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Das Heilige im Selbst und in der Gesellschaft

Die postmoderne Gesellschaft befindet sich in einer Identitätskrise: Egoismus, Habgier, Neid, Rachsucht haben sich zu einer Normalität entwickelt. Der Mensch sucht unentwegt nach Sinn in dieser sinnentleerten Welt, jedoch mangelt es an sinnvollen Angeboten. Heute ist es an der Zeit, nicht mehr einem äußeren Normenkatalog zu folgen. Der Aufbruch aus traditionellen Rollenvorstellungen war notwendig und wichtig, nur ist er etwas übers Ziel hinausgeschossen und hat sich im Narzismus verlaufen.

Um seinen eigenen individuellen und selbstbestimmten Weg zu gehen, bedarf es der Arbeit am eigenen Selbst und einer gewissen Bemühung. In der Zeitschrift Tattva Viveka finden Sie eine Wegbegleitung zu den verschiedenen Themen des menschlichen Daseins: Spiritualität, Religion, Kultur, Mann-Frau-Beziehung, Berufung, Heilung.

Wir alle sind konditioniert durch unser Elternhaus, die Schule, die Ausbildung, die Gesellschaft usw. Manche dieser äußeren Strukturen haben uns sicher geholfen, andere waren uns weniger dienlich, da sie nicht unserem authentischen Selbst entsprechen. Es geht darum unser authentisches Selbst zu entfalten und in uns Schicht um Schicht die Teile loszulassen, die nicht zu uns gehören. Das geht bei manchen Aspekten einfach, bei anderen wird es schwieriger, da sie auf der tiefenemotionalen Ebene eingeprägt sind.

Unsere Frage ist: Wer bin ich und was ist mein tiefster seelischer Ausdruck, den ich leben möchte?

Die Arbeit am eigenen Selbst

Die Außenbestimmung durch Normenkataloge und soziale Konditionierung führt dazu, dass wir uns selbst nicht kennen. Wir erfüllen unsere Rolle und möchten auch jemand Bestimmtes darstellen, der sozial anerkannt ist, aber uns fehlt oft der Zugang zu unserem authentischen Selbst und zu unserer tiefen Seelenebene. Oft tragen wir eine Maske und zu einem gewissen Grad ist uns das selbst nicht bewusst. Wir denken, wir seien der, den andere in uns sehen. Oder wir möchten jemand Bestimmtes sein und leiden, wenn wir es nicht schaff en, so zu sein. Aber das hat alles nichts damit zu tun, wer wir wirklich sind.

Das reine innere Selbst,
das allein zu einem selbstbestimmten Leben fähig ist,
ist ein gesundes Selbst.

Eine pure Selbsterkenntnis erfordert die radikale Annahme meiner selbst mit allen guten und schlechten Eigenschaften, mit meinen Fehlern und Mängeln genauso wie mit meinen guten Eigenschaften und meiner Brillanz. Der wichtigste Zugang zu dieser inneren Wahrheit ist das Fühlen. Es geht aber nicht darum sich gut zu fühlen, sondern zu fühlen. Gerade die so genannten schlechten Gefühle wie Schmerz, Angst, Scham oder Wut verdrängen wir nur allzu gerne und begraben sie unter Rationalisierungen, Rechtfertigungen oder gar Betäubungen. Der Weg in die Das Heilige im Selbst und in der Gesellschaft Freiheit und in ein selbstbestimmtes Leben beginnt deshalb mit den Schmerzen eines Entzugs, dem Entzug von lieb gewordenen, aber falschen Identitäten und dem Entzug von betäubenden Verhaltensweisen, wie sie in Süchten aller Art zum Ausdruck kommen. Woran erkenne ich, dass ich in einer falschen Identität oder in einem Suchtprozess gefangen bin? Ich erkenne es daran, dass es mir nicht gut geht.

Das reine innere Selbst, das allein zu einem selbstbestimmten Leben fähig ist, ist ein gesundes Selbst. Die spirituellen Traditionen sprechen von dem spirituellen Erwachen oder der Erleuchtung als Ziel des spirituellen Weges und verstehen darunter einen friedvollen, wissenden und glückseligen Zustand. Aber tatsächlich ist dies schlicht und ergreifend unser gesunder Zustand, und dieser ist gleichbedeutend mit dem erwachten Zustand. Es ist die innerste Qualität unserer gesunden Seele, erleuchtet zu sein. Das ist das gesunde Leben. Diese innere Arbeit an unserer emotio-spirituellen Heilung ist also der Weg zur Gesundheit, der Weg zur Selbstbestimmung und der Weg zum Erwachen.

