässt alle Beteiligten zu Wort kommen, zeigt die Trauer, die Hoffnung, die Ideen, die Kämpfe der Kleinbauern und Aktivisten gegen Windmühlen, aber auch die Großgrundbesitzer, Finanzgurus, Konzernmenschen und Manager können ihr Statement abgeben – meist reden sie sich schon selbst um Kopf und Kragen.

Fazit: Absolut sehens- und empfehlenswert für jeden denkenden Menschen, der sich für Ernährungs- und Umweltfragen interessiert. Wie immer eine hervorragende Dokumentation von Valentin Thurn, der in seiner ruhigen, ernsten Art – ohne dabei, wie leider so oft in Dokus, in Hysterie zu verfallen – die Absurdität der Landwirtschaft in ihrem Kreisel aus Industriedünger, Pestiziden und Wirtschaftsinteressen entlarvt und Alternativen auf der ganzen Welt aufzeigt.


 

Valentin Thurn
10 Milliarden
Prokino, erscheint am 22.10.2015
DVD, 103 Minuten, 15,99 Euro