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Erleuchtung ist immer hier und jetzt und du bist schon, was du sucht. Und machen kannst du sowieso nichts. Der Therapeut und spirituelle Begleiter Manfred Rother sieht das etwas anders. Wie wichtig die Bearbeitung von Traumen ist, erläutert er in einem Interview mit Haidrun Schäfer.

Haidrun Schäfer: Was sind Traumen?

Manfred Rother: Traumen sind seelische Erschütterungen und Wunden, die uns daran hindern, mit 100-prozentiger Kraft, Kreativität, Freude und in Freiheit unser Leben zu leben. Man kann sie auch als „eingefrorene Bilder der Vergangenheit“ bezeichnen. Es gibt persönliche Traumen, die wir oftmals in der Kindheit erfahren. Darüber hinaus existieren gesellschaftliche und kollektive Traumen.
Bei kindheitsbedingten Traumen entwickelt ein Kind Verhaltensweisen und Abwehrmechanismen, um zu überleben. Diese Verhaltensweise schränken es aber im Laufe seines Lebens ein. Alle traumatischen Erfahrungen, die wir in der Kindheit erleben, hinterlassen Spuren – das können feinstoffliche Zellirritationen sein oder Verletzungen im Mental- oder Emotionalkörper, die die Lebensenergie blockieren.
Desweiteren beeinflussen uns kollektive Traumen. Als Deutsche haben wir zum Beispiel das Holocaust-Trauma. Auch diese personenübergreifenden Traumen führen bei jedem Einzelnen zu einer Verringerung der Lebensqualität. Genauso wie ein Beinbruch uns das Gehen erschwert, verhindern seelische Verletzungen, dass ein Mensch in seine Kraft kommt. Als Deutsche erlauben wir uns beispielsweise nicht, die Kraft einzugestehen, töten zu können, weil sie im Dritten Reich missbraucht wurde, obwohl sie als reine Kraft genutzt werden kann. Doch anstatt diese naturgegebene Kraft anzunehmen, die genauso auch Frauen zur Verfügung steht, haben die Deutschen das Thema verdrängt und deswegen tragen wir diese Erbschuld in unseren Zellen. Nicht nur die Deutschen haben dieses  Trauma, die reine männliche Kraft missbraucht zu haben – die meisten Nationen wurden nicht von Kriegen oder Unterdrückung verschont.
Von den kollektiven Traumen bleibt keiner verschont. In diesem Bereich hat zum Beispiel das Christentum mit seinem strafenden Gott weltweit Spuren hinterlassen.

Wie kann man die Kraft, töten zu können, positiv nutzen?

Wenn zum Beispiel dein Kind angegriffen wird, bleibst du nicht auf dem Sofa sitzen, sondern wirst es verteidigen und im äußersten Fall,  den Angreifer töten, bevor er dein Kind umbringt. Oder wenn du in einem Flugzeug die Möglichkeit hast, einen Entführer auszuschalten, bevor er die ganze Maschine mit allen Passagieren in die Luft jagt, dann wirst du das tun. Wir haben alle diese Kraft in uns, aber wir negieren sie, weil in unserem Geist ein Verbot herrscht – eben aufgrund der traumatischen Vergangenheit. Jeder meiner Seminarteilnehmer ist bei diesem Thema fündig geworden. Mit verschiedenen Übungen können wir uns dem stellen: das Thema zuerst erkennen und von Bewertungen und Schuld freischaufeln und dann Schritt für Schritt diese Kraft, die missbraucht wurde, wieder annehmen und sie mit Bewusstheit und der Weisheit des Herzens leben, so wie es der Augenblick erfordert.

Kommen wir noch einmal auf Kindheitstraumen zurück. Kannst du etwas Persönliches von dir erzählen?

Jede Menge… Ich hatte in meiner Kindheit mehr als genug traumatische Umstände: nicht wirklich genährt zu werden, Verwahrlosung, emotionalen und körperlichen Missbrauch – ich weiß, wovon ich rede. Nach vielen Jahren herkömmlicher Therapie, die ich erfahren und auch weiter gegeben habe, fing ich vor sechs  Jahren an, mich mit der Mysterienschule von OM C. Parkin intensiv auseinander zu setzen. Bei dieser Verbindung von Therapie und Spiritualität durfte ich ein Werkzeug finden, das auch tiefste Traumen lösen konnte. Zunächst braucht man Hilfe von außen, aber nachdem die Seele quasi einen Anstoß erhalten hat und man immer wieder den Mut hat hinzugucken, verselbstständigt sich der Heilungsprozess. Ein Trauma von mir war: „Ich kann nicht alleine sein“. Um das zu lösen, musste ich Schritt für Schritt vorgehen und mich immer weiter in der Zeitschiene zurückarbeiten. Während eines Traumes konnte ich deutlich den Schmerz und die Todesangst des ganz kleinen Säuglings spüren. Dieses schreiende Baby in allen Zellen zu fühlen und diesen Schmerz zuzulassen, hat letztendlich diese lähmende Angst vor dem Alleinsein befreit. Wichtig ist die Bereitschaft, noch einmal in das Gefühl des Traumas zu gehen, es noch einmal zu spüren und anzunehmen. Dazu sind wir oft nicht bereit, weil wir den Schmerz vermeiden wollen. Das ist zutiefst menschlich. Aber es gibt ein spirituelles Gesetz, das besagt, dass wir das Dunkle verstärken, wenn wir ins Helle flüchten. Wenn das Dunkle nicht im Licht des Bewusstseins durch das Fühlen verbrannt wird, wächst es wie ein Krebsgeschwür immer weiter. Das bewusste und sanfte Fühlen des Schmerzes führt zur Auflösung und Integration des Traumas und zur Transformation in die ursprüngliche Einheit vor dem Trauma.

