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Über das Leid und den Wert von Einsamkeit

Wir können Einsamkeit nicht eliminieren, sie ist ein untrennbarer Teil des ­Lebens. Doch wie wir mit ihr umgehen, macht einen Unterschied. Den Unterschied, ob wir an ihr leiden oder nicht, ob sie ein Tor ins All-Eins-Sein ist oder in eine anscheinend endlose Isolation führt. Veit Lindau lenkt den Blick darauf, dass das jeweilige Erleben von unserer Beziehung zu uns selbst abhängt. Warum also nicht eine Liebesbeziehung mit sich selbst eingehen?

 

Es gibt im Leben eines jeden Menschen ein außerordentlich interessantes Phänomen. Dieselbe äußere Situation kann unermessliches Leid verursachen oder uns zutiefst beschenken. Hier ein Beispiel: Ich habe mittlerweile über hundert Fastengruppen geleitet. Ich kann nach dem ersten Tag mit ziemlicher Sicherheit sagen, wer die Fastentage als harte, zähe Strapaze und wer sie als glückselige Zeit erfahren wird. Dieselben Bedingungen, doch ein komplett verschiedenes Ergebnis. Wie kann das sein?

Warum verwandeln manche Menschen jeden Misthaufen in Gold, während andere es offenbar nie auf einen grünen Zweig bringen? Warum gewinnen manche Menschen selbst in einer Krise, in der alle anderen verzweifeln? Warum beschreiben manche Menschen ihr körperliches Handicap als das größte Geschenk und andere als die schlimmste Strafe?

Die Antwort heißt: Weil dein Schicksal nicht durch die Ereignisse bestimmt wird, sondern durch die Bedeutung, die du ihnen gibst. Es ist dein abwehrendes Nein bzw. dein dich für die Erfahrung öffnendes Ja, das den Wert einer Erfahrung erschließt oder vor dir verbirgt.

 

Tor zum Mysterium

Genauso verhält es sich mit Einsamkeit. Einsamkeit kann ein Fluch oder ein Eingang in dein Mysterium sein. Einsamkeit kann dich über Jahre hinweg bitter leiden lassen. Sie kann wie ein unsichtbarer, andere Menschen regelrecht abstoßender Duft an dir haften. Doch nicht, weil Einsamkeit so schrecklich ist, sondern weil du sie durch deine Bewertung in ein Gefängnis deiner Beziehungsfähigkeit verwandelt hast.

Es mag hart klingen, doch wenn du aus dieser verhängnisvollen Isolation ausbrechen möchtest, ist es besser, den Tatsachen nüchtern in die Augen zu blicken: Solange du versuchst, Beziehungen zu anderen Menschen zu missbrauchen, um vor dir selbst wegzurennen, wirst du dich immer wieder einsam fühlen – und zwar egal, ob du gerade Single oder verheiratet bist.

Wahre Nähe mit einem anderen Menschen ist nur möglich, wenn du dich selbst aushalten, verstehen und lieben kannst. Menschen, die sich selbst nicht lieben, wünschen sich einen Partner, der dieses dunkle innere Loch stopfen möge. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Denn du wirst alle unangenehmen Erfahrungen, die du mit dir allein machst, nun durch ein lebendiges Spiegelbild potenziert erleben. Du wirst dich noch mehr hassen, du wirst dich noch mehr sehnen und dich noch weniger verstanden fühlen.

Menschen, die allein leben, erhoffen sich durch eine Partnerschaft das Ende ihrer Einsamkeit. Doch dem ist nicht so. Wenn du dich allein mit dir einsam fühlst, wirst du dich auch in jeder Beziehung einsam fühlen.

 

Du bist allein

Du musst begreifen, dass es dein Nein bzw. dein Ja ist, das ein und dieselbe Situation in die Erfahrung von Einsamkeit oder von Alleinsein verwandelt. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Sich-einsam-Fühlen und Alleinsein. Alleinsein ist dein natürlicher Zustand. Du bist allein auf diese Welt gekommen. Du wandelst allein auf deinen Pfaden durch dieses Leben (egal, wie fest du dir einen anderen Menschen auf deinen Bauch bindest) und du wirst allein sterben. Jede einzelne Erfahrung deines Lebens machst du allein.

Ich habe eine wunderbar innige Beziehung mit meiner Frau Andrea. Doch jeden einzelnen Augenblick in dieser Beziehung erfahre ich in mir allein.

Einsamkeit hingegen ist unnatürlich. Die Ursache für Einsamkeit liegt nicht im Mangel an zwischenmenschlichen Kontakten, sondern in einer gestörten Beziehung zu dir selbst. Wenn du dich in dir nicht wohl fühlst, missbrauchst du die physische Anwesenheit anderer Menschen, um dich nicht spüren zu müssen. Doch etwas bleibt auf diese Weise unerfüllt. Wenn du nicht in dir zu Hause bist, wirst du dich überall einsam fühlen – auch in der dichtesten Menschenmenge und in den Armen eines geliebten Menschen.

