Jedes Jahr im Mai oder Juni ruft der Heiligenfelder Kongress in Bad Kissingen Menschen zusammen, um sich zu einem fundamentalen Thema des Lebens auszutauschen. Für den 16. bis 19. Mai 2019 hat die Akademie Heiligenfeld eine abwechslungsreiche Kombination aus Vorträgen, Workshops, Morgenmeditationen und einem abendlichen Kulturprogramm zum Kongressthema „Achtsamkeit – Evolution – Bewusstsein – Menschsein“ zusammengestellt. Wie stehen die Akademie und die angeschlossenen Heiligenfeld-Kliniken eigentlich selbst zum Thema Achtsamkeit?

von Dr. Joachim Galuska

Die Bedeutung der Achtsamkeit für unsere Menschheitsentwicklung beginnen wir gerade erst zu erkennen. Buddha stellte die Achtsamkeit in das Zentrum seiner Lehre und baute darauf seinen Weg zur inneren Befreiung auf. Über die Jahrtausende hinweg war Achtsamkeit eine Kernkompetenz der buddhistischen Meditation. Seitdem der Buddhismus in den west – lichen Kulturen wahrgenommen wird, wurde das Thema Achtsamkeit besonders aufgegriffen und aus dem buddhistischen Kontext herausgelöst. Als Folge hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten Achtsamkeit als Technik und Schulungsprogramm weiterentwickelt und wird in diversen gesellschaftlichen Feldern eingesetzt und ausprobiert: in der Psychotherapie, in der Wirtschaft, in der Schule usw. Ihre Bedeutung für ein zufriedenes und erfülltes Leben wurde auch in den Wissenschaften erforscht und nachgewiesen.

Das Potenzial der Achtsamkeit besteht aber sicherlich nicht nur darin, uns eine Methode zur Verfügung zu stellen, mit der wir entspannter, gelassener und akzeptierender arbeiten und leben können, sondern es ermöglicht uns mit zunehmender und voller Bewusstheit unsere gesamten Lebensvollzüge, unsere Kultur und Gesellschaft zu durchdringen, aufzuklären und in bewusster Verantwortlichkeit weiterzuent – wickeln. Achtsamkeit ist somit ein Ausdruck unseres Erwachens als Menschheit zu unserem Menschsein. Achtsamkeit besitzt aus dieser Perspektive heraus viele Dimensionen: Aufmerksamkeit, Bewusstheit, Zeugenbewusstsein, Akzeptanz, Vergegenwärtigung, Aufklärung, individuelle Bewusstheit, kollektives Erwachen, integrale Achtsamkeit, spirituelle Kompetenz.

Während die „klassische“ Achtsamkeit, der sogenannte „innere Beobachter“, auf den Inhalt des Erlebens ausgerichtet ist, also den Atem, die Gedanken, die Körperempfindungen usw. beobachtet, vertieft das sogenannte Gewahrsein die Bewusstheit, indem sie sich als Beobachter selbst betrachtet. Es entsteht dann eine Bewusstheit für das Beobachten, für die Bewusstheit, für das bewusste Sein. Die Aufmerksamkeit wechselt also vom Beobachten eines Objektes hin zur Bewusstheit für das Beobachten selbst. Diese Qualität des Spürens der eigenen bewussten Anwesenheit nennen wir Präsenz. Sie ist die unmittelbare Vergegenwärtigung des gegenwärtigen Anwesendseins, des Existierens.

Den Beobachter beobachten

In dieser Präsenz können eine Reihe weiterer Bewusstseinsqualitäten entfaltet werden. Neben einer hohen Ausprägung von Bewusstheit als reine und klare Bewusstseinsqualität kann das Präsentsein erfahren werden als in-sich-ruhend, als offen, weit und empfänglich für alle möglichen Inhalte und eher raumhaft, als Bewusstseinsraum. Diese Erfahrung wird allgemein als „transpersonales Bewusstsein“ bezeichnet, da sie frei ist von den üblichen „personalen“ Identifizierungen unserer Ich-Identität, die in ihrem Erscheinen und ihrer besonderen Qualität beobachtet werden können. Natürlich wird auch in den Heiligenfeld-Kliniken mit Achtsamkeit gearbeitet. Für eine therapeutische Arbeit ist es für den Therapeuten hilfreich und nützlich, sich in der Achtsamkeit und der Präsenz zu verankern und dann von dieser aus Patienten zu begegnen. Wir nennen dieses Vorgehen eine „beseelte Psychotherapie“.

