Die Herausforderung, das Geburtstrauma zu integrieren und vollkommen Ja zum Leben zu sagen.

von Lena Grabowski

Der Beginn allen Lebens ist für mich Naturgewalt und Magie zugleich. Schafft es eins von Millionen Spermien bis zum Zellkern und verschmelzen daraufhin Ei- und Samenzelle miteinander, findet eine Befruchtung statt. Die befruchtete Eizelle wandert in die Gebärmutter und nistet sich dort ein. Eine Plazenta entwickelt sich und der Embryo – ein neues Leben – wächst heran. Maximal neun Monate lang entfaltet sich ein winziger Zellhaufen zu einem menschlichen Wesen im Körper einer Frau. Die werdende Mutter gibt sich körperlich und bestenfalls auch seelisch dieser Entwicklung ganz hin. Sie versorgt, nährt und schützt das in ihr heranwachsende Leben – bis zum Augenblick der Geburt, unter der die Frau erneut enorme Kräfte mobilisiert, um ihr Kind zu gebären. Dies einfach als das zu betrachten, was es ist – unser Leben, ein Wunderwerk der Natur –, könnten wir als Geschenk ansehen.

Wären da nicht diese vielen unsichtbaren Fäden, die uns mit dem Innenleben unserer Mütter, unserer Väter sowie der gesamten Umwelt, in der sie leben, verbinden. Und die auf unseren heranwachsenden Organismus und unser Seelenleben bereits in diesem frühen Stadium unseres Lebens Einfluss nehmen können. In meiner Praxis begegne ich vielen Menschen, die sich nahezu dauerhaft in einem Gefühl des Überlebenskampfes befinden. Sie fühlen sich im eigenen Inneren und in ihren „äußeren“ Rahmenbedingungen gefangen. Das Leben wird dabei oftmals als ausgesprochen belastend und dynamisch wahrgenommen, selten als bereichernd oder erfüllend. Vielen erscheint ihr Lebensweg als eine komplexe Aneinanderreihung extremer Herausforderungen und sich wiederholender Situationen von Überlebenskämpfen. Es wird nicht gelebt, sondern gekämpft. Sie alle wirken wie müde, verwundete Kämpfer* Innen, ausgestattet mit einem enormen Überlebenswillen.

Prägenden Mustern auf die Schliche kommen

Eine Auseinandersetzung mit den Themen pränatale Prägungen und Geburtstrauma fand bei mir bereits vor zwanzig Jahren statt, als ich mich in eine mehrjährige Atemtherapie-Ausbildung begab – Rebirthing und das holotrope Atmen. Damals habe ich mir die Frage gestellt, wie weit wir in der Spurensuche zurückgehen können, um tiefsitzenden, prägenden Mustern auf die Schliche zu kommen. Es ging mir dabei nie ausschließlich um eine Analyse möglicher Ursachen, um dem verstandesgesteuerten Alltagsbewusstsein beschwichtigende Antworten zu liefern. Sondern vielmehr um eine Möglichkeit, starke leidvolle Angelegenheiten an einer tiefen, ursprünglichen Wurzel berühren zu können – und diese schonend zu integrieren, um aus dem eigenen Leben wieder Kraft zu schöpfen und Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Raus aus dem Überlebenskampf, hinein ins Leben und die eigene Lebendigkeit. Wenn Menschen von den Startbedingungen in ihr Leben erzählen (sofern es ihnen von ihren Eltern übermittelt wurde), kann ein Therapeut oftmals ein tieferes Verständnis für ihre Überlebens- und Vermeidungsstrategien entwickeln. Es scheint, als würden im Kontext pränataler Prägungen sowie unter der Geburt grundlegende Gefühlsund Verhaltensmatrizen angelegt, auf denen alle weiteren Entwicklungen und Erfahrungswerte eines Menschen aufbauen. Pränatale und Geburtstraumen sind Erlebnisse, die jenseits des zugänglichen Alltagsbewusstseins vergraben liegen – tief in entsprechenden Regionen in Gehirn und Körpergedächtnis. Von dort aus steuern sie das Empfinden und Verhalten von uns Menschen.

Überlebenskampf

Ich erinnere mich an eine Frau, deren Mutter Rhesusfaktor negativ war, der Vater Rhesusfaktor positiv. Der damals begleitende Gynäkologe hielt die von Angst besetzten Umstände der Schwangeren mit entsprechenden Fachinformationen aufrecht. Die bewussten Empfindungen der schwangeren Mutter waren: „Ich muss um mein Leben und das meines Kindes kämpfen“, „Ich habe Angst, mein Kind zu verlieren“. Damit einhergehend die Empfindungen starker Verlustängste und Ohnmachtsgefühle, Kampfbereitschaft, begleitet von regelmäßigen Stresshormonausschüttungen – in das heranwachsende Leben und das umgebende Milieu hinein. Sicherlich fanden weitere, zuweilen auch unbewusste Denk- und Gefühlsprozesse statt.

