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„Los geht`s!“, sagte ich zu Ron und ruckelte noch einmal ein bisschen, damit ich seinen kleinen Körper an meinem spürte. Wir hatten es uns auf einer dicken Decke vor der Heizung bequem gemacht und uns mit einer anderen Decke bis zum Halse zugedeckt. Ich wollte für meinen Enkel auf eine schamanische Reise gehen und schauen, ob ihm ein Seelenteil verloren gegangen war.

Das ist eine Sache, die häufiger vorkommt, als wir vermuten. Nicht immer sind es die großen traumatischen Erfahrungen durch Unfälle, Krieg oder Missbrauch, die unsere Seele erschüttern. Manchmal führen weitaus geringfügigere Ereignisse dazu, dass sich ein Teil unserer Seele abspaltet und das Weite sucht. Dann ist ein Teil unserer Energie, unserer Kraft, von uns gegangen. Dieses fehlende Stück aufzuspüren und zurückzubringen, gehört zur Arbeit des Schamanen.

Anlass für unsere Suchaktion war ein heftiger Sturz, den Ron auf der Schultreppe getan hatte. Ich fragte ihn, ob er sich dabei sehr erschrocken habe. „Und wie!“, erwiderte er, „Das hat so weh getan, und alles war voller Blut.“ Ich erinnerte mich an ein ähnliches Vorkommnis aus meiner Schulzeit. An einem schönen Wintertag waren wir Kinder nach der Schule einen Wiesenhang hinunter geschlittert. Dabei war ich ausgerutscht und mit dem Hinterkopf aufs Eis geknallt. Vierzig Jahre später, als ich mich mit der Thematik der Seelenarbeit beschäftigte, kam dieses Ereignis wieder hoch. Offenbar hatte meine Seele den Sturz in jenem Moment als einen lebensbedrohlichen Zustand empfunden und mit Flucht reagiert.

Damit es meinem jetzt achtjährigen Enkel nicht ebenso ergehen würde, beschloss ich, die Angelegenheit zu überprüfen. „Hör zu, Ronchen, ich erzähl dir jetzt was“, sagte ich. „Weißt du, was eine Seele ist?“

„Ja“, sagte er einfach – für meine Begriffe zu einfach. Weil mir nichts Besseres einfiel, klopfte ich auf ihm herum: „Das ist nicht die Seele, das ist dein Körper. Die Seele ist das von dir, das du eher mit deinen inneren Augen siehst, das alles weiß und sich überallhin bewegen kann, auch ins Universum.“

„Ja, ja, ich weiß“, nickte Ron zu meinen Erklärungsversuchen, und erleichtert schritt ich zum nächsten Punkt. Ich schilderte ihm kurz, wie ein Seelenteil verloren gehen kann und fragte ihn, ob wir bei ihm mal nachschauen wollten.

Ron wollte gerne. Das war etwas Neues für ihn. Ein paar Dinge aus der nicht-materiellen Welt hatte er ja bereits kennengelernt. Er wusste schon als ganz kleiner Junge, welche Steine und Kristalle zu wem wollten und welche Wünsche sie hatten. Er konnte den Menschen Farben zuordnen und sagen, welche Farbe ein Körperteil zu seiner Heilung brauchte. Seine verstopfte Nase z.B. brauchte manchmal die Farbe Rot. Bei einem Spiel, bei dem es darum geht, dass einer sich in Gedanken versteckt und der andere ihn in Gedanken sucht, schlug er mich um Längen. Als ich listig im Wohnzimmer hochgeschwebt und mich auf die Lampe gehängt hatte, fand er mich auf Anhieb.

Was Ron nicht kann, ist, sich in der Schule zu konzentrieren, still zu sitzen und Schreiben zu lernen. Mühselige und unleserliche Kritzel ziehen sich durch seine Hefte. Die ewigen Sechsen im Diktat nagen an seinem Selbstbewusstsein, und sein gutes Allgemeinwissen und seine sonstigen Fähigkeiten nützen ihm wenig, wenn er beim Schreiben nicht klar kommt. Die Einnahme von Ritalin wurde empfohlen. Deshalb erschien mir eine Reise in die Untere Welt des Schamanen angeraten. „Wozu gibt es Krafttiere?“, dachte ich. Diese Helfer aus der geistigen Welt können bei den Aufgaben des täglichen Lebens sehr hilfreich sein.

Ron suchte sich in seiner Vorstellung ein schönes Tal mit einem Maulwurfshügel, durch den er sich nach unten durchgrub. In der Unteren Welt angelangt, entdeckte er einen Affen, der bereit war, ihn als sein Krafttier zu begleiten. Das Kind war von dem Affen begeistert. Ich hatte meine Zweifel, ob dieses ständig hüpfende, kletternde und in Bewegung befindliche Tier meinem hyperaktiven Enkel zu ruhigen Stunden in der Schule verhelfen würde.

