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Sozialer Fortschritt statt Gewinnmaximierung: Der Attac-Kongress „Jenseits des Wachstums?!“ vom 20. bis 22. Mai diskutiert neue gesellschaftliche Ziele und trifft damit den Nerv der Zeit.

 

„Die Menschheit verhält sich wie jemand, der sich vom Dach eines Hochhauses stürzt und sich mitten im Fall selbst versichert, dass es ja bis jetzt gut gegangen sei.“ Dieses Bonmot stammt von Dennis Meadows, dem Autor des berühmten Berichtes an den Club of Rome, der 1972 unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ für Aufsehen sorgte. Fast 40 Jahre später müsste angesichts eines rasant fortschreitenden Klimawandels, Umweltkatastrophen und einer sich immer weiter öffnenden Kluft zwischen Armen und Reichen auf der Welt klar sein, dass sich auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen grenzenloses Wachstum, wie es unsere Ökonomie voraussetzt, nicht realisieren lässt. Und dennoch: Das stete Wachstum des Bruttoinlandproduktes gilt nach wie vor als Voraussetzung des Funktionierens unserer Ökonomie sowie unserer sozialen Sicherungssysteme. Erst mit der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise ist die Kritik am Wachstum wieder salonfähig geworden. Ein deutlicher Ausdruck dieses neuen Bewusstseins ist hierzulande die Einrichtung einer entsprechenden Enquetekommission des Bundestages.

Mit dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac greift nun auch ein bedeutender kritischer Akteur dieses Thema auf. Vom 20. bis 22. Mai 2011 organisiert Attac zusammen mit der Heinrich-Böll-, der Rosa-Luxemburg-, der Friedrich-Ebert- und der Otto-Brenner-Stiftung sowie etwa 40 Unterstützerorganisationen in der TU Berlin einen groß angelegten Kongress unter der Überschrift „Jenseits des Wachstums?!“.

Dabei wird es zum einen um eine Analyse und Kritik des gegenwärtigen zerstörerischen Wirtschaftsmodells gehen, zum anderen aber auch um gelebte Alternativen, wie sie beispielsweise im Konzept des „Guten Lebens“ (buen vivir) Ausdruck finden, das in manchen Staaten Lateinamerikas inzwischen sogar Verfassungsrang hat.

 

Gutes Leben

Buen Vivir, in Quichua auch ‚Sumak Kawsay‘ genannt, ist eine Kategorie der indigenen Lebensphilosophie Lateinamerikas und bedeutet soviel wie ‚erfülltes‘ oder ‚gutes Leben‘. Soziale Bewegungen brachten die Idee in den Prozess der Verfassungsänderung Ecuadors und Boliviens ein, so dass das gute Leben schließlich vor drei Jahren als zentrales Staatsziel deklariert wurde.
Das Konzept zielt auf eine andere Gesellschaft ab, in der das Gemeinwesen und die Natur im Mittelpunkt stehen. Rechtssubjekte sind im Buen Vivir nicht nur einzelne Personen, sondern auch Gemeinschaften, indigene Nationen und die Natur. Die Natur wird auf diese Weise nicht mehr lediglich als Ressource gesehen, die gedankenlos ausgebeutet werden kann. Sie erhält vielmehr das Recht darauf, dass ihre Existenz, ihr Erhalt und ihre Regenerierung respektiert wird.

Zentral für das Verständnis des Buen Vivir ist auch die Auffassung von Entwicklung. Weltweit herrscht heute noch immer die euro-zentristische Idee, dass eine Gesellschaft sich von einem vormodernen, unterentwickelten Zustand zu einer hoch industrialisierten Moderne entwickeln müsse, in der wirtschaftliches Wachstum als Maß allen Fortschritts herangezogen werden könne. Den indigenen Weltanschauungen zufolge verlaufen gesellschaftliche Entwicklungsprozesse jedoch nicht linear; zentrale Aufgabe ist nicht die materielle Akkumulation, sondern der soziale Fortschritt. Das Ziel einer Gesellschaft sollte also folglich die Verbesserung der Lebensqualität aller sein. Daher wird der Zugang zu Wasser, Ernährung und Lebensraum in der ecuadorianischen Verfassung als Menschenrecht anerkannt, wodurch Wasserprivatisierung verboten und Ernährungssouveränität zum Staatsziel erklärt wird.
Weitere Ansätze zur Verwirklichung des Buen Vivir sind strukturelle Änderungen des ökonomischen Systems, wozu etwa die Einführung gerechter Löhne gehört, die Anerkennung der Subsistenz- und Fürsorgearbeit als produktive Arbeit, ­Anreize für einen fairen Handel sowie die Bevorzugung von Produkten und Dienstleistungen der solidarischen Ökonomie bei der öffentlichen Beschaffung oder ­eine umverteilende Steuerpolitik.

