Oft geschieht es, dass in Gesprächen durch schnell hingeworfene Bemerkungen oder allein durch Gesten Missverständnisse und Verletzungen entstehen. Wie es gelingen kann, mit Hilfe von gewaltfreier Kommunikation dies anzusprechen und wieder eine freundliche Verbindung zu gestalten, beschreibt die GFK-Trainerin Barbara Leitner.

„Was ist in dir lebendig? Und was will in dir lebendiger werden?“, eröffne ich wie so oft eine Übungsgruppe für gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Sieben Personen treffen sich in einem Wohnzimmer. Nach ein paar Minuten der Stille beginnt Claudia zu sprechen. Sie sagt, dass es ihr gut geht, aber eine Geste ihrer Hand, ein Blick deuten an, dass dies wohl nicht so ganz stimmt. Die neben ihr sitzende Petra lacht auf und drückt damit aus, dass sie über die Diskrepanz zwischen den Worten und der Körpersprache gestolpert ist.

Wir sind in der Eröffnungsrunde. Vereinbart ist, dass jeder die volle Aufmerksamkeit der anderen bekommt, einen sicheren Raum, wenn er spricht. Er kann auch gefragt werden, wenn die Sprechenden einverstanden sind. Hier ging es viel zu schnell. Das Lachen verunsicherte Claudia und ließ sie quasi verschwinden. Jetzt sitzt sie da wie hinter einem Vorhang. Petra ist erschrocken über diese Reaktion auf ihr Lachen. Eine der wichtigsten Prämissen der GFK lautet: Niemand hat etwas falsch gemacht. Der Vers des persischen Dichters Rumi: „Jenseits von Richtig und Falsch, da ist ein Ort. Dort treffen wir uns“ gilt in der Szene als Leitspruch.

In diesem Sinne wenden wir uns in der Übungsgruppe allen möglichen Facetten von Beziehung und Kommunikation zu, am besten jenen, die gerade zum Klingen kommen. Bleiben wir also gleich bei der Eröffnungssequenz: Was an alten Mustern und Verletzungen wurde schon in den ersten fünf Minuten berührt? Ich lade ein, einander mit Forschergeist und Neugier sowie Mitgefühl für sich selbst wie den anderen zu begegnen. „Mir wurde ganz eng“, teilt Claudia ihre innere Wahrheit mit. „Ich war plötzlich nicht mehr sicher, ob ich hier wirklich einen sicheren Platz habe. Das tat weh. Da verschließe ich mich.“ Offen, verletzlich und ohne jeden Angriff schaut sie der anderen Frau in die Augen. „So ist es für mich“, sagt ihr Blick. Bei der anderen rollen die Tränen. Tränen der Angst, der Verlorenheit, eines alten Schmerzes, der in ihr noch lebt. Aus Petra, einer Frau in ihren Sechzigern, wird plötzlich das Kind, das sie einmal war, konfrontiert mit eigener Hilflosigkeit und Überforderung in ihrer Familie. Als Zehn- und Elfjährige fühlte sie sich sehr allein, auch später immer wieder.

Zwei Stunden begleiten wir sie als Gruppe, schauen, wo etwas gesehen werden und sich lösen will und wie sie durch den alten, unverdauten Kummer hindurch Kontakt mit der Schönheit der Energie der Bedürfnisse bekommt: Jenseits von Erfüllt und Unerfüllt tritt sie in einen weiten unendlichen Raum. Dann atmet sie wieder ruhig und frei, blickt in die Runde und auch Claudia an. Sichtbar ist die Verbindung der beiden tiefer als zuvor. Sie haben einander gesehen.

Über den Schmerz zur Verbindung

Das ist es, was mich in der Arbeit mit der GFK fasziniert. Statt zu kämpfen, zu fliehen oder zu erstarren begegnen wir einander mit den aktuellen Gefühlen und Bedürfnissen. Wir stricken ein Band, das fester ist und freundlicher als vorher, gerade weil es einen Konflikt gab. Der wurde angeschaut statt verdrängt. „Jeder von uns steht in einem Moment als der da, dem Schmerz zugefügt wurde, und im nächsten sind wir es selbst, die andere verletzen“, schreibt der südafrikanische Geistliche und Menschenrechtler Desmond Tutu gemeinsam mit seiner Tochter Mpho in einer für mich besonders eindringlichen Sprache in seinem „Buch des Vergebens. Vier Schritte zu mehr Menschlichkeit“. Darin ist von Mord, Raub, übler Nachrede, tragischen Unfällen aus Unachtsamkeit oder Sucht ebenso die Rede wie von flapsigen Bemerkungen, die dem Gegenüber wehtun.