Nach einiger Zeit schlug ich ihm vor, noch einmal in die Untere Welt zu reisen. Ron verschwand wieder in seinem geistigen Maulwurfshügel. „Jetzt komme ich viel schneller runter, weil ich ja keine Erde mehr beiseite schaufeln muß“, berichtete er. Diesmal zogen viele Tiere an ihm vorbei. Ein Löwe folgte ihm, und er fragte ihn, ob er sein Krafttier sei. „Der brüllt mich bloß an!“, stellte Ron verblüfft fest. Schließlich tauchte er sehr zufrieden, einen Adler an die Brust gedrückt, wieder auf. „Das ist ein Weißkopfadler“, betonte er, „der frisst Fische.“

So weit waren wir mit unseren Aktivitäten im Laufe der Zeit gediehen. Bei der Suche nach dem Seelenteil wollte ich alleine handeln, und Ron sollte bloß ruhig neben mir liegen. „Ach, Oma, ich komme mit“, verkündete er, als wir uns aneinander gekuschelt hatten, „meine Krafttiere sind auch schon da.“

„Na gut“, stimmte ich zu, „dann erzählen wir uns eben unterwegs, wo jeder gerade ist.“ Wir reisten los. Ich schilderte ihm ein Bild, das ich gerade sah, er schilderte mir, wo er sich gerade befand, und so kamen wir vorwärts. Plötzlich beschrieb mir Ron einen See, in den sich ein Wasserfall ergoss und hinter dem sich eine Höhle verbarg. Ich war äußerst erstaunt. Diesen Ort in den anderen Ebenen der Realität kannte ich seit Jahren. Es war gewissermaßen mein persönlicher, heiliger Ort, an dem ich oft landete, wenn es um die Suche nach fremden oder verlorengegangenen Seelenteilen ging.

Nun begann eine abenteuerliche Wanderung in den Gängen der Höhle, die sich tief in den Berg hinein erstreckte. Wir brauchten die Hilfe unserer Krafttiere, um uns zurechtzufinden und um alle möglichen Hindernisse zu überwinden. Als sich einer der Höhlengänge zu einem kleinen See erweiterte, sagte Ron: „Guck mal, da hinten an dem Felsen ist eine Seele.“ Wir näherten uns der von ihm genannten Stelle, an der ich ein vages Licht schimmern sah.

„Hat sie was mit dir zu tun?“ fragte ich.

„Nö“, erwiderte Ron.

„Dann frag doch mal, zu wem sie gehört“, forderte ich ihn auf.

Kurz darauf erwiderte er: „Das ist die Seele von jemandem, der schon gestorben ist. Die will weg.“

Erneut war ich sehr erstaunt. Seit einigen Jahren mache ich eine Art der Seelenarbeit, bei der es darum geht, ein Lichttor für die Seelen der Toten zu öffnen, die nach dem Tod ihrer Körper den Weg zurück zum Licht, zu unser aller Ursprung, noch nicht gefunden haben. Diese Arbeit hatte ich bei meinem Enkel noch nie erwähnt. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, mit einem Kind über dieses Thema zu sprechen.

Doch nun war das Thema zu uns gekommen. Ich erklärte Ron und der Seele, dass wir erst noch etwas anderes erledigen wollten. Auf dem Rückweg würden wir ein Tor für sie bauen, damit sie raus aus dem Berg und nach Hause ins Licht gehen könne. Dann setzten wir unsere Reise fort. Mehrmals mussten wir auf den Grund eines weiteren kleinen Sees tauchen, der sich irgendwo im Inneren des Berges auftat. Eine schlammbedeckte Truhe gab es da, einen rostigen Schlüssel und einen Hai, der uns mit aufgerissenem Maul den Weg zu einer Tür unter Wasser versperrte.

Ich erkannte, dass der Hai ein Wächter war, erläuterte ihm unser Anliegen und bat ihn, uns durchzulassen. Ron befürchtete sehr, dass der Hai uns eher fressen würde. „Wer weiß, was hinter der Tür ist. Und damit nicht jeder hineinkommt, der darin nichts zu suchen hat, passt der Hai auf“, sagte ich. „Wer den richtigen Schlüssel für die Tür hat, den wird er schon durchlassen.“

Und so war es auch. Ron zeigte ihm den alten, verrosteten Schlüssel aus der Truhe, und der Hai schwamm beiseite. Mittlerweile machte sich eine leichte Erschöpfung bei dem Kleinen bemerkbar. Wir waren schon lange unterwegs. Er rutschte auf der Decke hin und her, wollte aber unbedingt weitermachen. Als wir endlich in den verborgenen Raum gelangten, stellte er fest:

„Da ist wieder eine Seele, aber diesmal nur ein Stück davon.“

„Weißt du, zu wem sie gehört?“

Nach einer Weile erwiderte er: „Sie sagt, sie heißt Robert.“

„Kennst du einen Robert?“ fragte ich ihn.

Er verneinte. Ich kannte auch keinen Robert.

„Frag das Seelenteil doch mal, was passiert ist und wann es von Robert weggegangen ist.“

„Der Robert war noch klein und hat sich ein Bein gebrochen. Da ist es weg.“

„Frag es, ob es mit uns kommen und zu seinem Robert zurückkehren will.“

Das Seelenteil war einverstanden und ich lud es auf mein Pferd. „Wir wollen doch noch nach meinem Seelenteil gucken!“, beharrte Ron.