Das Buen Vivir ist bei weitem nicht der einzige Ansatz, der auf dem Kongress diskutiert werden wird. Mit über 100 ReferentInnen aus aller Welt, darunter den TrägerInnen des „Alternativen Nobelpreises“ Vandana Shiva und Nimmo Bassey, dem ehemaligen ecuadorianischen Umweltminister Alberto Acosta oder dem renommierten britischen Wachstumkritiker Tim Jackson bietet der Kongress einen bunten Fächer von Veranstaltungen (Podien, Foren und Workshops), die es den TeilnehmerInnen ermöglichen, für sich selbst das passende Programm zu wählen. Einen weiteren Akzent werden „künstlerische Interventionen“ setzen, die noch einmal einen ganz anderen Zugang zu der Thematik ermöglichen.


 

Das unabhängige Nachrichtenmagazin Kontext TV wird ausführlich über den Kongress berichten. Kontext TV wurde 2009 gegründet und sendet inzwischen einmal monatlich über Internet und das Berliner Kabelnetz (Alex TV/Sonderkanal 8).
Unterstützt von Noam Chomsky, einem der schärfsten Kritiker der US-amerikanischen Außen- und Wirtschaftspolitik, und vielen anderen lässt Kontext TV kritische Stimmen aus dem In-und Ausland zu Wort kommen, die in den Mainstream-Medien zu wenig gehört werden. Bisherige Sendungen beschäftigten sich unter anderem mit dem Klimawandel, der Finanzkrise, dem Weltsozialforum, der Revolution in Ägypten, der Plünderung Afrikas und den Gefahren neuer Risikotechnologien. Die Sendung verzichtet konsequent auf Werbung und ist daher auf die Unterstützung durch Spenden und Fördermitglieder angewiesen.
Mehr Informationen unter www.kontext-tv.de.


Anmeldungen und Programm unter: www.jenseits-des-wachstums.de


Abb: © Roman Milert – Fotolia.com

2 Responses

  1. WellenbeobachterHH

    …und wieder und wieder und wieder werden derartige Konstrukte ausgepackt und unterbreitet, ohne die ganze kaufmännische Seite zu berücksichtigen.

    Es spricht – positiv gesehen – dabei rein gar nichts dagegen, dass es ein „gutes Leben“ geben kann.

    Illusorisch daran ist lediglich der unterschlagene bzw. blind vorausgesetzte systemische Zusammenhang der Vermittlung von „Wert“ durch die Warenform.

    Deshalb denken die Protagonisten immer noch in Kategorien wie „gerechte Löhne“. Die setzen ja mindestens eine ebenso monetäre Wertschöpfung, also kapitalistische Produktion von Mehrwert voraus, wie „ungerechte Löhne“. Beide unterscheiden sich lediglich in der Höhe, nicht jedoch in den grundlegenden Kategorien, in denen sie entstehen sollen, nämlich durch Erwerbsarbeit.

    Der größte Teil des erarbeiteten Mehrwertes verbleibt jedoch beim Unternehmen, um abzüglich dessen Privatkonsum wieder reinvestiert zu werden. Ein Unternehmer, der sich diesem Zwang der Reinvestition nicht fügt, wird im Konkurrenzkampf auf den Märkten mangels ausreichenden Produktivitätszuwachs zurückbleiben und landet beim Konkursverwalter.

    Ergo: Wertschöpfung und davon anteilig bezahlte Arbeit („gerechtere Löhne“) setzen kapitalistische „Verwertung des Wertes“ (Robert Kurz) und damit permanentes Wachstum voraus. Genau das soll aber gerade abgeschafft werden… Der Konsens des Attac-Kongresses erliegt also einem logischen Zirkelschluss – siehe:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkelschluss

    Die Lösung kann folglich nur darin bestehen, die Warenform geschichtlich zu überwinden und anstatt von einer „Verwaltung des Geldes“ überzugehen zu einer „Verwaltung der Sachen“. Erst wenn wir anerkennen, dass das Wachstum aus der kaufmännischen Logik von Handel und Wandel selbst erwächst (und nicht etwa nur aus Anteilen darin wie z.B. dem Zins oder Bodeneigentum), werden all die inneren Widersprüche im Wirtschaftsleben verschwinden. Nur die systemimmanenten Widersprüche wohlgemerkt – nicht die Probleme an sich. Die werden sich allerdings ihrem Charakter nach deutlich wandeln…

    Deshalb könnten wir lernen anzuerkennen, dass alle Ressourcen endlich sind. Ressourcenwirtschaft anstatt Marktwirtschaft!!! …das wäre die Zukunft.

    Antworten
  2. Guido V.

    Wachstum im ein Zeichen energetischer Expansion und stellt damit die Zunahme von Unordnung, der reaktiven Art, zur Schau.
    Buen vivir ist bereits die Saat für die Zeit nach der Expansion. Es ist die Saat, die in der kommenden energetischen Optimierung aufgehen wird … ein neues Bewusstsein für ALLES … wodurch nach und nach die Unordnung weichen wird …

    Gruß
    http://www.gold-dna.de

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