Anzeige

Der Weg der christlichen Mystik

Christliche Mystik und die Erfahrungen auf diesem Pfad unterscheiden sich von anderen spirituellen Traditionen nur äußerlich – im Kern geht es um dasselbe und oft werden nur unterschiedliche Begriffe benutzt. Das weiß wohl kaum einer besser als der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger.

 

 

Während meines 6-jährigen Aufenthalts in einem japanischen Zenkloster, wo ich unter der Anleitung meines buddhistischen Meisters Yamada Ko-un Roshi Zen praktizierte, erkannte ich, dass die christliche Mystik einen absolut gleichwertigen, parallelen Weg neben den spirituellen Wegen des Ostens bietet. Denn nicht nur die östlichen Weisheitswege, sondern ebenso die christliche Mystik kennt von alters her verschiedene Formen der Einübung in die innere Sammlung. Die Versenkung mit Hilfe des Atems während langen und ruhigen Sitzens war den Mönchen des Mittelalters ebenso bekannt wie die Übung mit einem Wort oder einem Laut. Im völligen Stillwerden erfuhren sie das „Sein Gottes“, das, was wir heute „reine Bewusstheit“ nennen. Durch Stillwerden wird das Bewusstsein in die mystische Erfahrung des göttlichen Urgrundes geführt.

In den Texten der großen Mystiker/innen des christlichen Abendlandes, Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz und Teresa von Avila, zeigt sich die gleiche tiefe Erfahrung wie in den Worten der Weisen des Ostens. Sie geben Wegbeschreibungen in die Stille. Johannes vom Kreuz fordert das Loslassen aller Vorstellungen, Bilder und Konzepte von Gott. Es geht in der Übung um die reine Aufmerksamkeit in die Unendlichkeit hinein. Die Seele soll sich ganz leer halten. Das „Nada“, das „Nichts“ des Johannes vom Kreuz ist vergleichbar mit dem, was im Zen als Leerheit erfahren wird. Auch Meister Eckhart gleicht mit seinen Anweisungen für die inneren Übungen einem Zenmeister. Alle diese Übungen haben für ihn die Funktion, das Loslassen zu lernen. Er fordert, dass der Mensch in allen Dingen Bindungslosigkeit gewinne und gegenüber den Dingen völlig frei bleibe.

 

Transzendenz berühren

Kontemplation ist ein aus der christlichen Überlieferung stammender Versenkungsweg, der in die schweigende Erfahrung Gottes führt, „in das Wesen jenseits aller Formen“ (Meister Eckhart). Die Ablösung von allen Bildern und Gedanken, die Sammlung der Kräfte im Innern und die Öffnung für das innerste Sein werden in der Stille geübt. Durch Stillwerden wird das Bewusstsein in die mystische Erfahrung des göttlichen Urgrundes geführt. In dieser Erfahrung sind der eigentliche Kern und das Herzstück aller Religionen zu finden. Bei der Kontemplation handelt es sich um eine wort- und bildlose Gebetsform, die bis ins 18. Jahrhundert im christlichen Abendland bekannt war. Das Ziel dieser Gebetsform war und ist ein Zustand, in dem die letzte Wirklichkeit erlebt und erfahren werden kann. Kontemplation stellt damit einen parallelen Weg zu den östlichen Wegen des Zen, des Vipassana und des Yoga dar, basiert auf den gleichen Voraussetzungen und führt zum gleichen Ziel. Leider geriet dieser mystische Weg des Christentums im Zuge der Rationalisierung der Theologie weitgehend in Vergessenheit, erfährt jedoch seit einigen Jahren eine Wiederentdeckung.

 

Ruhe und Sammlung

Um den Urgrund allen Seins zu erfahren, bedarf es der Ruhe und der Sammlung der Kräfte in unserem Inneren. Deshalb führen alle spirituellen Wege – die christliche Kontemplation ebenso wie die östlichen Wege des Zen, Yoga, Vipassana und die Sufi-Formen – in die Stille und die innere Versenkung. Alle diese Wege basieren letztlich auf gleichen Grundstrukturen und führen zum gleichen Ziel. Es geht darum, die Ich-Aktivität zurückzunehmen und alle Egokräfte ruhig zu stellen. Das Ich soll schweigen, damit das auftauchen kann, was die Mystik unser wahres Wesen nennt.

Die christliche Mystik kennt ebenso wie alle spirituellen Wege verschiedene Möglichkeiten, um in die Erfahrung der Einheit zu führen. Grundvoraussetzung hierfür ist die Bereitschaft und der Wunsch des Menschen, mit dem Absoluten, mit dem Urgrund allen Seins, in Kontakt zu kommen. Anfangs geschieht das oft durch mündliches Gebet und Gottesdienst, dann vielleicht auch durch Betrachtung von Bibeltexten und religiösen Bildern und durch gegenständliche Meditation. Um zu einer tieferen Erfahrung zu gelangen, bieten sich die folgenden beiden Übungswege an: Bewusstseinsvereinheitlichung und Bewusstseinsentleerung.