Ein starkes Grundgefühl der – zwar gesund zur Welt gekommenen – Tochter ist heute ein ganz Ähnliches: „Ich muss um mein Leben kämpfen. Die Umwelt steht mir feindlich gegenüber. Ich muss mein Leben sichern.“ Verbindungen, die große Nähe beinhalten, werden dabei eher bedrohlich als sicher erlebt und sind von starkem Kampf- und Abwehrverhalten geprägt. Diese mögliche frühe prägende Erfahrung hat sich im Laufe ihrer Biografie wiederholt. Und ist schlussendlich zu einem Lebensmuster geworden. Zeitgleich hat dieser Mensch im Mutterleib Erfahrungen von Verbundenheit, Nähe und Versorgt- Werden machen können. Ein Zustand, nach dem sich viele Menschen ein Leben lang sehnen, wonach sie suchen, im Innen wie im Außen. Oftmals dominieren im Leben leider die eher schmerzlichen Prägungen.

Im Fokus humanistischer und transpersonaler Psychotherapieverfahren steht darum, sich zunächst für alle Erfahrungen im eigenen Inneren zu öffnen. Sowohl für die leidvollen Angelegenheiten als auch für sämtliche Kräfte und Ressourcen, mit denen wir ebenfalls für unsere Reise durch das Leben ausgestattet werden. So steht auch im Zentrum meiner Tätigkeit, all diese starken, kraftvollen Kämpfer* Innen schrittweise aus ihrem stammhirngesteuerten Überlebensmodus hin zu einem vertrauensvolleren Lebensgefühl zu begleiten. Vom Überleben zum Leben.

Das Leben als Wunder erkennen

Die Tatsache, dass und wie Leben entsteht, ist für mich von großer Faszination. Mein Staunen darüber ist mittlerweile stärker als all meine eigenen Erinnerungen und integrativen Erlebnisse in meinen Atemund Körperpsychotherapie-Ausbildungen. Ich habe das Gefühl, dass diese gewachsene innere Haltung meine Klienten stellenweise ansteckt. Und sie darin unterstützt, die oftmals schmerzlichen und holprigen Startbedingungen in ihr Leben schrittweise besser annehmen und integrieren zu können. Denn Leben heißt nunmal auch, dass nichts perfekt und auf einer bestimmten Ebene auch nicht kontrollierbar ist. Vor allem eine Schwangerschaft und Geburt unterliegen starken Naturgesetzen. Letztlich sind sie sogar, ähnlich wie ein Sterbeprozess, nicht wirklich plan- oder kontrollierbar.

Manchmal gelingt es und ich begebe mich mit meinen Klienten in einen wirklich magischen Raum: ihren Start in das Leben. Dann schimmern leise Gefühle durch, die ich als Dankbarkeit oder Demut bezeichnen würde. Dann wird das eigene Leben für einen kurzen Augenblick als ein Wunder, als Geschenk erfahrbar. Solch ein mächtiges Erleben kann prägende Erinnerungen durchaus relativieren, das empfundene Leid schwächen, nahezu ablösen. Doch auch solche Erlebnisse lassen sich in der Praxis nicht steuern. Sie gesellen sich als Geschenk zu dem, was noch mal bewusst wahrgenommen und auf diese Weise integriert werden möchte.

Integration und Heilung schmerzlicher Erfahrungen ist möglich

Jede Mutter und jedes Kind erleben Schwangerschaft und Geburt individuell. Themen wie Angst vor Veränderung, Überlebenskampf, Todesangst, Einsamkeitsgefühle, Heimatlosigkeit, ein Gefühl des Getrenntseins, Existenzängste und mehr zählen zu den möglichen Traumen (= Wunden), die in dieser Zeit entstehen können. Dennoch kenne ich viele Menschen, die unter extremen Bedingungen ins Leben gestartet sind und es doch geschafft haben, eines Tages auf einen gesunden, stabilen Pfad zu gelangen, jenseits von Therapie und Selbsterfahrung.

