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Eine Lehrerin begibt sich auf der Suche nach der Schule der Zukunft selbst wieder auf die Schulbank. Wie kann Schule von einer durch Anpassungsdruck getriebenen Erbsensortieranlage zu einer Schule des selbstbestimmten Lebens werden?

 

Schule der Zukunft – reif für einen Neuanfang

In letzter Zeit wird wieder vermehrt der Finger auf unser heutiges System Schule gehoben, das geprägt ist von Frontalunterricht und starren Lehrplänen, die im Takt des vom jeweiligen Bildungs- und Kultusministerium vorgegebenen Zensuren-Zeugnis-Cantus Schüler und Schülerinnen frühzeitig wie in einer „Erbsensortieranlage“ aussortiert. (Hüther/Hauser) Abgesehen davon, inwieweit unsere heutige Gesellschaft duldet, dass diese Erbsen später Dellen oder Ausbuchtungen haben, die mal länglich, mal flach, mitunter in verschiedenen Farbschattierungen sind, ist die Erkenntnis, dass Bürokratie plus Föderalismus gleich Reformresistenz ergibt, nicht unbedingt neu.

Ebenso wenig neu ist, dass autoritätsgläubiges Denken in der Lehranstalt ausgedient hat. Lehrer haben als Pädagogen, Praktiker und Philosophen gleichermaßen in der Rolle des Dirigenten dafür zu sorgen, dass das Orchester „Schülergehirn“ in einem melodischen Zusammenspiel aller Instrumente den universell göttlichen Sound hervorbringt und die Partitur von „Leben als Lernen“ trällert (Gramer-Rottler/Ludwig Koneberg). Dito Goethes Faust: „Der Mensch strebt, solange er lebt“.

Die Neurowissenschaft weiß schließlich bereits seit einiger Zeit, wie der Mensch am besten lernt – nämlich, wenn er selbst bestimmen dürfe, wann, wo, wie und was er sich an neuem Wissen aneigne. Körper und Kopf lernen schnell. Sehr schnell. Die Frage liegt in der dafür benötigten inneren Motivation, durch welche die emotionalen Gehirnzentren aktiviert werden, so dass Wissen im Langzeitgedächtnis verankert und auf Dauer behalten wird. Motor für diese eigene Motivation ist Selbstbestimmung, was wiederum E.L. Deci und R.M. Ryan schon vor knapp 30 Jahren herausfanden. Angesichts der zum Teil deprimierenden gesellschaftlichen Verhältnisse und einem nach dem Eselsmodell folgenden Wirtschafts- und Bildungssystem stellt sich nur die Frage: Was haben wir so lange gemacht?

 

Lernen für das Leben

Mitte August fand eine knapp dreiwöchige Fortbildungsveranstaltung im Neuro-Linguistischen Programmieren von Chris Mulzer im Technikmuseum Berlin statt. Als Lehrerin tut es mir gut, zur Abwechslung selbst wieder die Schulbank zu drücken, und zwar in einer Grundschule des Lebens, um zu lernen, was Schule einst versäumte. Späte Nachhilfe fürs Leben, um nach Adam Riese sich das nötige Rüstzeug anzueignen – mit Aussicht auf ein erfolgreiche(re)s Leben in einer erfolglosen Gesellschaft, die zunehmend an Überlastungserscheinungen wie Depression (Heute schon gelacht?) oder Burnout kränkelt.

Die Arbeit an den eigenen Glaubenssätzen und der Persönlichkeit, die Sensibilisierung und Schärfung der eigenen Wahrnehmung gegenüber „der Welt da draußen“ standen auf dem Stundenplan. Die Hauptfächer nannten sich „Glück“, „Selbstdisziplin“, „Verantwortung“, „Motivation“ – allesamt Schlüsselqualifikationen für das „wahre Leben“. Dabei war Spaß am Lernen (Edutainment in Classroom), Freude am Neuen, am Ausprobieren und Experimentieren oberstes Gebot, was wiederum ausreichend Spielraum für eigene Interpretationen, Intuition und Schaffenstrieb schaffte.

Chris Mulzers wunderbarer Aufruf zur Autopoiesis (Selbsterschaffung) – zumindest im Rahmen eines Was wäre, wenn…? – Szenarios – verleitete uns auf visionäre Weise dazu, ausgefeilte Konzepte und Formate zu erarbeiten, wie eine mögliche Lösung der von uns selbst geschaffenen (gesellschaftlichen) Probleme aussehen könne: in Verbundenheit mit-, zu- und untereinander, verankert in einer Welt, die sich auf gegenseitige Wertschätzung und Unterstützung beruft. Welche Werte und Ansichten sollten in einer Grundschule des Lebens vermittelt werden, um unsere Gesellschaft zu einer Besseren zu machen, als sie heute ist?