Solange wir Menschen sind, machen wir alle Fehler, lese ich darin. Dadurch hat „das zerbrechliche Geflecht aus Beziehungen“ Risse bekommen, wie wir in der Gegenwart an einer Vielzahl von globalen, nationalen, lokalen und auch familiären Konflikten erleben. „Nur indem wir das Netzwerk unserer zwischenmenschlichen Verbundenheit immer wieder reparieren und neu knüpfen, finden wir Frieden“, ist die Botschaft der beiden Südafrikaner – und Vergebung ihr vorgeschlagener Weg.

Den Auslöser spüren

Den anderen vergeben, wo sie mir nicht gut taten. Ja, das kann ich. Ich kann Mitgefühl mit ihnen entwickeln und ihr Handeln nachvollziehen. Aber kann ich mir selbst vergeben? Drei Tage später treffe ich mich mit einer weiteren Gruppe, einer Empathiegruppe, in der wir GFK praktizieren. Anfangs geht es einfach um dies und das. Und dann sagt die mir gegenübersitzende Katrin zaghaft zu mir als der Leiterin: „Ich bin mir nicht sicher, ob du nicht auch Wertungen einbringst.“ In mir läuten alle Alarmglocken. Unruhe rumort in mir. Mein ganzes inneres System ist aktiviert. Für mich ist gerade die Grundfrage des Lebens gestellt worden: Bin ich okay, wie ich bin, und darf ich so sein?

Ich spüre meinen aufgewühlten Körper. Gleichzeitig ist – vor allem durch meine langjährige Praxis des achtsamen Atmens – in mir wie ein innerer Raum entstanden. In dem halte ich den auslösenden Reiz und bin gleichsam wach und offen in der Kommunikation. Dadurch bin ich den biologischen Reaktionen meines Gehirns nicht mehr pur ausgeliefert. Also frage ich Katrin, was sie wahrgenommen hat, und höre von einer Begegnung einige Wochen zuvor. Wir trafen uns damals außerhalb der Gruppe in einer mir unvertrauten Umgebung mit anderen Leuten. Ich fühlte mich gehetzt und unsicher. Irgendwann sagte ich zu ihrem Partner: „Ach, du bist der, von dem wir schon gehört haben“ und ließ offen, um worum es mir ging. Das war ungeschickt, weil es keine klare Botschaft war, sondern alles bedeuten konnte.

Katrin bekam es prompt in den falschen Hals und war schockiert: „Wieso sagt sie so etwas?“, dachte sie. In dem Moment war sie aber nicht in der Lage, mir gegenüber ihre Verwirrung und ihren Ärger deutlich zu machen. Wie schnell wäre die Sache aus der Welt gewesen, hätte sie mir mitteilen können: „Es tut mir nicht gut, wenn du so sprichst.“ Ich hätte mich und mein Bedauern gespürt und genau in mir geschaut, was ich dem Mann wirklich mitteilen wollte, nämlich meine Sympathie und Freude, ihn kennenzulernen. Doch so ehrlich und spontan teilen wir uns oft nicht mit, aus Angst vor Zurückweisung oder Ähnlichem. Auch ich nicht. Ich sitze beispielsweise mit einem Kollegen im Café und der erzählt in rasendem Tempo und ohne Pause. Ich komme nicht hinterher und suche den Punkt, an dem ich ihn unterbrechen kann – ohne ihm zu verstehen geben zu müssen, dass mir sein Redefluss zu viel wird. Schließlich will ich ihn nicht verletzen. Ich gebe ihm in dieser Situation mehr Respekt als mir selbst – und das geht früher oder später in die Hose.

Was steckt hinter dem Konflikt?

Das ist die eine Lektion des Abends. Zugleich gilt es erneut in Kontakt mit dem Auslöser des Konfliktes zu sein. Weshalb war die hingeworfene Bemerkung so schmerzhaft? Katrin erinnerte sich, dass eine geschätzte Verwandte von ihr Briefe gelesen hatte, die an sie bestimmt waren. Sie selbst dachte als junge Frau irritiert: Schämt sie sich nicht, mein Vertrauen so zu missbrauchen? Gehört das zum Geliebtwerden dazu, andere in den eigenen Bereich eindringen zu lassen? Muss ich das hinnehmen? Habe ich das Recht, nein dazu zu sagen, ohne befürchten zu müssen, ihre Zuwendung zu verlieren? Wie kann ich ihr je wieder vertrauen? Kann es mir gelingen, meinen Raum zu schützen, dem Gegenüber mein Stopp zu geben und in Freundlichkeit und Verbundenheit mit ihm zu bleiben? Mit diesen Fragen beschäftigten wir uns und eigentlich könnte ich die Angelegenheit damit für mich abtun. Es war ja nicht mein „Vergehen“.

