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Nackte Baumscheiben und verwilderte Baubrachen sind die „Opfer“ dieser neuzeitlichen Guerilla-Krieger. Ihre Waffen? Blumenzwiebeln, Samenbomben, Gießkanne und ein Spaten.


Ja, der Berliner an sich ließ noch nie etwas auf seinen heißgeliebten Schrebergarten kommen, der in so manchen Hungerzeiten überlebenswichtig war. Seit einigen Jahren schwappt ein politisch-ökologischer Gärtner-Trend aus Großbritannien zu uns herüber und führt dazu, dass Dr. Daniel Gottlob Moritz Schrebers geistige Ur-Ur-Enkel wieder beherzt zu Saatgut und Harke greifen – allerdings abseits der beengenden Reglementarien von spießig anmutenden Kleingartenkolonien.

Das allwissende Wikipedia definiert „Guerilla Gardening“, indem es die Bewegung oberflächlich in zwei Gruppen unterteilt. Zum einen gibt es Guerilla-Gärtner als politisch motivierte Protestform. Hier wird „ziviler Ungehorsam“ gegenüber dem Staat und seinen Organen im heimlichen Pflanzen, Begrünen und Ausbringen von Saaten – an ungewöhnlichen oder tristen Stellen mitten in der Stadt – zum Ausdruck gebracht. So kann es passieren, dass eine graue Straße über Nacht plötzlich blüht. Oder dass sich Knöterich an schmutziggrauen Mauern entlangrankt.

Die zweite Gruppierung ist eine ideologisch eher von der Öko-Bewegung inspirierte Form des Wildgärtnerns. Sie kämpft für eine lebenswertere Umwelt in der Großstadt und für die daraus entstehenden sozialen Netzwerke. Das Konzept von urbaner Selbstversorgung (im Gegensatz zur Hippie-Bewegung in den 70ern, die ihr Glück allein in den ländlichen Kommunen sahen) ist zum Teil auch durchaus ein Gegenentwurf zu einem städtischen Leben in voller Abhängigkeit von Supermärkten und ein Protest gegen große Saatkonzerne wie Monsanto. Bei dieser Form der urbanen Landwirtschaft werden ganze Baubrachen annektiert, für alle Bürger offene Gemeinschaftsgärten angelegt, Nutzpflanzen kultiviert und zum Beispiel in Hochbeeten aus alten Autoreifen in Hinterhöfen Kartoffeln gezogen. Hier weiß man dann zumindest, dass das eigene Gemüse weder durch Bestrahlung geschädigt noch gentechnisch verändert wurde.

Natürlich gibt es bei den Garden-Guerilleros auch Mischformen. Umweltaktivisten, Anarchisten, Spät-Hippies, Alternative und ganz normale Durchschnittsbürger finden sich in der Gefolgschaft dieser Bewegung mit dem grünen Daumen. Beiden ist gemein, dass sie – wie echte Guerilla-Krieger – eher selten die direkte Konfrontation nutzen. Das Medium zu Organisation und Austausch von Informationen ist zu einem Großteil- wie könnte es heutzutage auch anders sein – das Internet.

Spricht man von spontanen Begrünungsaktionen in Berlin, fällt unweigerlich früher oder später der Name dieser inzwischen sogar touristischen Attraktion: das Baumhaus an der Mauer. Der abenteuerliche Selbstbau des pensionierten anatolischen Gastarbeiters Osman Kalin, den er im Jahre 1983 begonnen hatte, ist wohl das bekannteste Stück „Guerilla Gardening“, das Berlin zu bieten hat.

Das Baumhaus mit Gemüsegarten ist ein Urberliner Unikum – samt festbetoniertem Teetischchen, angeranzten Sofas vor dem Grundstück und der Anekdote von Osman Kalins Aufeinandertreffen mit den verwirrten Grenzschützern der DDR (auf deren Territoritum das westdeutsche „Baumhäuschen“ rein rechtlich stand), die zunächst ein Attentat auf den sozialistischen Staat vermuteten, den türkischen Wildgärtner dann aber jedes Jahr mit Weihnachtsplätzchen beglückten.

 

Die augenfälligsten Aktionen im Alltag sind meist die Bepflanzungen von nackten Baumscheiben. Diese von Anwohnern oder Guerilla-Gärtnern adoptierten Fleckchen Erde blühen als kleine Oasen in Bezirken ohne Grünflächen herrlich vor sich hin. Doch wie wird man nun am besten selbst aktiv? Tipps hierzu findet man auf der Webseite www.gruenewelle.org. Hier gibt es hilfreiche Empfehlungen zu den Pflanzen und unter welchen Gesichtspunkten man sie für seine Projekte auswählen sollte. Denn die schönste Blumenpracht hilft nichts, wenn sie dank mangelndem Gießen sofort wieder eingeht.