Narzisstische gesellschaftliche Strukturen heilen

Rationalisierungen und Rechtfertigungen kommen oft als Opfer konstrukte zum Ausdruck. Wir beschuldigen andere Menschen, die Gesellschaft oder bestimmte Strukturen, an unserem Unglück schuld zu sein. Leider versuchen wir oft mit allen Mitteln, so wenig Verantwortung wie möglich für uns selbst zu übernehmen. Deshalb ist der zweite Schritt – nach dem Fühlen von allem, was da ist, in der radikalen Annahme unserer Selbst – die Übernahme von Verantwortung für unsere Gefühle und unsere Taten. Selbstannahme und Selbstverantwortung gehen Hand in Hand. Wir müssen davon ausgehen, dass wir als erwachsene Menschen zu einem gewissen Grade verpfl ichtet sind für uns selbst zu sorgen, sowohl in unserem materiellen als auch in unseren emotionalen, geistigen und spirituellen Bedürfnissen. Während wir alle diese Prinzipien in einer reinen und klaren Formen für uns so weit verwirklichen, wie es uns individuell möglich ist, können wir parallel dazu die äußeren, sozialen und kollektiven Bedingungen erkennen, die uns Schaden zufügen oder dem Leben nicht dienlich sind. D.h. es gibt sehr wohl eine soziologische beziehungsweise politische Dimension. Hier gibt es echte Unwesen und Untaten, die wir nicht auf der psychologischen Ebene heilen können. Kultur, Alter, Ethnie prägen uns. Hierzu bedarf es der gesellschaftlichen Veränderung der Verhältnisse, vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Erziehung. Auf diese Weise gehen innere und äußere Entwicklung Hand in Hand und können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Die äußeren Verhältnisse wirken sich auf unser Seelenleben aus, und unsere inneren Einstellungen und Antriebe prägen unsere Gesellschaft.

Wir müssen klar unterscheiden lernen, was unsere eigenen Anteile und Fehler sind und welche Fehler der Verantwortung des Gegenübers oder auch den politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Strukturen zuzuschreiben sind. Es hilft nicht, wie es gerne in der spirituellen Szene verbreitet ist, für alle Widrigkeiten im Leben den Fehler bei sich selbst zu suchen. Wir leben in einer kranken und sozial zersplitterten Gesellschaft, die uns auch krank machen kann. Veränderung bringt nur eine ehrliche Bestandsaufnahme, also weder Über-Verantwortung noch eine Opferhaltung, wo immer die anderen Schuld sind.

Ein selbstbestimmtes Leben auf der Basis von individuellen wie kollektiv geheilten Strukturen – eine Vision!

Eine Gesellschaft, in der alle ihre Mitglieder heil und somit heilig sind und aus dieser Heiligkeit agieren, ist eine erleuchtete Gesellschaft. Niemand kann mehr jemand anderem etwas vortäuschen. Der Mensch lebt aus seinem göttlichen Selbst, er bezieht seine Energie und Kraft direkt von Gott und muss nicht die Energie anderer Menschen mittels Manipulationen anzapfen. Ein Mensch, der sich dieser Heiligkeit bewusst und seelisch rein ist, kann nicht mehr getäuscht werden. Die falschen Masken und das Schauspiel zerspringen in der Anwesenheit einer derartigen Person.

Gesellschaftliche Strukturen sind dazu da, dem Menschen zu dienen, sie sind nicht etwa als Gängelung gedacht, sondern als sanfte Stütze und Führung. Alles ist getragen von Liebe und Dankbarkeit.

Jede Tat und jede Handlung dient dem Lobpreis Gottes und aller Seelen. Dies gilt insbesondere auch für die Politik wie für die Wirtschaft. Ein Handel ist ein Austausch zweier oder mehrerer heiliger Seelen, die beim Geben nicht nur eine lebendige Materie geben, sondern auch einen Teil ihres Selbst, das in die Materie eingeschrieben ist.

Ein Mensch, der bei sich angekommen und mit sich im Frieden ist, ist gleichzeitig vom Egoismus und der Selbstbesessenheit befreit. Ein solcher Mensch ist in der Lage zu dienen und für andere Menschen da zu sein, ohne dafür eine Belohnung zu erwarten. Er hat bei sich aufgeräumt, und da er an dieser Stelle nichts mehr zu tun hat, ist er frei, in seinen schöpferischen und liebevollen Ausdruck zu gehen. Es sieht, was richtig für das Leben ist, und kann das Leiden anderer Lebewesen fühlen. Es ist ihm ein gefühltes Bedürfnis, anderen Lebewesen zu helfen und die Erde zu einem schöneren Ort zu machen.