Ein so verankerter Therapeut kann die Identifizierung mit seinen Theorien und Modellen immer wieder lösen, sich in seiner Präsenz verankern und dann wieder andere Theorien und Modelle zu Hilfe nehmen. Auf diese Weise kann er eine vielschichtige mehrperspektivische Diagnostik betreiben und ist seinen Vorlieben, seinen methodischen oder schulen-spezifischen Prägungen nicht so sehr ausgeliefert. So kann er dem Patienten selbst gerechter werden, in seiner Komplexität, vielleicht auch in seiner Spiritualität. Die gemeinsame Achtsamkeit, die gemeinsame Präsenz – in diesem Sinne die Seelenverbindung zwischen Therapeut und Patient – kann Heilung und Selbstheilungsprozesse in Gang setzen, die aus einer größeren Tiefe und Weite stammen als die unserer üblichen Einsichten und therapeutischen Techniken.

Achtsamkeit als Mittel der Desidentifikation

Achtsamkeit und Präsenz sind Ausdruck der zunehmenden Bewusstwerdung des Menschen. Für die Psychotherapie stellen sie eine wesentliche Dimension dar, denn sie ermöglichen eine Distanzierung von der Störung und eine Entidentifizierung von den Störungsmustern. Darüber hinaus schaffen sie einen gemeinsamen Bewusstseinsraum zwischen Therapeut und Patient, der ein enormes Potential zusätzlicher Qualitäten und Impulse für die Heilung besitzt. Schließlich eröffnen sie eine innere Verankerung in unserer Seele, in unserem Wesen und unserer Spiritualität und ermöglichen so, unserem Leben eine Orientierung und einen tieferen Sinn zu geben. Achtsamkeit und Präsenz besitzen somit nicht nur Relevanz für die Psychotherapie, sondern für die Lebensführung von uns Menschen allgemein. Sie stellen so etwas wie den inneren Kern für die Steuerung unseres Bewusstseins und für unseren inneren Bezug zur äußeren Welt und zur Transzendenz, dem Unbekannten, dar. Sie sind Ausdruck der Bewusstwerdung des menschlichen Bewusstseins, unseres Erwachens zu uns selbst, unseres zunehmenden Erkennens und Verstehens, wer und wie wir sind, und der Entfaltung unserer Kompetenz, unsere gemeinsame Zukunft in Verantwortung und Würde zu gestalten

Achtsamkeit und Präsenz in der Unternehmenskultur

In einem Feld der Achtsamkeit, das durch die Mitarbeiter einer Organisation getragen und vertieft wird, können Patienten diese Qualität auf vielfältige Weise (wieder-)entdecken. Der Therapie-Alltag in einer achtsamen Klinik, wie beispielsweise die Heiligenfeld Kliniken, besteht neben den expliziten Therapie-Angeboten aus einigen Achtsamkeits-Elementen, die unter anderem die Qualitäten von Innehalten und Stille unterstützen. Zweimal wöchentlich wird eine Mahlzeit schweigend eingenommen. Ein Gong läutet die stille Zeit ein. Patienten, die gern situativ oder grundsätzlich schweigend essen wollen, können an einem geeigneten Schweigetisch Platz nehmen. Jeden Spätnachmittag wird eine Stunde der Stille und Achtsamkeit eingeläutet, in der Meditationen angeboten werden und zu „stillen Tätigkeiten“ wie Tagebuchschreiben, Malen, Spazierengehen oder anderen Formen der Besinnung geraten wird. Das Ziel all dieser Angebote und weiterer Angebote einer Klinik ist eine möglichst umfassende Bewusstseins- und Präsenzschulung bezogen auf folgende Dimensionen: Achtsamkeit mit sich selbst (Körper, Seele, Geist); Achtsamkeit in Beziehungen (Familie, Freunde, Kollegen) und Achtsamkeit in der Arbeit (in Routinen und Herausforderungen von Beruf und Alltag).

Heiligenfelder Kongress „Achtsamkeit: Evolution – Bewusstsein – Menschsein“ vom 16. bis 19. Mai 2019 in Bad Kissingen. Themenfelder von Vorträgen und Workshops: Psychotherapie und Medizin, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, Bildung, Kultur und Musik, Religion und Philosophie, Selbstführung. Info, Kontakt und Anmeldung unter Tel.: 0971-844 600 oder info@akademie-heiligenfeld.de
www.kongress-heiligenfeld.de

Author: Oliver Bartsch

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