Auch der Bau von Samenbomben (engl.: „Seedballs“), kleinen Instant-Kugeln, geformt aus Tonpulver, Samen, Kompost und Erde, wird hier erklärt. Durch diese Verarbeitung sind die Sämereien zudem vor Austrocknung, Fraßfeinden und den Elementen geschützt. Mit dieser Technik kann man im Vorbeigehen oder -fahren ganz unauffällig und schnell kleine und große Flächen bepflanzen oder einige Seedballs auf sonst unerreichbare Gebiete werfen. Wer seine Samenbomben nicht alleine basteln will: Das angeschlossene Forum bietet zudem Kontaktmöglichkeiten zu anderen Guerilla-Gärtnern.

 

„Eine andere Welt ist pflanzbar! Eine andere Welt ist möglich!“ Das Motto prangt mutig auf der Webseite (www.rosarose-garten.net) dieses Gemeinschaftsprojektes aus dem Kiez Friedrichshain. Leider wurde der seit 2004 bestehende wunderschöne und von vielen Helfer angelegte Garten „Rosa Rose“ im März dieses Jahres wegen eines Bauprojekts geräumt. Mithilfe der Polizei wurden die Gärtner vom Grundstück fern gehalten, während große Teile des Gartens (selbstgebauter Lehmofen, Hochbeete, Pflanzen) planiert wurden. Eine Userin schreibt nach der sinnlos erscheinenden Zerstörung des Gartens im Forum der Grünen Welle betroffen: „Der Garten war auch ein Gegenmodell – Ernährung auf eigene Beine stellen – unabhängig bleiben von Supermarktketten, Bantam-Mais statt Gentechnik anbauen.“ Auf der Homepage ist zudem viel an nützlichen Informationen versammelt. Neben der Möglichkeit, für „Rosa Rose“ zu spenden – der Platz ist nur teilweise planiert und noch nicht bebaut, es besteht also noch Hoffnung – kann man sich dank großem Downloadbereich auch in spannende Literatur zur Thematik vertiefen.

 

Urbanes Gärtnern mit Nutzpflanzen ist nicht unbekannt. Wie Julia Jahnke, eine der führenden Garten-Guerillieras in Berlin und engagierte Aktivistin bei der Rosa Rose, in ihrer Masterarbeit an der Humboldt-Uni in Berlin schildert, war es schon zu DDR-Zeiten in Berlin üblich, in verlassenen Hinterhöfen oder auf verwilderten Brachflächen pflanzerisch aktiv zu werden, Nutzpflanzen auszubringen und so das Speiseangebot zu erweitern. Es ist ja inzwischen kein Geheimnis mehr, dass es für die meisten (Nutz-)Pflanzen von großen Firmen Patente gibt. Patente auf Sorten, die heute den Markt bestimmen und andere Arten fast völlig verdrängt und ausgerottet haben. Fast vergessenen Sorten- und Artenreichtum findet man zum Beispiel auf www.nutzpflanzenvielfalt.de – ein Verein, der es sich in Zeiten von Monopolisierung und Gentechnik zur Aufgabe gemacht hat, alte und fast vergessene Sorten zu finden, zu erhalten und wieder mehr zu verbreiten.

 

Die unerschrockenen Alternativ-Krieger, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, triste Metropolen zu begrünen, sind ein positives Zeichen unserer Zeit. Und: Das nächste Frühjahr kommt bestimmt. Vielleicht kann dieser Artikel ja den einen oder anderen inspirieren, mit einem neuen, offenen Blick für bepflanzbare Stellen durch die Stadt zu gehen. Möglicherweise fristet ja genau vor unserer Haustüre eine kahle, von Hundehinterlassenschaften und Bierflaschen „beglückte“ Baumscheibe ein einsames Dasein und wartet nur darauf, zum Erblühen gebracht zu werden. Also Berliner, bewaffnet euch. Nehmt eure Stadt in Besitz, macht sie wieder grün und lebendig, pflanzt Blumen und gentechnikfreies Gemüse.

 

Eine Antwort

  1. Karen

    Rosa Rose startet auf einer neuen Fläche!

    Nachdem vergangenen Sommer auch der letzte Rest des Gemeinschaftsgartens in der Kinzigstrasse Investoren zum Opfer fiel und die Pflanzen auf die Fühmannfläche umzogen, wurde nun vom Bezirksamt der Rosa Rose eine Fläche zur Verfügung gestellt.

    In der Frankfurter Allee 104-106, innenliegend zur Jessnerstrasse
    wollen wir einen neuen Gemeinschaftsgarten schaffen.

    Feste Treffen demnächst:
    immer mittwochs ab 18.00 Uhr und
    sonntags ab 12.00 Uhr (außer zu Pfingsten)

    Gemeinschaftsbeete werden angelegt.
    Bringt bitte ein paar Spaten, Schaufeln und anderes Werkzeug mit.

    Alle, die mitmachen oder sich informieren wollen,
    sind herzlich willkommen !!!

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