Gewalt an Frauen (und auch Kindern) sind immer noch Themen, über die man nicht gerne spricht. Gerade während der Lockdowns, in denen viele Familien mehr Zeit miteinander verbrachten und oftmals auf engem Raum „zusammenhockten“, so dass manchmal ein Cocktail explosiver, schwer kontrollierbarer Emotionen entstand, haben derartige Gewalterfahrungen allerdings zugenommen. Die Traumatherapeutin Lena Grabowski berichtet über die Folgen körperlich- seelischer Gewalt und Heilungsmöglichkeiten, wenn das Leben nur noch aus Ängsten, Alpträumen und Selbstzerstörung besteht.

Bereits im ersten Lockdown 2020 waren Frauenhäuser deutschlandweit überfüllt. Mütter mit Kindern wurden teilweise abgelehnt und zurück nach Hause geschickt, da das Hilfesystem bereits überlastet war. Die Gewaltbereitschaft hatte aufgrund massiver Spannungen, Ängste und überall dort, wo zuvor schon soziale Schwierigkeiten bestanden, während der Corona-Krise zugenommen bzw. ist in dieser Zeit eskaliert. Janina Steinert, Professorin für Global Health an der Technischen Universität München (TUM), und Dr. Cara Ebert vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) haben rund 3.800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren online nach ihren Erfahrungen im Kontext häuslicher Gewalt befragt. Die Frauen wurden zwischen dem 22. April und 8. Mai 2020 bezüglich der Geschehnisse des vorangegangenen Monats interviewt.

3,1 % der Frauen in Deutschland wurden in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen Opfer körperlicher Gewalt im eigenen Zuhause. 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner zum Geschlechtsverkehr gezwungen. In 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft. Fast 5 Prozent der Partner regulierten die Kontakte der Frauen mit anderen Personen, auch digitale Kontakte, zum Beispiel über Messenger-Dienste. 3,8 Prozent der Frauen erlebten emotionale Gewalt und fühlten sich von ihrem Partner bedroht. 2,2 Prozent duften ihr Haus nicht ohne seine Erlaubnis verlassen. In Familien, in denen einer der Partner aufgrund der Pandemie in Kurzarbeit war oder seine Arbeit verlor, erlitten laut der Befragung 5,6 Prozent der Frauen und 9,3 Prozent der Kinder körperliche Gewalt. Überdurchschnittlich stark fiel die Gewalt auch in Familien mit jüngeren Kindern unter zehn Jahren aus, wo 6,3 Prozent der Frauen und 9,2 Prozent der Kinder betroffen waren. Am stärksten ausgeprägt war die Gewalt in Familien, in denen ein Partner Angst oder Depressionen hatte: 9,7 Prozent der Frauen und 14,3 Prozent der Kinder wurden Gewaltopfer.

Folgen von Gewalt und Unterdrückung

Als Therapeutin mit der Spezialisierung auf Traumata habe ich bei meinen Klienten oftmals mit den Spätfolgen von Gewalterfahrungen unterschiedlichster Art zu tun. Selbst nach jahrzehntelanger Etablierung von Frauen- sowie Kinderrechten – in einem leider noch immer patriarchalen System – und vielen guten, etablierten Vereinen und Verbänden, die Aufklärungsarbeit über „Gewalt gegen Frauen und Kinder“ leisten, begegne ich im Jahr 2021 noch immer häufig den Themen Gewalt, Unterdrückung und Maßregelung gegenüber „vermeintlich Schwächeren“. Sie drücken sich in der Partnerschaft, in der Erziehung, in sozialen und bildenden „Einrichtungen“ für Kinder und Jugendliche, in der Pflege, in sozialen Hilfesystemen, im Beruf/kollegialen Umfeld und in der Politik aus. Viele meiner Klienten sind Frauen, die nicht nur im Erwachsenenalter Gewalt erlebt haben, sondern bereits in ihrer Kindheit und/oder Jugend.

Verloren haben sie dabei nicht nur ihr Gefühl für ihren eigenen Wert und ihre seelisch-körperliche Unversehrtheit; sie kämpfen seither Tag für Tag um ein Leben jenseits von Ängsten, frei von Alpträumen und Selbstzerstörung und um eine Wiedererlangung ihrer menschlichen Würde.

Über den Mut, das Trauma zu verarbeiten

Für jede von ihnen waren die Traumatisierungen extrem belastende Erlebnisse, die von ihrer Seele und ihrem Körper nicht mit „normalen“ Mechanismen bewältigt werden konnten und stattdessen eine tiefe seelische Verletzung hinterlassen haben – begleitet von Gefühlen massiver Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit und dem Empfinden, schutzlos ausgeliefert zu sein. Die Auslöser waren schmerzliche Momente, in denen Flucht (flight) und Kampf (fight) nicht mehr möglich waren, um das eigene Überleben zu sichern. Stattdessen halfen ihnen nur noch ihr natürlich angeborener Totstellreflex (freeze) oder auch das Phänomen der Unterwerfung (fawn response) dabei, diese leidvollen Augenblicke irgendwie durchzustehen.

