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Mit neun Jahren entdeckte ich im Schaufenster einer Kunsthandlung meiner Heimatstadt Eisenach ein Gedicht von Hilaria von Eckel, einer Thüringer Dichterin, das mich seither begleitet:

Man sucht’s in fernen Landen,
in Angst und Not.
Die Ähre hat’s verstanden,
sie reift für’s Brot“

Ein anderer Satz, der meine
Kindheit beeinflusste, war:

„Nicht die Erfüllung,
die Sehnsucht ist das Ziel.“

Wenn wir die Wurzel des Wortes Glück, dessen Herkunft dunkel ist, suchen, stoßen wir auf mittelhochdeutsch: „gelück“ (gelingen), englisch „luck“, was Geschick, Schicksal (- smacht), Zufall, günstiger Ausgang, (guter) Lebensunterhalt bedeutet und die Stelle der älteren Begriffe „heil“ (ganz) und „selig“ einnahm. Es gibt viele Zusammensetzungen mit Glück (Glückskind, Glückstag, Glücksbringer, Glück auf, in der Glückshaube geboren u.a.m.).

Geschichte, Überlieferungen und Sagen, die Heiligen Schriften, Märchen und Dichtungen erzählen von den vielen Glückssuchern, die in ferne Lande zogen, Ängste und Nöte aushielten und, endlich angekommen, feststellen mussten, dass die Sehnsucht das Ziel ist. Während der Völkerwanderungen machten sich ganze Volksstämme auf den Weg. Für diese Menschen, oft der Macht des Schicksals hilflos ausgeliefert (Seuchen, Krankheiten, Unglücks- und Todesfälle, die ihr Leben bedrohten), mag das Ankommen an einem schönen ruhigen Ort Glück bedeutet haben. Zur Ruhe gekommen zu sein, Frieden zu finden, waren äußere Zeichen des Glücks.

Der Buddhismus lehrt, dass sich alle Lebewesen nach (dem flüchtigen) Glück sehnen, doch als Konstante Unzufriedenheit und „Leid“ erfahren, aber auch, dass alle Menschen durch Schulung des Geistes und Religiosität irdisches Glück erlangen und so einen Weg aus dem Leid(en) finden können.
„Leiden“ hat zwei Wurzeln: „leid“ als Adjektiv war: ungut, hässlich, unangenehm; als Substantiv: Kummer und Schmerz. „Leiden“ bedeutete gehen, fahren, reisen.

Der christliche Glaube sah das Leben als Reise durch das Jammertal, so wurde es zu „leiden‚ erleiden“. Glückseligkeit wurde erst im Himmel erwartet. Auch der Islam verlegt das Glück ins Jenseits, während das Alte Testament berichtet, dass es denen, die an Gott glaubten und seine Geboten hielten, hier wohl erging.

Die meisten von uns westlich geprägten Menschen glauben, dass irgendwo „someone special“, der oder die „Eine und Einzige“ auf uns wartet. Es gilt, diesen Menschen zu finden, um glücklich zu sein. Von dieser romantischen Liebe spricht auch schon die Bibel, etwa von Rebekka am Brunnen oder von Rahel und Lea, den beiden Frauen Jakobs. Eine ganze Industrie lebt heute von der Sehnsucht der Menschen nach Liebe und Glück.

Viele von uns haben das 1977 erschienene Buch von Jean Liedloff „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ gelesen. Die Autorin beschreibt darin die Lebensweise der Yequana-Indianer im Dschungel Venezuelas, glücklichen Menschen, die Unglücklichsein nicht kannten. Sie lebte 2 Jahre bei ihnen und entdeckte als Wurzel der Glücksfähigkeit dieser Menschen die Art, wie sie mit ihren Kindern umgingen. Die Babies hatten solange ununterbrochenen Körperkontakt mit ihrer Mutter, bis sie sich selbst langsam von ihr lösten und selbständig wurden.
Diese Menschen lebten unberührt von der Zivilisation in einer paradiesischen Gemeinschaft und einer natürlichen Umwelt. Es ist anzunehmen, dass auch Buddha als Kind unbeschädigt aufwuchs und nicht, wie die meisten von uns, die  Getrenntheit erfahren musste. War der verfeinerte Lebensstil Anlass für ihn, nach dem Weg der Erleuchtung und des Glücks zu suchen? Warum haben die Yequana-Indianer keine Religion?