Beispielsweise kenne ich eine ausgesprochen starke, erfolgreiche Persönlichkeit, deren Mutter in der Schwangerschaft so verzweifelt war, dass sie von einem Schrank gesprungen ist. Weil sie damals ihr Kind nicht wollte und zu dieser Zeit natürliche Schwangerschaftsabbrüche noch nicht erlaubt waren. Dieses Kind hat überlebt und wurde mit einem enormen Lebenswillen geboren. Lange Zeit war sie als Kämpfernatur unterwegs, wurde jedoch im Laufe ihres Lebens immer weicher und offener für Unterstützung von außen. Nach einigen Umwegen hat sie letztlich ihre eigene Mutter im Alter gepflegt und auf diese Weise versucht, in einen inneren Frieden mit ihrer Mutter und ihrem eigenen Einstieg ins Leben zu finden.

Eine andere mir bekannte Frau kam kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Bunker zur Welt. Ihre Mutter muss enorme Ängste durchlebt haben, denn neben der für uns unvorstellbaren Todesangst wegen der Bombenangriffe gab es auch keine medizinische Versorgung in dem Bunker. Noch heute kann diese Frau keine engen Räume betreten, in denen sich zeitgleich viele Menschen aufhalten. Und doch hat sie – gemessen an ihren Startbedingungen – in ihrem Leben und im Leben ihrer vier Kinder sehr viel Positives bewegt.

Das Ja zum Leben finden

Ich bin dankbar, dass wir in einer Zeit leben, in der werdende Eltern gute Aufklärung und Unterstützung für diesen besonderen Lebensabschnitt bekommen. Und bemüht sind, wach und bewusst das neue heranwachsende Leben zu zelebrieren. Es zu schonen und achtsam in diese Zeit zu gehen. Gleichzeitig weiß ich, dass es ebenso viele Menschen gibt, denen dieses Wissen noch nicht zugänglich ist. Oder die unter solch starken Einschränkungen leiden, dass ein bewusstes Handeln in dieser Zeit noch nicht möglich ist. Für alle gilt: Niemand von uns ist perfekt. Alle handeln gemessen an dem, was ihnen zu dieser Zeit möglich ist. Und sind dabei immer bestrebt, das Beste aus dieser Situation zu machen.

All diese Kinder kommen zur Welt. Und alle Kinder tragen – neben ihren prägenden Erlebnissen – auch eine starke Lebenskraft in sich. Eine Kraft, die auf Wachstum und Entwicklung – ja, auf das Leben – ausgerichtet ist. Wenngleich sie auch manchmal einfach nur bestrebt ist, zunächst das eigene Über-Leben zu sichern. Immerhin! Diesen Kern innerer Lebenskraft zu berühren, sehe ich als eine der wichtigsten Aufgaben im traumatherapeutischen Bereich an, insbesondere bei sehr frühen Traumatisierungen. Denn diese tragende Kraft ist letztlich entscheidend, ob und wie wir alle natürlichen Herausforderungen im Leben annehmen, diese rückwirkend integrieren und ob wir bereit sind, eines Tages aus vollem Herzen Ja zu sagen. Ja zu dem Wunder, das wir sind: Leben.

Ich bin selbst Mutter einer mittlerweile zwölfjährigen Tochter. Und ich bin Mutter von einem Kind, das nicht den Weg ins Leben gefunden hat. Beide Erfahrungen haben mich tief bewegt und Spuren in mir hinterlassen. Und mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Ich habe Erfahrungen sammeln können über das Einlassen auf neue, unbekannte Lebensabschnitte wie eine Elternschaft. Dabei Angst und Freude erlebt, Liebe und Verbundenheit, Trennung und Neuanfang und mehr. Ich habe durchlebt, was es heißt loszulassen, wenn die Natur stärker ist als der persönliche, mütterliche Wunsch nach dem Kind. Gefühle der Ohnmacht, der Trauer, der Enttäuschung und der Wut zugelassen.

Und während der Geburt meiner Tochter vor zwölf Jahren habe ich ebenfalls erlebt, was es heißt, eine Situation nicht wirklich kontrollieren zu können. Sondern mich meinem eigenen Körper und der Naturgewalt Geburt anzuvertrauen. Auch heute noch nerven mich manchmal frühe Prägungen, und ich kann erkennen, wie diese alten Muster mein Leben kurzfristig aus den Angeln heben können. Doch ich habe gelernt, anders damit umzugehen. Denn durch diese Kräfte aus der Vergangenheit bleibt mein Leben lebendig und fordert mich immer wieder heraus, über mich und etwas Altes hinauszuwachsen. Und mich für das Geschenk zu öffnen, das sich darin verbirgt: noch viel mehr Leben in mir zu fühlen.

Author: Oliver Bartsch

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