Ich erinnere mich an eine Klientin, die ihre in der Partnerschaft erlebten schmerzlichen Gewalterfahrungen mit selbstzerstörerischen Handlungen wie Ritzen der Haut und Essensverweigerung zu bewältigen versuchte. Sie befand sich zudem in ärztlich-psychiatrischer Untersuchung bzw. Begleitung und wollte dringlich einen Klinikaufenthalt vermeiden. Es waren insbesondere die ressourcevollen und bindungssensiblen Momente in unseren Sitzungen, die ihr halfen, ihr altes, durch die Gewalterlebnisse bestimmtes Selbstbild allmählich abzulegen. Jenes alte Selbstbild, das ihr einredete, dass etwas mit ihr nicht stimme. Dass sie allein für jegliches Gewalterleben verantwortlich sei – denn sonst wäre all das ja nicht geschehen. Es waren Gefühle von tiefer Scham und Schuld, die ihr stets einredeten, dass sie es nicht besser verdient und sie nunmal einen schmerzlichen Preis für die Nähe zu ihrem damaligen Partner zu zahlen hatte.

Selbstverletzung, Co-Abhängigkeit und der Wunsch nach starken Grenzen

Sie lernte während ihrer Stabilisierungsphase, sich einen sicheren Raum zu gestalten, in dem sie alle Regeln des Miteinanders selbst definieren konnte. Und erfuhr, dass sie mitsamt allen Regeln gehört, wahrgenommen und wertgeschätzt wurde. Der Weg, endlich zu fühlen, wo eigene Grenzen sind, war für sie schwierig, doch sehr lohnenswert. Denn das Wahrnehmen und Definieren von Grenzen zwischen ihr und einem Gegenüber lösten erstmals bewusst wahrgenommene Ängste aus, sie könne ihr Gegenüber und die Bindung zu diesem Menschen verlieren, würde sie Nein zu etwas sagen, das dieser Mensch haben wollte, das sie aber nicht mochte. Dieses Wahrnehmen veränderte sie zutiefst und half ihr dabei, die erlernten selbstverletzenden Handlungen schrittweise in gesündere zu verwandeln. So lernte sie statt des Ritzens – immer dann, wenn ein starker emotionaler Druck im Inneren hochkochte und sie zu dieser selbstverletzenden Maßnahme aufforderte – andere Ausdrucksmöglichkeiten kennen. Obwohl der Weg zur Wut und „Beißkraft“ noch nicht gänzlich eingeschlagen war, schaffte sie es zunächst mit dem Schreiben von Gedichten, Sport und Wahrnehmungsübungen in der Natur, diesen starken Druck in einen anderen, zunehmend gesünderen Kanal zu leiten. Auch für die Essensverweigerung, die sich Gott sei Dank nicht in einem lebensbedrohlichen Abmagerungszustand ausdrückte, fanden wir Wege, andere Verhaltensweisen anzubieten und zu etablieren und den darunterliegenden, auf Selbstverletzung ausgerichteten Dynamiken nahezukommen.

Das Wiedererlangen der eigenen Würde

Wie erwähnt, entwickeln Menschen, die Gewalt erfahren haben, nicht selten autoaggressive Verhaltensweisen. In ihnen bleibt oftmals ein diffuses Gefühl zurück, sie seien es nicht wert gewesen, etwas Besseres, Liebevolleres zu erleben. Das wird begleitet von einem Gefühl von Scham und Schuld. Oftmals geht dies mit einem Komplex einher, das Gegenüber, mit dem diese gewaltvollen Erfahrungen gemacht wurden, von der Verantwortung zu entbinden, es mitunter sogar schützen zu wollen. Menschen, die Gewalterfahrungen machen, verlieren meist ein Gefühl für ihren eigenen Wert, ihre Daseinsberechtigung, ihre menschlichen Würde.

Um zu dem Erleben dieser inneren Würde zurückzufinden, können zum einen aufarbeitende therapeutische Ansätze notwendig werden. Zum anderen sind neue, würdevolle Erfahrungen mit Mitmenschen notwendig, gesunde Bindungserfahrungen, in denen dieser Mensch erlebt, dass er um seiner selbst willen geliebt und wertgeschätzt wird. In diesen Momenten, in denen der Mensch nicht mehr lieblos gebraucht oder benutzt wird (und auch nicht mehr gestattet, dass das mit ihm geschieht) und er stattdessen gesunde und würdevolle Beziehungserfahrungen macht, kann sich seine Seele (und sein Bindungssystem) erholen und neue Wege gehen.

Über den Autor

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Lena Grabowski ist als Dozentin und Referentin für humanistische und integrale Psychotherapieverfahren tätig und bildet soziale, psychologische und medizinische Berufsgruppen darin aus. Sie bietet Traumatherapie und traumasensibles Coaching für Werte- und Zielfindung in einer Berliner Gemeinschaftspraxis an. Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel und Kurzgeschichten.

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