Anzeige

Schon 1994 hat Peter Heinl mit seinem Buch „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg“ über die psychischen Nachwirkungen bei den sogenannten Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs berichtet. Ihm folgten der Psychoanalytiker Tilmann Moser und 2004 die Journalistin Sabine Bode, die mit ihrem bahnbrechenden Buch „Die vergessene Generation“ über die Kriegskindergeneration schrieb. Die Autorin und Journalistin Gabriele Lorenz-Rogler sprach mit der systemischen Familientherapeutin Ingrid Meyer- Legrand über die Generation Kriegsenkel und wie sie dieser mit ihrem besonderen Therapieansatz begegnet.

 

Seit einigen Jahren fordern die Kriegsenkel – die 35- bis 60plus-Jährigen – verstärkt in der Öffentlichkeit die Anerkennung ihrer Leiden. Kann denn eine in Watte gepackte und in materieller Sicherheit aufgewachsene Generation psychische Folgeschäden des 2. Weltkriegs aufweisen?

Kriegsenkel sind in Frieden und Wohlstand aufgewachsen, erlebten aber Eltern, die in Kriegszeiten groß geworden und häufig traumatisiert worden sind. Dieses Leid wird in einer Art Kettenreaktion intergenerationell weitergegeben. Eine typische Kriegsenkelbiografie beginnt mit dem schwierigen Aufwachsen der Eltern in den Zeiten von Bombennächten, Vergewaltigungen, Flucht und Vertreibung. Die Nachkommen wussten zwar oft nichts von diesen Erfahrungen, sie spürten aber die schwere Beeinträchtigung der Eltern und versuchten sie zu retten.Von Kindesbeinen an übernahmen sie mehr Verantwortung, als sie verkraften konnten.

 

Ist dieser Zusammenhang wissenschaftlich gesichert?

Dass die Auswirkungen des Krieges auch die Nachkommen belasten, bestätigen erste Forschungsergebnisse. Wir müssen uns das so vorstellen: Eine Strategie, die traumatischen Kriegserfahrungen zu überstehen, war es, die Gefühle völlig auszuschalten. Später gab es auch kaum Möglichkeiten, zum Beispiel über therapeutische Hilfe, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Die Gefühle blieben auch weiterhin abgespalten. Die Eltern spürten zwar nicht mehr ihren Schmerz, hatten aber auch keine Möglichkeit, die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen. Diese erlebten sie oftmals als emotional abgestumpft, leer und um sich selbst kreisend. Die seelische Verletztheit von Mutter und Vater erfasste so die gesamte Familie. Kinder brauchen jedoch Eltern, die sie emotional versorgen, die lebendig sind, nicht ängstlich oder erstarrt. In vielen Fällen wurde das Verhältnis zwischen den Eltern und ihren Kindern umgekehrt: Kinder wurden zu Eltern ihrer Eltern.

 

So wird also das Trauma weitergegeben?

Ja, die Kinder spürten intuitiv, dass da etwas schief lief, dass etwas mit ihren Eltern nicht stimmte. Sie haben unter einer beklemmenden Stimmung in der Familie gelitten und machten sich selbst häufig dafür verantwortlich. Sie dachten, mit ihnen selbst stimmte etwas nicht und fühlten sich daher „falsch“ oder „komisch“. Hinzu kommen oft Glaubenssätze der Eltern als Vermittlungswege von unverarbeitetem Leid.

 

Haben Sie ein Beispiel für so einen Glaubenssatz?

Ja, zum Beispiel: „Wer in der ersten Reihe steht, wird erschossen.“ Das sagte ein Großvater zur Enkelin. Dieser Satz hat sich tief in ihre Seele eingebrannt. Als Erwachsene agierte sie in beruflicher Hinsicht eher ausweichend. Und für die Nachkommen der Flüchtlingskinder ist das Bedürfnis typisch, nur nicht aufzufallen. Für die Eltern war es durchaus sinnvoll, so zu denken – für die Nachkommen ist es aber oft hinderlich.

 

Gibt es typische Probleme?

Viele stehen beruflich auf der Bremse, fangen privat und beruflich immer wieder neu an. Andere arbeiten bis zur Erschöpfung oder sind unzufrieden. Sie werden zwar gut bezahlt, haben aber das Gefühl, nicht im richtigen Job zu sein. Große Themen sind „Ruhelosigkeit“ und ein „Nicht-Ankommen-Können“. Es gibt die große Sehnsucht, endlich seinen eigenen Platz in der Gesellschaft bzw. im Leben zu finden. Viele haben zunächst nicht ihre Interessen verfolgt, sondern die Aufträge der Eltern: der Sonnenschein der Familie zu sein, der Zugang zur Welt, die große Hoffnung auf ein besseres Leben. „Macht etwas aus eurem Leben. Wir konnten es nicht!“ Aus großer Loyalität zu den Eltern haben viele Kriegsenkel alles getan, um diese Aufträge zu erfüllen und haben mit Hilfe neuer gesellschaftlicher Möglichkeiten – Stichwort Bildungsreform – tatsächlich bemerkenswerte Karrieren „hingelegt“.