Schulalltag

Montagmorgen, an einem Brandenburger Gymnasium, Klassenarbeit in der neunten, wenig später in der sechsten Jahrgangsstufe: „Erörtere, wie notwendig und zielführend es ist, heutzutage unabhängig zu sein“. Die jüngeren Sextaner bekamen frei zu verwendende Stichwörter wie Freiheit, Vorurteile, Geldvermögen an die Hand, was – wie sich herausstellte – eher die Älteren vonnöten hatten, denn 99% der selbigen setzten Unabhängigkeit gleich mit materiellem Reichtum. Ein 10-Jähriger schrieb hingegen: …„Wenn ich groß bin, will ich mal ein Nerd sein und so leben, wie ich will. Im Gesetz steht, dass jeder das Recht auf eine eigene Meinung hat. Aber meine Eltern sagen, dass ich nicht immer so ungehorsam sein soll und endlich aufhören, sie zu nerven. Sie sagen immer, was ich zu tun habe und auch, was nicht, besonders, wenn Verwandte da sind. Und ich soll ihnen nicht immer so viele Fragen stellen. Nie darf ich machen, was ich will“. Der ganz normale Familienwahn? Nur eine Frage der Zeit, bis auch er „eines Besseren“ belehrt wird? Das mag ich nicht zu beurteilen und halte mich atypisch deutsch zurück. Wenn auch nachdenklich. Etwas bedrückt.

In der anschließenden Besprechung stellten die Schüler beider Jahrgänge eine beeindruckende Liste zusammen, was Unabhängigkeit für sie bedeute, angefangen mit der „Möglichkeit, sich von anderen zu unterscheiden und sich anders zu verhalten, als es erwartet wird“ über die „Wichtigkeit, um etwas zu ändern, zu bewegen oder „besser“ zu machen“ und als den „Beginn von Allem“. Beeindruckend war auch, dass ich kurz darauf von Elternanrufen überschwemmt wurde, mit Beschwerden, ich würde die Kinder zu eigensinnigem und aufmüpfigem Verhalten anleiten, dem ich meine Erziehung zum selbständigen Denken und Ermunterung einer persönlichen Standfestigkeit entgegensetzte. Hand aufs Herz, es war nicht die erste Schule, von der ich gegangen wurde – als Lehrkraft.

 

Schuld sind nicht (nur) die Lehrer

Im Zusammenhang des an den Pranger gestellten Systems Schule kann ich daher auch nicht nachvollziehen, weshalb der Finger immer wieder gegen die Lehrerschaft per se erhoben wird. Als Dazugehörige einer solchen erfahre ich täglich am eigenen Leib, wie sehr mich das enge Korsett des konservativen Schulsystems in einer freien und flexiblen Unterrichtsgestaltung einengt. Pädagogen, die sich einladend, ermutigend und inspirierend ihren Schülern ohne Vorurteile, Druck oder Erwartungen zuwenden, kriegen von einer über Jahrzehnte gewachsenen Institution, die auf Opportunismus und Anpassung ausgerichtet ist, knallhart den Riegel vor die Nase geschoben. Verständlich, dass bereits ein Großteil aus dem Kollegium resigniert abwinkt und Dienst nach Vorschrift macht. Berufsehre hin oder her.

Leidenschaft, Empathie, die Fähigkeit, im Gegenüber Begeisterung auszulösen? Leider Fremdwörter. Wie schnell der Funke von stoischer Demotivation auf die anvertrauten Schützlinge überspringen kann, lässt sich mit den Worten einer Schülerin zusammenfassen: „Ich hasse Werden.“


Schule – Umsetzungsdefizit des Längst Bekannten

Spätestens seitdem die Quantenphysik erkannt hat, dass die wahrgenommene Welt keine Ansammlung von getrennten Dingen im leeren Raum ist, fordert ein breites Bündnis aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kirchen, Gewerkschaften und Kultur eine neue Lernkultur an Schulen, was im gleichen Atemzug gerne mit Verweis auf die Gesellschaft als solche getan wird. Gemeinsamer Nenner: Das mechanistische Weltbild hat ausgedient, die Zeit für ein Umdenken und für eine neue Denkweise sind reif geworden.

So weit, so gut. Sehr geehrte Herren und Vertreter oben genannter Öffentlichkeit, Ihre Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Solange Lehrkräfte, die sich an Schulen für Selbstwirksamkeit und Souveränität einsetzen, im Vorfeld ausgebremst werden, ist ein Aufweichen der strukturellen Erstarrungen sowohl im System Schule als auch in der Gesellschaft utopisch. Denn sobald sich die Frage nach einer möglichen Umsetzung Ihrer Erkenntnis stellt, macht sich Schweigen breit. Wer außerhalb eines Systems steht, dem ist es ein Leichtes darüber zu urteilen und kluge Ratschläge zu geben. So simpel, wie es zunächst erscheinen mag, ist es dann offensichtlich auch wieder nicht. Oder doch? Haben wir tatsächlich Umsetzungsdefizit?

