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Sich für die sinnliche Erfahrung öffnen

Genuss begegnet uns als selbstverständlicher Teil unseres Alltags – zumindest in der bunten Welt der Werbung. Hier scheinen fast alle Menschen ihr Leben zu genießen. Jede Gelegenheit ist Anlass für eine Auszeit, schon der Marken-Pudding vermittelt Geborgenheit und Heimatgefühle, der Alltag spielt offenbar keine Rolle.

Genießen – was ist das?

Genießen in der realen Welt erfordert, sich auf das eigene Erleben einzulassen. Wenn dies gelingt, lösen angenehme Sinnesreize ein Wohlgefühl aus, das entspannend wirkt. Oft wird Genuss mit dem Verzehr erlesener Speisen und Getränke assoziiert. Hier ist weniger mehr, denn ein Zuviel nimmt den Sinnesreizen die Intensität, die sich schon in der Wiederholung verringert. Genuss jeder Art gründet in vertrauensvoller Hingabe. Ablenkung lässt ihn schwinden. Genießen gibt es nur im Hier und Jetzt: im zeitlosen Erleben. Jenseits der Werbung ist Genießen daher eine Kunst.

Nicht alltäglich

Wer gehetzt und von Sorgen belastet ist, dem wird das Aufgehen im Erleben kaum gelingen. Der passive Konsum im westlichen Lebensstil erschwert zudem die Erfahrung des Genießens. Wo tiefes, befriedigendes Erleben ausbleibt, dominieren flüchtige Sinnesreize. Reduzierte Wahrnehmungsintensität fördert zum Beispiel in der Esskultur oft eine Sucht nach stärkeren Reizen, da nur diese sich noch durchsetzen. Der Soziologe Mitscherlich sagt passend: ”Sucht entsteht allemal da, wo gesucht, aber nicht gefunden wird”. Geschmacksverstärker wie Glutamat, vielfach in Fertiggerichten und -saucen eingesetzt, beschleunigen die Abstumpfung. Der Mangel an Aufmerksamkeit entwertet das Erleben und mindert das Eigenwertgefühl des Handelnden, der sich selbst keine Achtsamkeit entgegenbringen kann.

Genießen als Kulturleistung

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Das Genießen wieder neu zu erlernen, erfordert, sich Zeit zu nehmen und sich für die sinnliche Erfahrung zu öffnen. In früheren Jahrhunderten war das Leben der Menschen härter, was zu vitaler Sinnenfreude führte, sobald es etwas zu genießen gab. Aufgrund der damals noch wahrgenommenen Wirkung galt der Kakao, als er im 16. Jahrhundert in Europa bekannt wurde, als eine Droge der feinen Leute. Kakao, schwarzer Tee oder Kaffee werden heute selbstredend nicht mehr als Droge erlebt. Der Vergleich macht deutlich, wie viel abgestumpfter unsere Wahrnehmung heute ist. Die biochemische Wirkung von Kakao auf unsere Physis ist recht gut untersucht. Kakao enthält als psychoaktive Substanz neben Phenylethylamin, welches durch Ausschüttung von Dopamin im Gehirn Wachheit, Konzentration und Kreativität anregt, auch Anandamid, das das Wohlbefinden steigert und dem Tetrahydrocannabinol im Haschisch ähnlich ist. Kakao, Schokolade, Pralinés und andere hochwertige Speisen haben ganze Berufszweige von Chocolatiers und Konfiseuren bis zum Sterne-Koch entstehen lassen.

Genuss ist sinnvoll

Neben dem Wohlgefühl, das die Geschmackssinne auslösen, genießen wir natürlich auch die Freizeit. Erholung und Entspannung haben für unsere Physiologie sehr positive Auswirkungen: Der Blutdruck sinkt, tieferer Atem und langsamere Gehirnwellenrhythmen stellen sich ein. Schon kleine Auszeiten wirken mental entspannend und damit gesundheitsfördernd. Aber es ist oft nicht leicht, in Freizeit oder Urlaub den Stress aus Arbeit und Alltag loszulassen. Und vielen ohne Arbeit fällt es schwer, ihre verfügbare Zeit mit Sinnvollem anzufüllen und zu genießen. Dabei spricht das Wort ”sinnvoll” hier beide Bedeutungsebenen an: voll Sinn und voller Sinne. Denn intensives Erleben erfüllt uns, und das Sinnliche macht Sinn.
Genießen lernen
Es ist schon ein wunderbarer Widerspruch: Wir können das Äußere nur wirklich wahrnehmen, wenn wir uns nach innen wenden, denn Genießen liegt im Fühlen. Wollen wir das Genießen wieder lernen, fällt dies leichter mit unseren archaischeren Sinnen, die evolutionsgeschichtlich weiter entfernt sind vom Verstand. Intensives Schmecken, Riechen und Hören oder starke körperliche Reize wie z. B. ein Saunabad fördern die Selbstwahrnehmung. Als Aufgehen im Sein offenbart das Genießen seine spirituelle Dimension. Es erlaubt uns, die Einheit mit dem Außen zu spüren, und hebt für den Moment die Trennung zwischen Innen und Außen auf. Genießen öffnet uns für die Welt, indem wir uns für unser Erleben öffnen.

 

Berühren und genießen

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In der menschlichen Berührung lässt sich die Fähigkeit zu genießen hervorragend entwickeln. Da zwischenmenschliche Berührungen in Deutschland eher reduziert sind, wird hier der Genuss besonders stark spürbar. Entsprechend konkurrieren viele Massageformen in dieser Nische des Wellnessmarktes. Ein begeisterndes Trainingsfeld für den Genuss ist auch die Berührung in der Partnerschaft. Leider verlieren wir aber durch Kommunikationsprobleme in der Partnerbeziehung allzu leicht die verbindende, entspannte Körperlichkeit, die uns einen Weg aus Krisen eröffnen könnte. Hier setzt die Arbeit eines mir bekannten Masseurs an, der sich nach jahrelanger Tätigkeit in Krankenhäusern und Rehakliniken spezialisierte – auf die Vermittlung von Tantramassagetechniken an Paare. Dass sich die Partner auf der körperlichen Ebene so neu begegnen lernten, erwies sich als Jungbrunnen für so manche Beziehung.

Genießen energetisch

Die Genussfähigkeit durch die Entwicklung der eigenen Wahrnehmung zu erhöhen, gelingt auf vielfältige Weise. Genannt seien hier beispielhaft: Yoga, Tai Chi, Chi Gung oder Meditation. Denn die Fähigkeit zu genießen hängt weitgehend von unserem Energiestatus ab. In meiner Arbeit als geistiger Heiler durfte ich immer wieder erleben, wie schon 30 Minuten Prana- oder Chiübertragung Klienten in die Tiefenentspannung und die eigene Mitte führten. Neu aufgeladen mit Energie sind diese Menschen nach der Behandlung so sehr bei sich, dass sie völlig selbstverständlich genießen: sich selbst, ihre eigene Lebendigkeit, die Welt um sie herum.

 

Fotos: Adam Gomoluch
Foto Meer: Cornelia Regler

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