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Mitempfinden, das niemals konkret gelebt wird, verdient den Namen nicht.

Gesellschaftliches und politisches Engagement scheint für einen nicht unerheblichen Teil spirituell orientierter Menschen immer noch höchst verdächtig zu sein. Vielleicht gründet dieses Gefühl – oder sagen wir es direkter: die Aversion gegen politische Partizipation darin, dass umgekehrt aufseiten politischer Aktivisten Spiritualität nicht selten belächelt oder für überflüssig erachtet wird.

Vielleicht gibt es aber auch andere Gründe, die dazu führen, dass viele Protagonisten der spirituellen Szene jede Art der Verantwortung für gesellschaftliche Prozesse und Probleme für wenig nötig erachten. Eine der Ursachen liegt meines Erachtens im traditionellen Verständnis der spirituellen Systeme von der Welt und dem Leben in selbiger. In vielen spirituellen Lehren wurde diese unsere Welt entweder nur als Durchgangsstation zu einem besseren Sein oder gleich als Illusion betrachtet. Wer dieses Dasein nur als Durchgangsstation oder als Illusion betrachtet, wird nicht unbedingt danach trachten, hier etwas zu verändern, sondern er wird seine Energie eher dafür einsetzen, möglichst schnell vom Schein zum Sein zu gelangen.

Von diesem Zwei-Wirklichkeiten-Modell sind interessanterweise auch noch weite Teile der modernen „Nondualitäts-Szene“ befallen. Wer mantrahaft wiederholt, dass alles ist, wie es ist, und es deshalb nichts zu tun und zu verändern gäbe, nur weil er im nondualen Bewusstsein weilt, ignoriert den leidhaften Aspekt des Lebens, der für viele Menschen sehr real ist. Diese Welt in ihrer Veränderlichkeit und ihrer Leidhaftigkeit ist jedoch genauso nonduale Wirklichkeit – solange wir als körperliche Wesen unterwegs sind – wie das Erleben der Nondualität.

Vermutlich hat der Mahayana-Buddhismus deshalb nicht nur die Erleuchtungsweisheit, sondern immer auch das Mitempfinden mit allen in der Relativität gefangenen Wesen gefordert. Der Bodhisattva weiß, dass die Welt des Bedingten illusionär ist – und dennoch nimmt er das Leiden der Nichterwachten in dieser Welt ernst und versucht es zu lindern.

Globalisierte = verbundene Welt

Mitempfinden ist aber nicht nur eine geistige Qualität. Mitempfinden, das niemals konkret gelebt wird, verdient den Namen nicht. Wer ausschließlich über Mitempfinden meditiert, ohne seinen Blick auf das konkret erfahrbare Leiden in der Welt zu richten und die eigene Verstrickung darin wahrzunehmen, hat aus meiner Sicht nicht verstanden, was Spiritualität wirklich meint. In einer globalisierten Welt sind wir heute nicht nur geistig, sondern auch durch sehr konkrete wirtschaftliche Bezüge verbunden. Nehmen wir als Beispiel die Kleidung, die wir tragen. Diese Kleidung nähen Menschen in fernen Ländern oft unter unmenschlichen Bedingungen.

Wir können das natürlich ignorieren, oder aber es bewusst wahrnehmen und uns infolgedessen dazu entscheiden, mit unseren wenn auch bescheidenen Mitteln etwas dagegen zu tun. Genauso verhält es sich mit der Ernährung. Wir können uns bewusst oder unbewusst ernähren. Wenn wir uns bewusst machen, was wir essen, werden uns die globalen Dimensionen unserer ganz persönlichen Essgewohnheiten nicht mehr verborgen bleiben. Dann werden wir sehen, dass zum Beispiel für unseren Fleischkonsum Unmengen an Futter verbraucht werden, das zu nicht unerheblichen Teilen in Entwicklungsländern angebaut wird. Wälder werden dort für Soja-Anbauflächen vernichtet. Oder das angebaute Getreide fehlt der Bevölkerung zur eigenen Ernährung. Wenn dann internationale Fischtrailer vor der ostafrikanischen Küste die Gewässer leerfischen und die einheimischen Fischer ihre Familien nicht mehr ernähren können und infolge dieser Entwicklung als Wirtschaftsflüchtlinge nach Europa kommen, finden wir uns plötzlich selbst ins Gewebe des leidvollen Seins verwickelt.

Es schadet daher auch einem spirituellen Menschen nicht, täglich einen Blick in eine vernünftige Zeitung, ob gedruckt oder digital, zu werfen und sein Handeln von diesem Wissen leiten zu lassen. Diese Welt braucht nicht mehr apolitisch Erwachte, sondern Menschen, die aus dem Wissen und dem Erleben des universellen Verbundenseins Verantwortung für diese Welt und ihre Bewohner übernehmen.


 

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin evolve erschienen:
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