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Politik und Gesellschaft versuchen, die Flüchtlingsproblematik logisch fassbar zu machen, um generell anwendbare Lösungen zu erhalten. Doch das wird nicht funktionieren. Allein der direkte Kontakt mit den Flüchtlingen als Menschen aus Fleisch und Blut mit all ihren Sorgen und Ängsten und gleichzeitig der Zugang zu all unseren Gefühlen, die durch die gegenwärtige Situation ausgelöst werden, kann echte lebensfördernde Lösungen aufzeigen. Von Moment zu Moment, Schritt für Schritt.

Ich lebe in einem Ort, in dem auch viele Asylbewerber leben. Wir begegnen uns täglich im Lebensmittelgeschäft, auf der Straße. Es werden spürbar mehr. Wir haben in Erfahrung gebracht, wann die Busse aus Eisenhüttenstadt kommen. Haben befreundete Musiker zusammengetrommelt und für den Empfang der Flüchtlinge Kuchen gebacken und musiziert. Wir wollten sie willkommen heißen. Die Sozialarbeiterin im Heim war teils aufgeschlossen, teils überfordert. Einige Tage später sagte sie: „Ihr könnt gerne wiederkommen für den nächsten Bus.“ Und fügte etwas skeptisch hinzu: „Aber kommt ihr dann auch wieder? Sonst fragen die sich doch, wo denn all die netten Menschen geblieben sind?“ Wir kamen wieder.

Daraus sind etliche Einladungen und Treffen entstanden. Wir machen Namens- und Wortspiele zusammen, mal mit deutschen, mal mit syrischen Wörtern. Da kommt jeder mal in die Verlegenheit zu radebrechen und gleichzeitig bricht das Eis zwischen uns.

Dann gibt es Möglichkeiten, sich Fragen zu stellen. Wir werden gefragt: „Wie ist es für euch Deutsche, dass jetzt so viele Flüchtlinge kommen?“ Ich spüre Dankbarkeit für diese Frage. Und ich habe darauf sehr verschiedene Antworten. Die erste ist: „Ich bin sehr traurig, wenn ich daran denke, was ihr erlebt habt und warum ihr fliehen musstet.“ In dem Moment kehrt Stille ein. Sie schauen mich an, wir alle haben feuchte Augen. Wir teilen einen Augenblick, in dem wir gemeinsam versuchen das nachzuempfinden, was mit Worten gar nicht fassbar ist. Alles, was wir einander nach diesem Moment der Stille sagen, ist: Danke.

In mir überwiegt, seit so viele Menschen in unserem Land Zuflucht suchen, die Anteilnahme an dem Schicksal dieser Menschen. Was ich hier an meinem Lebensort tun kann, ist Kontakt aufzunehmen. Ein kleiner Beitrag des Willkommens dafür, dass Integration möglich wird. Ich tue das nicht nur für die Geflüchteten, ich spüre, dass ich es auch für mich tue. Ich komme bewegt aus diesen Begegnungen zurück. Das, was mich durch die Weltnachrichten beschäftigt und beunruhigt, kommt in realen Kontakt. Weltnachrichten werden Lebensnachrichten. Die Geflüchteten bekommen Gesichter und Namen, es entsteht Verbindung. Ein 19-Jähriger, den ich nach seinem Namen und seiner Herkunft frage, antwortet scheu. Dann sagt er, dass er gerade zum ersten Mal mit einer Deutschen gesprochen hat. Es fühlt sich gut an, diese Deutsche zu sein.

Der direkte Kontakt mit Flüchtlingen – den anderen in mir selbst begegnen

Doch es gibt auch in mir Beunruhigung, Sorge, Angst. Was gerade auf der Welt geschieht bzw. jetzt durch die Geflüchteten näher rückt, lässt uns hautnah begreifen, wie explosiv unsere Zeitsituation ist. Ich nehme auch Gedanken in mir wahr, die sich verschließen wollen, Begrenzungen schaffen, ein „sicheres Terrain“ bewahren. Ich erlebe unsere Freiheit als unglaublich kostbares Gut dieser Tage. Ich erkenne, wie wichtig es ist, mit der Angst, dieses Gut der Freiheit als gefährdet zu empfinden, genauso in Kontakt zu gehen wie mit der Anteilnahme in mir. Wenn ich der Angst in mir nicht begegne, bin ich allzu schnell bereit, sie auf die anderen zu projizieren. Ich denke dann, es seien nur die anderen, die aus Angst Sicherheit und Begrenzung fordern, ich aber gehörte ja zu den Guten, die ihr Herz aufmachen…

Daraus ergibt sich die Frage: Bin ich in der Lage, mit den Teilen unserer Bevölkerung – und auch mit diesen Teilen in mir, die „gegen Flüchtlinge sind“ –, empathisch zu sein? Oder hört meine Empathie da auf? Mir kommt es vor, als gäbe es eine Art Übereinkunft in bestimmten Kreisen, die eine Begrenzung der Empathie geradezu verlangt: Wer für eine Willkommenskultur sei, müsste gegen die sein, die dagegen sind. …? Aber tragen wir nicht genau damit wieder zu einer Polarisierung bei, die auch Zäune baut?

Empathie heißt nicht, gleicher Meinung zu sein. Aber wenn wir, die wir eine Willkommenskultur vertreten, auch unseren eigenen Ängsten bewusst und offen begegnen, schmilzt die Abgrenzung, die uns vom eigenen Inneren abschneidet und so eine äußere Gegnerschaft herausbildet. Dann heißt ‘Integration von Flüchtlingen’, dass wir die Unterschiede in unserem Land wahrnehmen, ihnen in uns Raum geben statt sie äußerlich weghaben zu wollen. Denn was ich in mir in Beziehung bringen kann, kann heilen und wirkt sich auch auf meine Weltsicht aus. Und das ist wichtig.

In den sich zuspitzenden Dynamiken, die unsere Zeit gerade deutlich bereithält, braucht es Menschen, die mit diesen Dynamiken in sich selbst in Kontakt gehen. Je mehr Menschen das gelingt, umso mehr Menschen sind in der Lage, Generalisierungen zurückzulassen und differenziert zu erfassen, was geschieht. Um den Wandel auf diesem Planeten zu unterstützen, sind wir heute mehr denn je herausgefordert, unser spirituelles Wissen auf gesellschaftliche Prozesse auszudehnen.

 


 

Die in diesem Text erwähnten Begegnungen mit Flüchtlingen haben im Projekt „empowerment for refugees“ stattgefunden. Es bietet geschützte und strukturierte Begegnungsräume von Mensch zu Mensch an, sowohl zwischen Geflüchteten als auch zwischen Flüchtlingen und Deutschen.
Kontakt: refugeegermanmeeting@web.de

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Über den Autor

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ist Schirmherrin der Be(e) School Berlin und Leiterin der Jahresausbildung „Liebeskunstwerk“ im Zegg.

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