Aber zugleich ist da auch ein inneres Erschrecken, das meine Aufmerksamkeit verlangt. Was meldet sich? Allein nehme ich mir später Zeit und erinnere mich: Auch ich überschritt einmal eine Grenze. Ich las Notizen meines Kindes, als es 12, 13 Jahre alt war. Ich hatte das vollkommen vergessen. Scham durchzieht mich wie eine glibberige Masse, die mich innerlich schrumpfen lässt, als ich mich in meiner Erinnerung in den Aufzeichnungen stöbern sehe. Am liebsten würde ich mich auflösen und in den Boden versinken. Habe ich überhaupt das Recht, mit solchen Altlasten als GFK-Trainerin zu arbeiten?

Glücklicherweise merke ich, wie hier ein Programm der inneren Selbstverurteilung starten will, und unterbreche es. In Gedanken nehme ich mich selbst in den Arm als die Mutter, die ich vor zwanzig Jahren war – noch ohne Ahnung, dass es GFK überhaupt gibt. Damals wollte ich so dringend, dass mein Kind mich an seiner Seite weiß. Nicht im Reinen mit meiner eigenen Geschichte war ich unsicher, wie es ihm geht, aber fragte es nicht selbst, sondern versuchte die Information hinter seinem Rücken zu erhalten. Plötzlich fällt mir ein, dass auch mein Vater Briefe an mich geöffnet hatte, ohne das geringste Unrechtsbewusstsein zu signalisieren. Auch er wollte auf seine hilflose Art irgendwie bei mir sein, wird mir nun bewusst. Das berührt mich. Gleichzeitig bin ich traurig, dass ich, überfordert mit so vielen Situationen, seine untaug – liche Strategie kopierte, mit dem Wunsch, Nähe und Verbindung herzustellen. Meine Tränen fließen, Tränen der Verzweiflung über mich, wie ich agierte.

Mir selbst vergeben?

Kann ich mir vergeben? Wird mein Kind mir vergeben? Und Katrin? Wird sie mich als GFK-Trainerin weiter akzeptieren und mich in ihrem Freundeskreis haben wollen? Noch weiß ich es nicht. Ich weiß nur, dass ich ihr unendlich dankbar bin für ihren Mut: dafür, dass sie mich mit einer Situation konfrontierte, in der ich ungenau, schnell und unachtsam handelte. Ich überspielte Unsicherheit und Angst, weil ich sie nicht fühlen wollte. Dadurch nahm ich mich selbst nicht ernst und konnte auch die anderen nicht mehr wirklich wahrnehmen. Das zu entdecken tut weh. Aber es gleicht dem Putzen eines Kristallpalastes in meinem Inneren: heil und frei werden, Situation um Situation, immer wieder.

Letztlich geht es in diesem Prozess um die Tiefenstruktur unserer Beziehungen, darum, nicht nur an der Oberfläche eine heile Welt zu präsentieren, sondern auch im Hintergrund alles aufzuräumen, was noch irgendwie „quer“ liegt – und sei es noch so klein. Und immer wieder meinen Innenraum anzuschauen: Gibt es Gedanken der Abwehr, der Feindschaft, des Hasses? Komme ich zu meiner Zartheit, Freundlichkeit, Liebe zurück? Gelingt es im Kontakt mit anderen Menschen, gemeinsam Wunden zu schließen und gerade dadurch enger zusammenzuwachsen? Vielleicht zunächst als Familien, als Gruppen. Und dann in immer größeren Kreisen: In Gemeinschaften, Kommunen, Ländern, der ganzen Welt. Denn diese Haltung des Nach-innen-Schauens ist auch ein zutiefst politischer Prozess, so individuell er zunächst erscheint. Hören wir einander bis zum Ende zu oder landen wir wieder bei Bewertungen und Urteilen? Können wir hinter Klagen und Ärger den Wunsch erkennen, mit der eigenen Geschichte gesehen zu werden?

Frieden schaffen heißt auch, sich als Lernende in verbindender Gesprächsführung zu begreifen, eine Bereitschaft zu entwickeln, das Geben und Nehmen in eine Balance zu bringen und zu spüren: Das Bedürfnis nach Wertschätzung, Selbstachtung, Heilung, Wachstum, Zugehörigkeit lebt in mir, in dir, in jedem. Wenn wir dieses Wissen immer wieder in unser Bewusstsein holen und entsprechend handeln, können die Netze der Menschlichkeit geflickt und neu gewebt werden.

Tagesworkshops
„Mit Kindern reden“ am 4.11.2018, „Empathietankstellen“ am 14.10., 25.11., 9.12.2018 und am 13.1., 3.3., 7.4. und 26.5.2019 in Berlin-Pankow.

Am 27. Oktober 2018 findet von 9.30 bis 18.30 Uhr der Tag der Gewaltfreien Kommunikation in Berlin statt. Mehr Informationen unter: www.gfk-tag-berlin.de

Author: Oliver Bartsch

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