Anzeige

Die Entwicklung des „Hohen Fläming“ rund um Belzig in Brandenburg zeigt, wie die Idee von Gemeinschaft in einer Region immer mehr Fuß fassen kann und welche Chancen darin für eine nachhaltige Regionalentwicklung liegen.

Lebensgemeinschaften und Kommunen wurde lange Zeit von globalisierungskritischen Aktivisten vorgeworfen, dass sie sich in eine Nische zurückziehen und das eigene persönliche Glück der Weltveränderung vorziehen. Und tatsächlich ziehen Menschen in Gemeinschaften, weil sie bei sich selbst und im Miteinander anfangen wollen, etwas zu verändern. Sie glauben nicht mehr an die Veränderung im Großen, wenn sie ihre Charakter-Strukturen nicht mit in Frage stellen und ihr eigenes Leben verändern. So sind wichtige Erfahrungsschritte beim Eintreten in eine Gemeinschaft, zu erkennen, wie stark wir eigentlich immer wieder individualistisch-getrennt denken, und dass zum Beispiel Konkurrenzdenken oder Schuldverschiebungen nicht weiterführen. Nur solidarisches Verhalten gepaart mit radikaler Selbstverantwortung macht letztlich ein gemeinsames Leben möglich.

Es gibt inzwischen in etlichen Gemeinschaften Deutschlands die Bewegung, dass nach einer Zeit der inneren Konsolidierung auch das größere Umfeld mit einbezogen wird. Denn natürlich macht das Leben nicht an der Grenze einer Gemeinschaft halt. Wenn wir ernst nehmen, unser Leben selbst verantwortlich zu gestalten, gehören auch Bereiche dazu, die sich nur in größeren Zusammenhängen verwirklichen lassen: Landwirtschaft, Kultur, Energieversorgung, Schulen, Gesundheitsversorgung etc. Und so gerät die Region als nächst größere Einheit in den Fokus der Entwicklung.

Synergieeffekte gemeinsamen Handelns

Im „Hohen Fläming“ baut sich seit einigen Jahren immer mehr eine alternative Region auf. 1991 hatte sich hier die Lebensgemeinschaft ZEGG angesiedelt. Im Laufe der Jahre haben Menschen aus dem ZEGG begonnen, in der Region eigene Projekte aufzubauen. Andere siedelten sich lieber in der Nähe an als mitten in dieser 80köpfigen Gemeinschaft. Neue Gemeinschaftsprojekte haben sich gebildet, wie das Lebensgut Lübnitz oder der Biohof Grützdorf. Und so entstand ein Netzwerk von Menschen, die sich in ihrem Umfeld engagieren und gleichzeitig um die Synergieeffekte gemeinschaftlichen Handelns wissen.
Seit sechs Jahren gibt es jährlich ein Regionaltreffen, das als “Open Space“-Konferenz Belange der Region weiter entwickelt. Nachdem anfangs die „Alternativen“ unter sich waren, treffen sich dort auch immer mehr Menschen aus Verwaltung und Unternehmen, um gemeinsam neue Ansätze für die Region zu suchen. Neben Kultur, Gentechnik und Energieversorgung sind auch Fragen wie Demografie, Bildung, Gebäudenutzung etc. dort präsent. Aus diesem Treffen sind Initiativen entstanden wie ein Bürgerbus (nach Wegfall des ÖPNV), eine jährlich stattfindende Musiknacht (mit über 20 Bands und mehr als 1000 Besuchern), ein Regiogeld-Projekt, eine freie Schule, eine Initiative zur autonomen Versorgung mit Bio-Gemüse und – Obst, sowie drei „Artabana“-Gesundheitsnetzwerke.

Kultur des Miteinander

Wer glaubt, im ländlichen Raum sei nichts los, kann im Hohen Fläming staunen. Hier gibt es neben den genannten Aktivitäten spirituelle Zeremonien (Jahreskreisfeste, Lebenstanz, Schwitzhütten, schamanische Ausbildungen, Tantra), kulturelle Events (Konzerte, Theater, Kino), neue Erziehungsansätze (Waldkindergarten, Klettergarten, Gewaltfreie Kommunikation in Schulen) oder politische Vernetzung (Arbeitsgruppen zu Themen wie Energieversorgung, Dritte Welt, Antirassismus etc.). Dazu kommen Feste und Tanzpartys, Sauna für den Freundeskreis und andere regelmäßige Begegnungsmöglichkeiten. Und über einen rege genutzten E-mail-Verteiler (mit derzeit ca. 400 Adressen) werden Informationen weitergegeben und Einladungen ausgesprochen. Neu Hinzugezogene berichten sogar, dass sie das Angebot wesentlich reichhaltiger finden als in einer Großstadt, weil sie zu vielen Themen erst über den Kontakt zu konkreten Menschen und Freundschaften einen Bezug entwickeln. 
Denn das ist die Qualität dieses Netzwerkes: Es entsteht eine Kultur von gemeinschaftlichem Miteinander, die auf Freundschaft aufbaut; eine Kultur, in der Selbstverantwortung und gegenseitige Unterstützung Ausgangspunkte sind für einen anderen Umgang mit der Welt.

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*