Und was macht man dann mit solchen Erfahrungen?

Das fragen mich meine Teilnehmer auch häufig. Oft besteht die Tendenz, immer wieder etwas damit machen zu wollen. Durch die Kunst des Nicht-Machens und des Geschehenlassens,  zu vertrauen, dass ES geschieht, dass fühlende Intelligenz und Unterscheidungsvermögen im Geist wirken und mit Bewusstheit und der Bereitschaft, alles zu fühlen, arbeitet die Erfahrung aus sich selbst heraus. Freude und Schmerz sind nicht zu trennen. Das ist der Weg, der auch ein wegloser Weg ist, das heißt, dass es um Präsenz in jedem Augenblick geht.

Wie sieht die Wegbeschreitung aus?

Das kleine und das große Zittern. Wir haben alle Angst oder Scheu, uns unsere Schattenseiten anzuschauen – diese Verdrängung, das ist das kleine Zittern. Wenn man sich dieser Angst vor dem, was danach kommt, hingibt und in das Gefühl eines Traumas eintaucht und es bewusst erforscht, es geschehen lässt und nichts mehr damit macht, außer sich sanft tiefer fallen zu lassen – dann kommt der nächste Schritt: das große Zittern. Bert Hellinger hat einmal gesagt, „Leiden ist leichter als Lösen“. Leiden ist etwas Vertrautes und daran halten wir unbewusst fest. Wenn man durch das kleine Zittern mit Mut geht und die Angst mitnimmt, dann kommt man zum großen Zittern, das uns zu Ehrfurcht, Dank und Gnade, Urvertrauen und dem Gefühl von Vollkommenheit und Weisheit führt. Es ist auch ein paradoxer Weg: Abstieg führt zu Aufstieg. Wenn wir in unsere tiefsten Tiefen hinabsteigen, kommen wir zu den höchsten Höhen – dann werden wir zu Menschen, die fühlbar mit dem Göttlichen und in Einheit mit dem Unbenennbaren, aber bewusst Erfahrbaren sind. Der Sog in die Kleinheit oder  dem unbewussten Festhalten an den Traumen der Kindheit und des Kollektivs, das Nicht-wirklich- wissen-und-fühlen-Wollen, hindert uns an dem Wiedererleben des Urvertrauens und des Nichtgetrenntseins.

Kannst du ein weiteres Beispiel geben ?

Eine Technik ist, den Geist zu irritieren und sein gewohntes Denken aus dem Gleichgewicht zu bringen und damit die alten Glaubenssätze ins Wanken zu bringen. Darauf erfolgt ein Erleben jenseits von Gut und Böse – das ist der Weg – aber erst, wenn wir alles genommen haben. Ich kann erst in der Wahrheit leben, wenn ich die Unwahrheit erforscht habe – und zwar dort, wo ich mir etwas vormache und in einer Illusion lebe. Ich kann erst Frieden finden, wenn ich den Krieg in mir erkenne und die Verantwortung dafür übernehme. Trauma ist Krieg mit uns selbst und denen, die uns scheinbar etwas angetan haben. Damit machen wir uns immer wieder selber zum Opfer und retraumatisieren uns. Statt sich einmal gründlich, bewusst und fühlend den wichtigsten Themen zu stellen, flüchten die meisten lieber in Konsum, Ablenkungen, Süchte aller Art, Suchen im Außen und am Ende fühlen wir uns immer wieder unerfüllt. Im Innen wartet oft der nicht gefühlte Schmerz und die tiefe Sehnsucht nach  Wahrheit. Wir flüchten vor diesem Loch, dem Nichts. Das Paradox ist, dass wir im Nichts alles finden, denn das Nichts ist unbegrenzt und damit alles und das ist erfahrbar. Es reicht nicht, diesen Satz einmal zu lesen und im Kopf zu verstehen. Die innere Arbeit muss trotzdem getan werden. Wir müssen es fühlen, denn nur eine mentale Verarbeitung nützt gar nichts. Fühlende Intelligenz ist das Stichwort.
Ein weiteres wichtiges Thema ist „stirb, bevor du stirbst“. Hier kann man der tiefsten Angst des Menschen begegnen. In den Übungen geht es nicht um den körperlichen, sondern um den geistigen Sterbeprozess der alten Glaubenssätze. Man erkennt, wie leidvoll sie sind und lässt sie im Feuer der Bewusstheit verbrennen. Die Neugeburt ist ein geistiges Kind der Freiheit.
Manchmal kann der Satz helfen: „Stell dir vor, dass alles Schlimme, was dir passiert ist, nur deswegen geschehen ist, dass du ins Fühlen und in die Liebe kommst.“ Solche provokativen Sätze anzunehmen, wenn der alte innere Film der Selbst- und Fremdverurteilung und Schuldzuweisung läuft, kann zu innerem Frieden  und Freiheit führen.

Es geht also darum, die Vergangenheit in Frieden loszulassen?

Ja, durch das bewusste Fühlen kann man alles beenden und auch Verantwortung übernehmen, statt immer nach dem Leid zu greifen. Manche nutzen die Opferrolle, um etwas zu bekommen oder Unterstützung zu erfahren. Es gibt den Weisheitssatz „annehmen, was ist“, egal, ob schön oder unschön, ohne es verändern zu wollen, also nichts damit zu machen – das verändert bereits. In Demut zu sein, in Schülerschaft zu gehen, bereit zu sein, etwas Neues zu lernen und der Lehre des Herzens zu folgen.


Abb.: © Hubert Körner – Fotolia.com.jpg

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