In dem Wort Allein-Sein hingegen verbirgt sich das Wort All-Eins-Sein. Du kannst dich ganz allein in der Wüste aufhalten und doch mit allem zutiefst verbunden sein. Nur wenn du gut mit dir allein sein kannst, bist du fähig, dich auf einen anderen Menschen zu beziehen und seine Nähe frei zu genießen. Wenn du in dir Ruhe findest, wirst du dich in allen Beziehungen wohl fühlen.

 

Lüge des Verstandes

Einsamkeit ist eine Lüge deines Verstandes. Schau dich um. Du hattest immer eine Beziehung zu dir und eine Beziehung zu uns allen. Die Vorstellung, ein Single zu sein, ist ein Witz. Du warst und wirst immer mit uns allen verheiratet sein. Es gibt Menschen, die heben sich ihre Liebe für den Richtigen auf. Das ist schade. Schade für uns alle und schade für sie. Liebe zieht sich zurück, wenn sie eingesperrt wird. Liebe wird mehr, wenn sie großzügig verschenkt wird. Lass deine Liebe allen Menschen zuteil werden. Verschenke sie, wo auch immer du gerade bist. Natürlich wird die Form, wie du mit einem Fremden auf der Straße Liebe erfährst, eine andere sein als mit deinem Liebsten zu Hause. Mach dir keine Gedanken über die angemessene Form, die Liebe wird dich lenken. Ein Lächeln, eine Hilfeleistung, ein freundliches Wort, fünf Minuten mitfühlend lauschen. Wir nehmen unseren Platz in der Einheit des Lebens bewusst ein, wenn wir einander bewusst dienen.

Doch was kannst du tun, wenn du dich doch so stark nach einem Partner sehnst? Du kannst die Sehnsucht ja nicht einfach so abschalten. Immer wieder höre ich in Gesprächen mit meinen Klienten von ihrer tiefen Sehnsucht nach ihrem Seelenpartner. Ich ermutige sie dann, dieser drängenden Suche radikal zu folgen, allerdings an einer anderen Stelle als bisher nach diesem idealen Wesen zu suchen.

Ja, es stimmt. Dein perfekter Seelenpartner existiert. Du! Du bist der Mensch, auf den du immer gewartet hast. Allerdings nutzt es nichts, wenn ich das weiß. Du musst dich erkennen.

Vielleicht hältst du mich für verrückt, doch ich möchte dich fragen: Bist du bereit, mit dir selbst den heiligen Bund der Ehe einzugehen?

Ich meine es ernst. Heirate dich. Demonstriere der Welt und vor allem dir, dass du bereit bist, dir treu zu sein – in guten und in schlechten Tagen. Dich zu mögen, wenn es dir gut geht, ist keine Liebe. Es ist ein schäbiger Deal. Dich zu lieben, ist eine proaktive Wahl – frei von Bedingungen.

Warum es nicht konkret machen? Lege einen Tag fest, an dem du dich offiziell heiratest. Wähle dafür einen deiner Lieblingsplätze aus. Entscheide, ob du still, nur mit dir oder laut und mit vielen Gästen feiern möchtest. Du bist 80? Na und! Jeder Tag ist ein perfekter Tag, um sich selbst zu heiraten.

Vielleicht denkst du, dass wäre nur eine komische Idee von mir. Ich garantiere dir: An dem Tag, an dem du dich selbst bewusst heiratest, hört deine Einsamkeit auf und deine Erfahrung des All-Eins-Seins beginnt. Und ganz nebenbei, niemand ist für eine echte, sexy-lebendige Partnerschaft attraktiver und geeigneter, als ein Mensch, der sich selbst geheiratet hat.

 


Ehegelübde

 

Schreibe dein eigenes Ehegelübde. Hier hast du ein Beispiel, wie es aussehen könnte:

Heute, am ………………..,
hier in ……………………..,

gehe ich noch einmal ganz frisch und bewusst eine heilsame, liebevolle, lebendige Beziehung mit mir selbst ein.
Mein Versprechen an mich selbst ­lautet:

Ich möchte mich, ……………, von jetzt an erkennen, achten und lieben. Es ist möglich, dass der Pfad, der vor mir liegt, nicht immer einfach zu finden ist, dass es Höhen zu erklimmen und Täler zu durchschreiten gilt und dass ich auch durch öde Gegenden kommen werde. Doch gleich, wie es um mich herum oder in mir aussieht, wie dunkel oder hell, klar oder verwirrt, ich wähle, von nun an stets an meiner Seite sein.
Wie habe ich mich nach mir gesehnt. Jetzt reicht das Hoffen nicht mehr aus. Ich bin bereit, voll in mir zu Hause zu sein. Darum sage ich aus ganzem Herzen JA!

Ja, ich will mich, …………………., lieben, mich achten und mir treu sein, solange ich lebe.
Ich, …………., nehme mich, …………….. zu meiner Frau/meinem Mann.
Ich verspreche mir selbst ein Leben der Freude und des Wachsens.

Ich verspreche, mir von nun an treu zu sein, in guten und in schlechten Tagen, in Reichtum und Armut, in Gesundheit und Krankheit mich zu lieben und zu ehren, solange ich lebe.

