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Innenwelten – die Kolumne von Ronald Engert

 
Heutzutage ist Unabhängigkeit für viele Menschen von großer Bedeutung. Sie gilt als die Lösung für viele persönliche Probleme. Bei genauer Betrachtung gibt es aber auch Unstimmigkeiten, denn wenn wir denken, wir seien die Meister des Schicksals, sehen wir nicht die wirkliche Ordnung der Dinge.

 

Es ist schön, die Welt verbessern zu wollen, aber wenn es ein Ego-Film ist, richtet es nur Schaden an. Was aber ist die richtige Einstellung, um der Welt in Hingabe dienen zu können?

Viele von uns glauben in bester Absicht, dass sie selbst die Macht haben, etwas tun zu können. Wir haben zwar die Verantwortung für uns selbst, aber wir haben keine Macht über andere Menschen und über die Welt als Ganzes. Wir sind nicht der höchste Gipfelpunkt oder das Zentralgestirn, um das sich alles dreht. Und es geht auch nicht um unseren eigenen Willen, mag er noch so gut gemeint sein. Wenn wir wirklich eine Veränderung in der Welt bewirken möchten, müssen wir zunächst davon überzeugt sein, dass ein Leben, das durch den Eigenwillen gesteuert wird, kaum Erfolg haben kann.

Wenn ich unabhängig versuche, mein Leben und das Leben anderer zu steuern, bin ich nicht im Einklang mit der Wirklichkeit. Ich versuche, alles aus eigener Antriebskraft zu bewältigen. Ich habe ein bestimmtes Ziel und manchmal bin ich freundlich und großzügig, um es zu erreichen, aber manchmal bin ich auch gemein und eigennützig. Es ist nicht sicher, wie ich mich verhalte und was dabei herauskommt. Bei nächster Gelegenheit werde ich noch anspruchsvoller oder noch nachgiebiger – je nachdem.

Darunter liegt eine andere Ebene der Absicht, denn wenn ich mich nur deshalb bemühe, freundlich zu sein, um mein Ziel zu erreichen, bin ich nicht freundlich, sondern selbstsüchtig. Es ist eine Selbsttäuschung zu glauben, ich würde der Welt Befriedigung und Glück abringen, wenn ich mich augenscheinlich „richtig“ anstelle, aber in Wirklichkeit andere Ziele habe. Dann gibt es ein Riesendurcheinander. Was passiert, wenn die anderen nicht das tun, was ich möchte? Oder wenn ich mit meinem Ergebnis nicht zufrieden bin? Vielleicht werde ich ärgerlich, entrüstet oder bedauere mich selbst. Ich gebe den anderen und der Welt die Schuld für meine Misere. Ich denke, wenn jeder das so wie ich tun würde, wäre alles gut. Ich wittere Intrigen, wo gar keine sind. Ist es aber für alle anderen klar, welche meine wahren Ziele sind? Respektiere ich die anderen wirklich und bringt mein Verhalten Frieden? Weil die anderen sich übergangen fühlen, wollen sie es mir heimzahlen und stehlen mir die Show.

Das Problem ist die Ich-Bezogenheit. Ich benehme mich wie ein Weltverbesserer, der glaubt, er könne eine ideale Gesellschaft verwirklichen, wenn nur der Rest der Welt mitmachen würde. Aber irgendwie ist das Ganze immer noch mein Ego-Trip und irgendwie ist da ein Fehler im System. Ich kann in meiner Ich-Bezogenheit die Wirklichkeit nicht richtig erkennen. Die Ordnung stimmt nicht. Oberflächlich habe ich hohe selbstlose Ziele, aber darunter liegt diese selbstbezogene Idee, dass ich etwas meistern und manipulieren kann. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass ich der Herr und Meister bin, der Unabhängige, von dem alles andere abhängt, und das ist eine große Selbsttäuschung. Daraus entsteht Groll und Selbstmitleid. Ich trete meinen Mitmenschen auf die Füße und sie schlagen zurück. Und zugleich fühle ich mich dann noch schlecht und ungerecht behandelt.