Kann man Glück lernen, lernen glücklich zu sein? Ein Seminar besuchen, in dem man sich die Fähigkeit zum Glück aneignen kann? Ein Freund, der viel Freude und Glück (beides gehört zusammen) ausstrahlt, schreibt: „Das ‚Leben‘ ist meine spirituelle Schule.“

Wolfgang Ambros singt in dem Lied „For ever young“: „Du sollst nia aufhör’n zum learna, orbet (arbeite) mit der Phantasie, wenn d‘ dei Glück gerecht behandelst, dann verloasst’s di nia!“
Immer lernend zu sein, schärft die Sinne dafür, das Glück zu erkennen…

Bedeutet Glück „Abwesenheit“ von Leid und Schmerz? Nein, solange wir leben, erfahren wir auch Leid. Wenn wir versuchen, einen Augenblick des Glücks festzuhalten, verflüchtigt er sich. Wir gelangen nie an das Ende des Regenbogens. Es ist wichtig, in jedem Augenblick der Intuition zu vertrauen und wach, gewahr, bewusst und in der eigenen Mitte zu sein, das lässt uns Synchronizität erleben.
Eine lebensbejahende Einstellung, die mich „ja“ zu den Widrigkeiten des Alltags sagen und nicht hadern lässt, wenn etwas schief läuft, hilft, das Glücklichsein zu lernen und geht über bloßes positives Denken hinaus:
„Ich freue mich wenn es regnet. Wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

Es bedurfte vieler Erfahrungen, bis ich verstand, dass das innere, nicht von äußeren Umständen abhängige Glück mir erlaubt, mich heil und im Fluss des Lebens zu fühlen, schöpferisch zu sein. Mihaly Csikszentmihalyi hat dafür das Wort „flow“ geprägt. Er meint damit den Zustand, in dem ein Mensch sich als eins mit allem wahrnimmt und den selbst Arbeiter am Fließband erleben können. Er gebraucht den von Maslow beschriebenen Begriff der Gipfelerfahrung, der uns dazu anspornt, im Leben immer weiterzugehen. Wenn Menschen kreativ sind, Schöpfer sind, erfahren sie Sinnhaftigkeit und Glück.

Das Leben hat mich oft unsanft angefasst. Wie viele Menschen lebe ich nicht mehr an dem Ort, an dem ich geboren bin. Doch rückblickend sehe ich, wieviel Glück mir widerfahren ist. Gerade durch Ge- schehnisse, gegen die ich rebellierte und die eher wie Unglücksfälle aussahen, wurden die Weichen meines Lebens neu gestellt. Wäre etwa meine Ehe nicht gescheitert, wäre ich nicht die Frau, die ich heute bin. Dann hätte ich nicht meine große Liebe gefunden. Sicher ging es nicht ohne Schmerzen und Verluste. Entweder fiel mir ein Buch in die Hände, das mir einen Weg dorthin zeigte, wo ich mich entfalten konnte und neue Impulse erhielt, oder ein Mensch trat in mein Leben, der mich anregte. So war es auch mit der Primärtherapie, mit der mein persönlicher Prozess begann. Durchlässiger geworden, fühlte ich nicht nur Freude tiefer, sondern auch seelischen Schmerz.
Oft wachte ich morgens damit auf. Deshalb besuchte ich Workshops und Seminare, um den Schmerz los zu werden. Erst nachdem ich gelernt hatte, „Ja“ zu meiner „heiligen Wunde“ zu sagen, liebevoller mit mir umzugehen, den Schmerz als etwas zu begreifen, das mich davor bewahrte, träge zu werden, öffnete sich mein Herz und der Schmerz konnte sich in Liebe auflösen. Nun besuche ich keine Seminare mehr wegen des Schmerzes, sondern, um meine Batterie mit neuer Energie aufzuladen. Wenn mich jemand fragt: „Bist du glücklich?“, kann ich antworten: „Ja. Auch wenn ich manchmal traurig bin.“

Während ich diesen Artikel schrieb, wurde ich immer wieder auf die Probe gestellt, ob das, was ich sage, auch stimmt. Es gab Phasen, während derer ich mich verzweifelt und von mir getrennt fühlte. Ich lernte viel über mich und dass ich selbst dafür verantwortlich bin, ob ich mich glücklich oder unglücklich fühle. Mit mir eins bin ich glücklich. Aber immer wieder spüre ich dieses kleine Ziehen, diese süße Traurigkeit, die Verletzlichkeit, die mich daran erinnert, dass ich diese Welt eines Tages verlassen werde, um an einen Ort zu gehen, an den ich mich nur noch undeutlich erinnere.

Momente tiefsten Glücks und Friedens erfuhr ich während einer elfstündigen Meditation in einem Training von Orgoville, bei der wir Augenbinden und Ohrenstöpsel trugen. Ich erlebte Momente vollkommenen Glücks und konnte wie Faust zum „Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön“. Ein anderes Erlebnis tiefsten Friedens und Glücks hatte ich bei der „Universal Experience“, einer Auseinandersetzung mit meinem eigenen Tod bei Alan Lowen, als mein Lebensfunke mit dem Kosmos verschmolz.

Eine nie versiegende Quelle des Glücks ist für mich auch, mit meinem Liebsten vereinigt zu sein. Dann lassen wir uns in die Zeitlosigkeit fallen…

Über den Autor

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Jg. 36, Autorin, verh., zwei Söhne, zwei Enkel, dem Sein mit Beiträgen seit 1999 verbunden, seit den siebziger Jahren auf dem spirituellen Weg. (Seminare u. a. bei Frank Natale, Life skills Training bei Markus Klepper, Frank Fiess, Tantraseminare, Energie-, Eros- und Essencia®-Training bei Michael Plesse/Gabrielle St. Clair.) Kenntnisse in Graphologie, Astrologie, Farbpsychologie.

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