Der wichtigste Zugang zu dieser inneren Wahrheit ist das Fühlen. (Abb. © fotolia.com)

Der wichtigste Zugang zu dieser inneren Wahrheit ist das Fühlen. (Abb. © fotolia.com)

Ein geheilter und damit erwachter Mensch kennt die Wahrheit. Die Wahrheit ist objektiv insofern, als sie alles, was ist, mit gleichen Augen sieht. Daraus wird evident, was das Beste für alle Beteiligten zum gegebenen Zeitpunkt und Ort ist. Entscheidungen für die Gesellschaft oder die Wirtschaft können deshalb eigentlich nur aus der erwachten Sicht ein für alle gleichermaßen förderliches und gerechtes Ergebnis erbringen.

Ein befreiter Mensch, der sein Ego hinter sich gelassen hat, hat kein Bedürfnis mehr nach egoistischem Genuss. Er ist bereit loszugehen und für die Gesamtheit zu handeln. Solange uns nicht die Tränen kommen, wenn wir das Leiden anderer Lebewesen sehen, sind wir nicht erwacht und haben auch nicht den Weg der Nächstenliebe verwirklicht, den etwa Jesus Christus gelehrt und gelebt hat. Dann sollten wir uns dies eingestehen und entsprechend demütig sein. Nur wenn wir uns so annehmen wie wir sind, kann sich etwas entwickeln und wir können vielleicht in dem irdischen Paradies ankommen, für das wir von Gott gemacht sind. Es ist unsere Entscheidung und die göttliche Macht wird uns diese Entscheidung nicht abnehmen. Es sind wir Menschen selbst, die das Leiden auf der Welt erzeugen. Aber weil wir es selbst sind, können wir es auch beenden.

Wenn wir ein geheiltes Leben in einer heilen Gesellschaft leben möchten, bedarf es bei uns selbst, in der Beziehung zu unseren Mitmenschen und im Umgang mit unserer Umwelt anzufangen. Alle Bereiche unseres Lebens müssen einer kritischen und ehrlichen Inventur unterzogen werden. Aus der Selbsterkenntnis werden Konsequenzen offenbar, die notwendig sind, um das gute Leben einzuleiten. Dies gilt nicht nur für das Privatleben, sondern auch für das gesellschaftliche Leben. Wenn jeder einmal an seinem eigenen Arbeitsplatz eine ehrliche Bestandsaufnahme machen und Ungerechtigkeiten nicht länger erdulden würde, wäre schon viel getan. Teilweise tragen wir nämlich die ungerechten Strukturen durch unsere Tatenlosigkeit mit und sind dadurch Mit-Täter.

Es reicht nicht, darauf zu warten, dass uns irgendjemand erlöst. Nur wir können mit den Veränderungen beginnen, die wir uns für diese Welt wünschen.

Arbeitet mit uns an einem selbstbestimmten Leben in Liebe zum Wohle aller Lebewesen!

Begleitet uns und lasst uns gemeinsam den Weg der Heilung und der Heiligung gehen! Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben!

FÜR DAS LEBEN!

 


Über die Autoren

gabriele-maria-sigg


Gabriele Maria Sigg, M.A.

Studium der Soziologie, Philosophie und Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg (2004-2009). Arbeitet aktuell an ihrer Promotion im Fach Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und in der Redaktion der Zeitschrift Tattva Viveka.

 

 

 

Ron-PortraitRonald Engert
Geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M.
1994 Mitgründung der Zeitschrift Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur.
Seit 2015 Studium der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Autor von »Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung« und »Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts«.
Blog: www.ronaldengert.com

 

 


 

Artikel zum Thema in Tattva Viveka

TV 27: Prof. Dr. Johannes Heinrichs – Die spirituelle Dimension der Demokratie
TV 48: Andreas Bummel – Soziale Evolution, Weltparlament und Bewusstsein
TV 50: Alexandra Schwarz-Schilling – Die Polarität der Geschlechter. Die Mann-Frau Beziehung zwischen alten Wunden und neuen Perspektiven
TV 53: Ronald Engert / Gabriele Sigg – Der subjektive Faktor. Innere Reife als Schlüssel zu objektiver Wissenschaft
TV 55: Dr. med. Manfred Doepp – Bergpredigt und Medizin. Heilung durch die göttlichen Gesetze
TV 60: Sharan Thomas Gärtner – Die Liebe zum Mann-Sein. Spurensuche einer neuen Männlichkeit

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