Auf dem Weg der Bewusstseinsvereinheitlichung wird mit einem Fokus gearbeitet: Atem, Laut, Gehen. Der Übende wird eins mit dem Fokus. Wenn ihm das wirklich gelingt, öffnet sich das Bewusstsein in eine neue Dimension. Im Zen ist es der Atem oder das Koan Mu, mit dem man beginnt. Im Yoga ist es das OM oder auch der Atem. Bei den Sufis ist es das Allah Hu oder auch die Drehbewegung. Die Christen benützen das Wort Jesus oder Gott. Die Übung setzt sich fort im Gehen, dann ist es der Schritt. Die Anleitung zu dieser Form des Übens findet sich in der christlichen Mystik sehr deutlich in der „Wolke des Nichtwissens“, der Niederschrift eines englischen Mystikers für einen jungen Mann.

 

Bewusstseinsentleerung

Die zweite Grundform besteht in der Bewusstseinsentleerung, einem Nichtreagieren des Bewusstseins. Das Bewusstsein ist hellwach, bindet sich aber an nichts. Der Übende lässt alles, was aufkommt, vorbeiziehen. Er gleicht einem Spiegel, der alles reflektiert, sich aber mit nichts identifiziert. Diese beiden Übungsformen führen in eine De-automatisierung des Bewusstseins. Sie arbeiten dessen Grundtendenz entgegen, sich immer mit neuen Inhalten zu befassen. Die spirituelle Übung der Bewusstseinsentleerung wird vom unbekannten Verfasser der „Wolke des Nichtwissens“ als das „Schauen ins nackte Sein“ bezeichnet. Johannes vom Kreuz charakterisiert sie als „Reine Aufmerksamkeit“ oder „Liebendes Aufmerken“. Im Zen wird das Gleiche Shikantaza = “Nur sitzen“ genannt, im Tao-te ching heißt es Wu Wei = „Nicht tun, absichtsloses Handeln“. Die Tibeter nennen es Mahamudra = „das Große Symbol“.

Diese Übungen führen den Menschen in einen transpersonalen Bewusstseinsraum. Wer vordringt in diese tieferen Schichten, erfährt Einheit und eine tiefe Liebe zu allem und allen. Denn Liebe ist der Bauplan, auf dessen Grundlage sich dieses Universum entfaltet. Liebe ermöglicht dem Menschen Selbsttranszendenz, bricht die Ego-Grenzen auf und überwindet die Trennung. Sie ist der Ursprung aller Formen, die Erfahrung, aus der alles Leben kommt und in der sich alles Leben verbindet. Auf dem spirituellen Weg erfahren wir, dass wir alle Teil des evolutionären Prozesses sind, in dem sich die Schöpferkraft des göttlichen Urgrundes entfaltet. Wir werden aus unserem Egozentrismus und Individualismus herausgeführt und erfahren, dass die Trennung von „Ich“ und „Du“ nur eine Illusion ist. Aus dieser Erkenntnis erwachsen unser ethisches Handeln und die Verantwortung für die Welt und unsere Mitmenschen. Denn in Wirklichkeit sind wir eins mit allem und können sogar mit Meister Eckhart sprechen: „Gott und ich, wir sind eins.“


Abb.: © Harald Schmid – Fotolia.com

 

 

 

 

 

 

 

Veranstaltungshinweis:
Willigis Jäger liest am Freitag, den 27. November, um 19.30 in der Urania aus seinem neuen Buch „Über die Liebe“ (Kösel 2009).

Kartenreservierung:
www.urania-berlin.de/programm 
Tel.: 030-218 90 91

Über den Autor

Avatar of Willigis Jäger

vertritt eine moderne und transkonfessionelle Spiritualität. Als Benediktiner und Zen-Meister ist er sowohl von der christlichen Mystik als auch dem östlichen Zen inspiriert und geht zugleich weit über die traditionellen Vorstellungen der Religionen hinaus. Seine Vision einer integralen Spiritualität vereint den großen Erfahrungsschatz der östlichen und westlichen Weisheit in sich und bezieht zugleich neueste Erkenntnisse der Wissenschaften mit ein. Er ist Gründer des Benediktushofes in Holzkirchen, einem Zentrum für spirituelle Wege, wo er lebt und arbeitet, und Mitbegründer des Meditationshauses Sonnenhof im Schwarzwald.

Mehr Infos

Büro Willigis Jäger

Tel.: 09369-983 822

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*