Es geht also hier um Selbstsucht, und ich bin durch meine selbstsüchtige Art nicht in der Lage, diese Selbstsucht zu reduzieren. Dafür brauche ich eine höhere Kraft, die ich nicht bin, die größer ist als ich, und nehmen wir an, dass die Wirklichkeit meine kleine Welt übersteigt und ein großes Ganzes mit Sinn und Wahrheit ist, von dem ich Teil bin. Nennen wir diese höhere Kraft »Gott«. Ich bin jetzt nicht mehr unabhängig und selbst Gott, sondern ich bin abhängig vom großen Ganzen, von dem großen Sinn, von der Höheren Macht, von Gott.

Indem ich mich von Gott abhängig mache, sehe ich die Dinge so, wie sie wirklich sind. Denn ich bin tatsächlich nicht Gott und nicht der Herr und Meister, sondern ein Diener. Ich kann schauen, wo ich gebraucht werde oder wo ich etwas beitragen kann, aber ich bin nicht der Herr und Meister, der alles überblickt und weiß, was für jeden das Richtige ist. Was für jeden das Richtige ist, kann nur diese höhere Kraft wissen. Indem ich mich also von Gott abhängig mache und ihm hingebe, sehe ich erst die Wirklichkeit! Und das führt zu wahrer innerer Freiheit, emotional und spirituell. Ich muss nicht mehr das Opfer von undurchsichtigen Intrigen sein, weil es einfach gar keine Intrigen gibt. Das waren nur Einbildungen, die aus meiner egozentrischen Berechnung resultierten.

Das ist ein elementarer Perspektivenwechsel, denn bis hierher dachte oder denke ich doch immer noch, dass ich ein ziemlich schlauer Kerl bin, der alles versteht und weiß wo‘s lang geht. Ich denke auch, ich wüsste, was die Leute tun müssten, damit es ihnen besser geht. Damit bevormunde ich die Menschen natürlich, ohne dass ich es merke. Viele von denen, die ich so behandle, werden es wahrscheinlich gar nicht bewusst merken oder gar ansprechen. Aber irgendwie ist dann doch eine Unstimmigkeit da, die die Beziehung belastet. Ich will den Leuten eigentlich helfen, aber ich mache genau das Falsche.

Ich muss lernen, dass jeder in Gottes Hand ist und dass es nicht meine Kompetenz ist, dem andern zu sagen, was gut für ihn ist. Ich kann das nicht wissen, aber ich kann das Vertrauen haben, dass Gott für diese Menschen sorgt. Was immer dieser Mensch tut, es ist sein Weg und ich laufe nicht in seinen Schuhen. Wenn ich mich nicht mehr als den unabhängigen großen Meister sehe, sehe ich die Wirklichkeit, wie sie ist, und erlange die Freiheit von allen materiellen Abhängigkeiten, von Schuld und Verstrickung, von Manipulationen und Co-Abhängigkeit. Ich höre auf, andere verändern zu wollen, und lasse ihnen ihre Souveränität. Ich entwickle Demut und Hingabe, und erkenne, wo ich wirklich gebraucht werde, ohne mein Ego damit aufzupolieren. Ich bin Teil des Ganzen. Das ist die Wirklichkeit, und es ist eine große Befreiung, in der Wirklichkeit anzukommen. Ich bin abhängig von Gott, aber das gibt mir die wahre Unabhängigkeit meines inneren Friedens.

Nun kann ich beginnen, aus der Hingabe und emphatisch anstatt aus dem Verstand leben. Daraus kann ein echtes Verständnis erwachsen und es ist ein sehr schönes Gefühl, wirklich bei dem Anderen zu sein. Daraus kann ich die besten Erkenntnisse ziehen, weil ich mich bei dem anderen wiedererkenne und aufhöre zu urteilen.

Verurteilung und Hochmut leben immer noch. Ich bin nicht vollkommen. Aber jeden Tag kann ich Bereitschaft aufbringen und mich der Idee öffnen, dass es nicht um meinen eigenen Willen, sondern um den Willen Gottes geht. Wir müssen nicht versuchen, alles selbst zu meistern, weil wir nicht die Meister sind. Wir dürfen unseren Willen und unser Leben der Fürsorge Gottes anvertrauen, so wie ihn jeder für sich versteht. Das ist die wirkliche Ordnung der Dinge und hier sind wir an unserem wirklichen Platz. Dann enthüllt sich alles, genauso wie die Sonne am Tag alles erleuchtet.

 

 

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