Ein Blick in die Geschichte lässt kaum einen anderen Schuss zu. Man denke nur an die menschenwürdige Pädagogik der Maria Montessori zurück, die schon vor hundert Jahren appellierte, Schülern mit Respekt und Achtung zu begegnen und diese als „Baumeister ihrer selbst“ sah, nach dem schulischen Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“. Der Gedanke an Freude als ein Indiz für inneres Wachstum und daran, dass Heranwachsende durch Ausprobieren und Entdecken am besten lernen, ist wahrhaftig nicht neu.

 

Außerhalb des Systems

Ich habe meine Lektion gelernt. Anstatt die Flinte ins Korn zu werfen und auszuwandern, unterrichte ich einstweilen ausschließlich an Schulen mit reformpädagogischen Bildungsansatz, fern von fremdgesteuertem Anpassungs- und Optimierungsdruck à la PISA oder Konkurrenzschüren angesichts immer höherer Spitzenleistung im Schulalltag. Und, wen wundert’s, sind viele meiner Ideen bereits auf offene Türen – pardon, Ohren gestoßen und wurden eins zu eins in den Lernalltag integriert. So lernen beispielsweise Schüler jahrgangsübergreifend, anstatt in wie zuvor eingeteilten Leistungsgruppen (Klassen), das Basiswissen fächerübergreifend. Gleichzeitiges Unterrichten von unterschiedlichen Gruppen? Kinderspiel.

Denn, wenn ich eines bei Chris Mulzer gelernt habe, dann, dass sequentielles Lehren sequentielles Lernen bedingt. Aber Lernen funktioniert nun Mal nicht linear. Lernen, nicht nur im Kontext Schule kann durch veränderte Einzelteile im Bildungskonzept das Lernen zu wahren Erlebnissen mit sinnlichen Erfahrungen und aktivem Handeln werden (Learning by Doing), was die Schüler zusätzlich im selbständigen Arbeiten unterstützt. Das wiederum erleichtert auf unserer Seite das frühzeitige Erkennen und Fördern individueller Begabungen – und zwar ohne Frontalunterricht, ohne Schultafel, ohne Notenvergabe. Und die Musik hört nicht auf zu spielen; sie ist melodischer als je zuvor!

„Jedes Kind ist kreativ wie ein Künstler. Das Wesentliche, das wir uns fragen sollten, besteht darin, wie es ein Künstler bleiben kann, wenn es aufwächst“, offenbarte vordem ein sehr bekanntes Musikgenie. Das kleine Einmaleins vom lustvollen und lustigen Lehren und Lernen: jeder Schüler kann frei wählen, was er lernt und bestimmt sein Tempo selbst – als die elementare Voraussetzung dafür, dass Innovation und Kreativität entstehen und wachsen können – Werte und Eigenschaften, die unsere beschleunigte, von Selbstvernichtungstendenzen gebeutelte Gesellschaft so dringend nötig hat.

 

Der Lehrer als Mentor und Ratgeber

Wie simpel, spaßig und spielerisch Strategien für die Umsetzung von machbaren Möglichkeiten erarbeitet werden können, zeigt das Paradebeispiel aus der Mulzer-Grundschule des Lebens, in der sich der Lehrer als Mentor und Ratgeber sieht, der seinen Eleven Angebote macht, ihre jeweilige persönliche Berufung zu entdecken und innere Potentiale zu entfalten. Synergetisches Lernen transformiert zu einer besonderen Art von Flow-Gefühl.

Das tut weder seiner authentischen Vorbildfunktion Abbruch, noch schließt es gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen aus. Im Gegenteil, denn dadurch wird der Boden für eine moderne Mentalität des Machens erst fruchtbar. Zu schön plus wahr. Und der bunte Strauß an (über-) lebensnützlichen Lerneinheiten geht weiter: „Selbstdisziplin für ein glückliches Leben“ oder „Entscheidungs- und Motivationsstrategien“ beinhalten nicht nur wertvolle Tipps und Techniken, das aus dem Gleis gelaufene Leben etwas glücklicher und selbstbestimmter zu gestalten. Es geht vielmehr darum, jenes „Wissen“ aufzuholen, das Heranwachsenden heutzutage im Bildungssystem verwehrt bleibt.

Literauturtipps:
Gerald Hüther, Uli Hauser „Jedes Kind ist hoch begabt“, Knaus-Verlag, 2012)
Gramer-Rottler, Ludwig Koneberg, „Die sieben Sicherheiten, die Kinder brauchen: Neues aus der Evolutionspädagogik“, Kösel, 2006)

 

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Eine Antwort

  1. Birkenzweig

    Wir wollen alle zu viel.

    Von jeder Seite her das Optimalste für das (=das, weil Einzel-) Kind. Das Einfach-Sein geht verloren und darf nicht mehr sein. Gedrängelt von den Eltern, von den Lehrern, von denen da drüber… Optimierungswahn, immernoch. Wo fängt es an, wo hört es auf.

    Wann ist Schule; die Institution Schule, die Schulzeit, die Schulleistungen, die Erfahrungen gemacht in der Schule, so „wichtig“ geworden, dass man dem so eine Bedeutung zumisst? Mein täglich Lehrstoff gib mit heut.
    Schade.

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