Ich werde mir treu sein und ich werde ehrlich zu mir sein. Ich werde mich kennen lernen. Ich werde mich respektieren und mir vertrauen, mir helfen, mir zuhören und für mich sorgen. Ich werde alles erlernen, was es braucht, um mich wirklich zu lieben. Ich finde Frieden mit meinem Körper, meinen Gefühlen und meinem Verstand – genau so, wie ich bin. Gleichzeitig werde ich mich selbst herausfordern, ein kühnes, ein waches, ein gutes Leben zu führen.

Ich werde mein Leben auf eine mir würdevolle Weise gestalten. Ich werde mir meine Fehler vergeben – immer wieder, sanft und humorvoll. Ich bin bereit, mich selbst, die Welt und das Leben besser zu verstehen, so dass ich dem Leben und meinen Mitmenschen in Freude dienen kann.
Wann immer ich in Versuchung geraten sollte, mein Versprechen mir selbst gegenüber zu vergessen, werde ich mich daran erinnern und neue Kraft finden, es zu leben.

Datum:                Name:                Unterschrift:

 


Abb: sabine meyer /pixelio.de

Über den Autor

Avatar of Veit Lindau

wirkt seit 22 Jahren als Teacher, Speaker und Autor. Er versteht sich als liebevoll-konsequenten Reformer, achtsamen Businesspunk und Freigeist. Er gilt im deutschsprachigen Raum als Experte für eine integrale Selbstverwirklichung des Menschen. Sein gegenwärtiges größtes Projekt ist der Ausbau des humantrust, einer integralen Coachingund Vernetzungsplattform mit mehreren tausend Mitgliedern. Seine Bücher, einige Bestseller („Werde verrückt“, „SeelenGevögelt“, „Heirate dich selbst“, „Liebe Radikal“, „NO Prblem“), sind provokante, liebevolle Weckrufe.

Tägliche Inspirationen findest du auf Facebook und www.veitlindau.com

6 Responses

  1. z.waibel

    Hey…, ich bin Coach, Heilpraktikerin Yoga und Meditationslehrerin. …Seit Jahren mache ich mit meinen Kunden und Studenten das gleiche Ritual…identisch!!! 100% … Das ist für mich fast unglaublich..es ist so wie wenn ich dieser Artikel geschrieben hatte … Sind fast alle meine Worte, Formulierungen usw.!!! Wie ist das möglich??? … Ich bin fast ausgeflippt, als ich das gelesen habe …

    Antworten
  2. mahahn

    @franz josef neffe: herzlichen dank für diesen sehr inspirierenden kommentar, lieber herr neffe * mit adventlichem gruß – marion hahn

    Antworten
  3. Weise, Ana

    sich selbst zu Heireten halte ich für sehr wichtig und schön..sich selbst treu zu sein, sich selbst zu lieben, zu achten und zu respektiern.

    nur ich halte nichts von Dogmen..alte Gelübbte oder Verschprechungen…Schwöre.
    Bin der Ansicht das es sich um Bedingungsloseliebe handelt..ohne irgendwelche versprechungen::Alles darf freiwillig geschehen..ES GEHT UM DEN fareiwillen..also Freiwillig..wenn ich Vertrauen zu mir SELBST habe brauche ich mir nichts zu versprechen..alles andere sind nur menschliche Regeln, verbote..damit setze ich mich nur unter druck..in dem ich mir erinnere ds ich es mir versprochen habe..siehe es nicht als eine Freiwillige Liebe zu uns SELBST. Eher als ein Verpfichtung..
    Ist nur meine Meinung und Erfahrung.

    In Liebe und Dankbarkeit für dieser Artikel, Ana

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  4. Franz Josef Neffe

    Wenn die alten Griechen so im Stress waren, dass sie sich selbst zu verlieren drohten, dann gönnten sie sich das Loslassen, das Innehalten, das wieder zu sich und zu Sinnen Kommen, das wieder mit sich eins Werden. Diese Auszeit, diese kostbare Pause nannten sie SCHOLAE, deutsch: Schule.
    Es heißt ja in der Bibel: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die Frage ist nur: „Kann man ihm das antun?“
    Anderen geben wir unsere Aufmerksamkeit, ein Lächeln, unsere Zuwendung, …. uns selbst quälen wir durchs Leben. Warum nur behandeln wir den einzigen Menschen, mit dem wir ein ganzes Leben lang zusammen sind, oft wie einen bösen Feind? Nun, wir lernen schon in der Du-musst-Schule, dass wir uns be-mühen und an-strengen müssen; wir lernen also feindliche Akte gegen uns selbst. In der neuen Ich-kann-Schule lernt man sich zu ent-mühen und ab-zustrengen. Das bekommt den Kräften besser und man erreicht deshalb bei erheblich weniger Aufwand deutlich mehr und Besseres. Und was machen wiederum die meisten? Gehen sie den Weg der Ich-kann-Schule oder machen sie sich nur ihre Du-musst-Schule jeden Tag noch tödlicher perfekt? Scheints gibt es noch Entwicklungschanden für uns.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

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