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von Ulrich Grahner, Beata & Sacha Pohnert, Rebekka Zimmermann

Was nehmen Menschen wirklich wahr, wenn sie berührt werden? Verändert unsere Intention die Qualität des Berührens? Es scheint so zu sein, dass die Hände nicht nur die Außenwelt wahrnehmen und berühren, sondern auch ein stilles Werkzeug unseres Inneren sind.

Die Hand eines Pianisten scheint direkt mit seinem Musiksinn verbunden zu sein. Über Jahre trainiert, folgt sie ihm bis hin zu einer unerwarteten, beflügelten Improvisation – so wie auch die Hände eines Zeichners, der in einem Moment eine perfekte Linie zieht, so als wären seine Hände mit seiner Vision eins… Mit welcher Kraft verbinden sich die Hände des Shaolin- Meisters, wenn sie Undurchdringliches durchdringen und zerbrechen?

Können sich unsere Hände mit unserem Herz verbinden? Mit unserer Seele?

Womit haben sich die Hände Jesu verbunden, als er sie auflegte um zu heilen, zu segnen?

Es ist dieses Geheimnis, dem viele Menschen nachgehen, vor allem jene, für die Berührung Teil ihres Lebens und ihrer Arbeit ist. Es ist ein Weg voll glückseliger Erfahrungen, den man nur in Stille und Achtsamkeit wahrnehmen und verfolgen kann.

Wie wäre es, einmal aus der Perspektive der be rührenden Hände zu schauen und in sie hineinzuhorchen…?

….Meine Hände sind kostbar. Sie sind voller Respekt dem Menschen gegenüber, den sie gerade berühren. Sie haben kein konkretes Ziel am Anfang. Sie wollen nichts erreichen, sie wollen erst einmal ankommen dort – an der Stelle, wo sie gerade den ersten Kontakt aufgenommen haben. Sie ruhen mit voller Präsenz und sind einfach nur da. Sie strahlen Ruhe aus und Klarheit, der Kontakt ist freundlich und einladend. Sie passen sich der Oberfläche des Körpers an, folgen der Form und berühren klar, eindeutig und absichtslos. Wenn es an der Zeit ist, sich zu bewegen, tun sie dies mit großer Selbstverständlichkeit.

Meine Hand ist Gott.
Grenzenlos glückselig ist meine Hand.
Diese Hand bewahrt alle heilenden Geheimnisse,
die ganz machen mit
ihrer sanften Berührung.
(aus dem Rigveda)

Sie folgen der Spur des Körpers und vermitteln ein tiefes Wohlgefühl. Sie bewegen sich geschmeidig und laden ein, ihren Bewegungen zu folgen und Gewicht abzugeben. Sie umschmeicheln die Oberfläche und die Gelenke. Sie umspülen den Körper wie warmes Wasser, sind spielerisch leicht und bewegen den ganzen Menschen. Sie berühren von oben bis unten, von außen und im Inneren. Sie geben Sicherheit, sie sind offen für diese neue Begegnung, sie sind neugierig, sie sind in Beziehung, aber sie sind nicht aufdringlich. Sie achten die Grenzen. Der Mensch, den sie berühren, spürt das und beginnt, in sie hinein zu vertrauen.

Meine Hände horchen, sie lauschen dem Geheimnis hinter den Strukturen, die sie gerade berühren. Sie ertasten forschend dieses Schulterblatt, erfühlen es in seinen Verhärtungen, Verklebungen, vielleicht auch in seiner Furcht, sich selbst ganz frei zu lassen. Sie locken, liebkosen, eventuell provozieren sie gar – dass dieser Flügel hier mehr loslässt, sich traut, wieder mehr zu fliegen…

Gleichzeitig wissen sie, dass es nicht in ihrer Macht liegt, ob dies wirklich geschieht. Aber wenn meine Hände am Lauschen bleiben, wenn es ihnen gelingt, während sie mit dieser Schulter spielen, anwesend zu bleiben und in Kontakt mit dem Wesentlichen hier zu sein, dann werden sie vielleicht das wundervolle Geschenk erfahren, wie immer mehr Angst aus diesem Menschen weicht – und auf einmal wieder alles möglich wird. Meine Hände vertrauen in das, was durch sie zum Klingen kommt. Immer wieder verschwinden die Grenzen zwischen Innen und Außen. Sie laden ein, dass sich dieser Mensch durch die Berührung in seinem ganzen Wesen gemeint fühlt, dass er sich traut, tiefer zu atmen, sich selbst mehr auszufüllen und wieder Heimat in sich selbst zu erfahren.

Meine Hände haben viel Erfahrung und wissen viel – und doch sind sie zurückhaltend in ihrer Interpretation. Sie lassen das innere Erleben bei den Menschen, die sie gerade berühren, und vertrauen darauf, dass Veränderung genau dort stattfindet wo sie gebraucht wird. Sie machen Angebote und fordern nichts ein. Sie wollen nichts erzwingen. Sie geben Raum für Freiheit, Weite und für neue Möglichkeiten. Sie sind Kanal für die Energie, die durch uns alle hindurchfließt. Sie sind verbunden mit dem Zentrum und berühren mehr als nur die Oberfläche. Sie sind voller Liebe und sind verbunden mit der Quelle. Meine Hände sind voll freudiger Dankbarkeit für dieses kostbare Geschenk.

 

Haende-Portrait„Hände-Lausch“ der vier Dozenten der Ganzheitlichen Massage Akademie GAMA in Potsdam.
(v.l.n.r: Beata und Sacha Pohnert, Rebekka Zimmermann, Ulrich Grahner)
www.massage-ausbildung-potsdam.de

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