 

Wie sieht die Unterstützung Ihrer Klienten konkret aus?

In der therapeutischen Arbeit und beim Coaching stelle ich einen Zusammenhang her zwischen der eigenen Geschichte und dem schwierigen Aufwachsen der Eltern. Für viele ist das überraschend und zugleich entlastend, weil sie ihre Probleme bis dahin als individuelle, innerseelische Konflikte eingestuft haben. Herausforderungen und Hindernisse bekommen eine neue Bedeutung als Ressourcen. Aus der frühen Rollenzuweisung, Eltern für ihre Eltern zu sein, erwachsen zum Beispiel auch besondere Lebenskompetenzen hinsichtlich Selbständigkeit und der Übernahme von Verantwortung in privaten, beruflichen oder auch gesellschaftlichen Kontexten. Das heißt, auch eine leidvolle Geschichte birgt große Ressourcen.

 

Ist das ein Novum, dass die Kriegsenkelgeneration erstmals Wahlmöglichkeiten hatte, verbunden mit überhöhten Ansprüchen an sich selbst?

Ja. Die Kriegsenkel sind in den 70er und 80er Jahren groß geworden nach dem Motto: „Du willst etwas, dann geh’ und hol’s dir“. Die Individualisierung der Gesellschaft barg und birgt neue Chancen, aber auch neue Risiken. Die Einzelnen sind ständig gefordert, sich neu zu erfinden. Das ist ein hoher und schwer einzulösender Anspruch, der viel Druck macht auf den Einzelnen.

 

Den Kriegsenkeln wird eine reaktionäre Sehnsucht nach Heimat unterstellt.

Das ist unzutreffend. Sie beschäftigen sich eher mit Wiedergutmachung, sind aktiv in der Friedensbewegung oder setzen sich für Flüchtlinge ein. Heimat ist nicht in dem Sinne ihr Thema, sondern die Sehnsucht nach „Beheimatung“, nach dem eigenen Platz im Leben bzw. in der Gesellschaft. Die Individualisierung der Gesellschaft geht allgemein mit einer gewissen „Unbehaustheit“ einher, die alle herausfordert. Die Kriegsenkel sind die ersten, die angehalten sind, sich permanent neu zu erfinden, zu optimieren, immer und grenzenlos mobil und flexibel zu sein. Deshalb hadern sie oftmals mit ihrem Leben und bedauern ihre riskanten Lebensentwürfe. Daher kommt die große Sehnsucht nach Be-Heimatung.

Zusammenfassend kann ich sagen: Einerseits sind die Kriegsenkel geprägt vom Leid ihrer Eltern und den daraus entstandenen Herausforderungen, Aufträgen und dem Gefühl, diesen Aufträgen nicht genügt zu haben. Die Eltern wiederum haben den Kindern vorgemacht, wie man ein Leben aus dem Nichts aufbaut. Damit haben sie ihnen wertvolle Ressourcen zur Verfügung gestellt. Außerdem hat diese offene Gesellschaft, wie sie die Kriegsenkel vorfanden und finden, ihnen zu einem ganz besonderen Lebensentwurf verholfen. In meiner therapeutischen Arbeit verknüpfe ich deshalb die Mehrgenerationenperspektive mit der jüngeren und aktuellen Zeitgeschichte und einer Orientierung an den kraftvollen Ressourcen der Familien-Biografie. Über allem steht die Frage: Was haben Sie auf Ihrem besonderen Lebensweg gelernt?

 


Kriegsenkel-Meyer-Legrand

Ingrid Meyer-Legrand ist Systemische Therapeutin, Coach und Supervisorin von Teams aus der Flüchtlingsarbeit, Coach im Leadership-Programm der zentralen Frauenbeauftragten der Humboldt-Universität. Zahlreiche Fachveröffentlichungen zum Thema Kriegsenkel. Sie ist eine der ersten Therapeuten, die mit den Ressourcen der Kriegsenkel arbeitet. Ebenfalls Mitautorin des Buchs „Nebelkinder“.

Info und Kontakt unter
Tel. 030-78704830
oder
mailto@Meyer-Legrand.eu
http://meyer-legrand.eu

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*