Nach all unseren Erlebnissen hatte ich nicht den Eindruck, dass ihm etwas verloren gegangen war. Außerdem hatten wir bereits viel getan, und es war Zeit, unsere Reise zu beenden. So machten wir uns auf den Rückweg. Der Hai schwamm nun friedlich in einiger Entfernung von uns und wir dankten ihm, dass er das Seelenteil so gut bewacht hatte. Wir tauchten aus dem See auf und kamen wieder zu der Seele des Toten.

„Jetzt stellen wir uns vor, dass ganz viel Licht von oben aus dem Universum kommt“, sagte ich. „Daraus bauen wir eine Lichtsäule und in der Lichtsäule kann die Seele dann nach oben in den Himmel steigen.“ In dem Moment öffnete sich der Berg über uns wie ein Schornstein, an dessen fernem Ende das Tageslicht zu sehen war. Es zog uns nach oben, und dort, unter freiem Himmel, konnten wir die Lichtsäule erschaffen. Ron schilderte mir, in welchen Farben er die Säule sah, wie die Seele hineinging und schließlich verschwand.

Nun hatten wir, mittlerweile beide etwas erschöpft, noch das Seelenteil von Robert im Gepäck. Wir hatten keine Ahnung, wo wir Robert finden sollten. Ich bat Ron, das Seelenteil nach seiner Wohnung zu fragen und uns dorthin zu führen. Ron bekam heraus, dass es in Berlin lebte und auch die Straße kannte, wo es wohnte. Trotzdem fanden wir sie nicht. Ich sah die ganze Zeit einen kleinen Jungen mit gebrochenem Bein und gleichzeitig einen alten Mann, dem es nicht besonders gut ging. Diese beiden Bilder tauchten immer gemeinsam auf, und mir war nicht klar, wohin das Seelenteil gehörte.

An diesem Punkt klinkte sich Ron aus, und wir beendeten unsere schamanische Reise. Wir fanden uns wieder mit verrutschter Kleidung, zurückgeworfenen Decken, das Kind halb auf meiner Brust liegend. Wie die Eulen hockten wir in der Dunkelheit. Tiefer Respekt vor der Schöpfung und der selbstverständlichen Kraft eines Kindes erfüllte mich. So, wie die Kinder sind, tragen sie Spirit in sich und haben den Schamanen im Blut.

Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht hatten, fragte ich Ron, wie denn die Seele ausgesehen hatte, die an dem Felsen stand. Flink malte er mir ein längliches, dünnes Gebilde mit mehr oder minder runden Ausbuchtungen auf. In einer ähnlich langgezogenen Form kann ich eine fremde Seele erkennen, wenn sie sich in einem Menschen eingenistet hat. „Weißt du auch, wie deine Seele aussieht?“, fragte ich ihn. Er erzählte mir etwas von hellblauer Farbe, die seinen Körper umgab.

„Das ist nicht die Seele, das ist deine Aura, das Energiefeld um deinen Körper.“

„Ach so“, meinte er, ergriff erneut den Stift und malte wieder ein längliches Gebilde. Es unterschied sich von der anderen Zeichnung dadurch, dass es oben einen Kreis, in der Mitte ein Quadrat und unten ein Dreieck hatte.

„Wo in deinem Körper sitzt das denn?“, wollte ich wissen. Diesmal klopfte er an mir herum: „Von oben an der Brust bis runter in den Bauch“, erklärte er mir. Nun hatte ich endlich mal ein Bild von einer Seele, noch dazu mit genauer Ortsangabe!

Ron war inzwischen so müde, dass ich ihn wie ein Baby hochnahm und ins Bett brachte. Dann verband ich mich noch einmal mit dem Seelenteil von Robert. Ich bat es, den zu ihm gehörigen Menschen aufzuspüren. Ich nahm wahr, wie das Seelenteil die Stadt absuchte und schließlich bei einem alten Mann landete, der in eher ärmlichen Verhältnissen lebte und auch nicht sonderlich gesund war. Jetzt verstand ich, wieso ich immer zwei Eindrücke empfangen hatte, nämlich die des verletzten Knaben und des alten Mannes. Das Seelenteil hatte sich abgespalten, als Robert noch ein Kind war. Bis wir es, von uns unbeabsichtigt, gefunden hatten, war das Leben des Kindes verstrichen.

Ich hegte die leichte Befürchtung, dass das Seelenteil sich vielleicht weigern könnte, zu dem alten Robert zurückzukehren, doch das war nicht der Fall, überhaupt nicht. Vor meinem inneren Auge sah ich bei der Vereinigung, dem Wiedereintritt, Erleichterung auf beiden Seiten. Ich fühlte, dass der alte Mann jetzt Frieden finden und leichter sterben konnte. Die Einsamkeit seines Herzens war gemildert, und es gab Trost für ihn.

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