Anzeige

Hsin Tao unterscheidet sich von vielen körperbezogenen Methoden, die Heilung diverser Beschwerden, Kräftigung und Bewusstseinsentwicklung anstreben. Wo sonst Disziplin im Vordergrund steht, setzt Hsin Tao auf Anstrengungslosigkeit und Geschehenlassen. Wo bei anderen der Fokus auf Entsagung liegt, kultiviert Hsin Tao den Genuss. Das Ergebnis ist ein wunderbares Gefühl der Energetisierung, eine stärkere geistige Präsenz und eine tiefgreifende körperliche Regeneration.

 

Bevor ich gegen Ende 2004 mit Hsin Tao in Berührung kam, hatte ich bereits über viele Jahre intensiv verschiedene Systeme innerer Transformation praktiziert. Da mich immer diejenigen spirituellen Ansätze am meisten interessierten, die den Körper integrieren, beinhalteten viele dieser Methoden Bewegungs- und Atemübungen oder körperbezogene Meditationen. Darunter waren Kampfkünste wie Tai Chi und Shaolin Wing Chun Shuan, verschiedene Qigong-Stile, Übungen des Tao Yoga und spezielle Lichtkörpertechniken. Ich empfand die meisten dieser Methoden als bereichernd und hilfreich; dennoch hatte ich das Gefühl, weiter auf der Suche nach etwas zu sein, das mich tiefer berührt und grundlegendere Resultate bringt. Als ich dann zum ersten Mal die Hsin-Tao-Übungen ausführte, wusste ich, dass ich auf etwas sehr Kostbares gestoßen war. Mich faszinierten die natürliche Eleganz und Schönheit dieser Bewegungen, die Freude, die sich beim Praktizieren einstellte, und das tiefe Gefühl von Integrität und Frieden auf allen Ebenen des Seins. Nach Beendigung der Übungen fühlte sich mein Körper durchwärmt, energetisiert, neu ausgerichtet und von innen heraus gestärkt an. In den darauf folgenden Monaten entwickelte sich bei mir ein vollkommen neues Körpergefühl: Ich war physisch und geistig viel präsenter, meine Haltung und mein Gang hatten sich korrigiert, Rückenschmerzen verschwanden und es war, als würde sich mein Körper in Seide verwandeln.

 

Genuss statt Entsagung

In der Vorstellung vieler Menschen sind spirituelle Praktiken mit großer Disziplin und Entsagung verbunden. Auf Hsin Tao trifft das allerdings überhaupt nicht zu; hier stehen Anstrengungslosigkeit, Genuss und Leichtigkeit im Vordergrund. Es gibt keine Notwendigkeit, mit Strenge gegen sich und seine Natur zu arbeiten, wie das bei manchen anderen Praktiken geschieht. Ganz im Gegenteil: Die besten Resultate werden sogar dann erzielt, wenn man mit einer gewissen “laissez faire-Haltung“ an das Üben herangeht, wenn man sich erlaubt, faul zu sein. “Fühlen und nicht machen“ ist das Credo der Hsin-Tao-Praxis. Es bedarf keiner äußeren Perfektion, um die Wirkung dieser heiligen Bewegungen zu erfahren. Im Hsin Tao ist man nicht daran interessiert, ein “workout“ zu absolvieren, vielmehr lässt sich der Übende auf eine innere Reise ein, um unterschiedliche physiologische und energetische Empfindungen zu erforschen. Die fließenden, harmonischen Bewegungsabläufe werden auf natürliche Weise mit dem Atem verbunden und durch ständige Wiederholung vertieft. Das Wunderbare ist, dass es keinerlei Leistungsdruck gibt – man arbeitet immer unterhalb dessen, was man zu leisten fähig ist. Auf diese Weise stellt sich relativ schnell eine “Flow-Erfahrung“ ein, bei der Bewegung und Atmung fast wie von selbst “geschehen“.

Nicht selten finden sich Praktizierende während des Übens in einem Zustand von Geistesstille, Glückseligkeit und ekstatischem Bewusstsein. Eine solche Erfahrung wird unter anderem durch die  Aktivierung höherer Gehirnzentren wie den Stirnlappen und dem “Glückszentrum“ Septum Pellucidum ermöglicht. Tastsächlich hat sich Hsin Tao als sehr effektiv darin erwiesen, die neurologische Aktivität des Gehirns zu harmonisieren.

 

Verwandtschaft zum Zen

Mit seiner Betonung auf Natürlichkeit und Gelassenheit, dem Nicht-Tun im Tun, gleicht die Philosophie des Hsin Tao den Prinzipien und Praktiken des Zen. Diese Übereinstimmung ist kein Zufall, denn sowohl die Ursprünge des Zen- bzw. Chan-Buddhismus als auch die des Hsin Tao gehen auf den indischen Mönch Tamo zurück. Der als Bodhidharma in die Geschichte eingegangene Prinzensohn wurde um 440 nach Christus im Königshaus Sughanda in Kanchipuram geboren. Zwanzig Jahre später begab er sich auf eine abenteuerliche Reise nach China, die ihn schließlich bis vor die Tore des sagenumwobenen Shaolin-Klosters führte. Der Legende nach wurde ihm dort der Eintritt verweigert, worauf er sich in eine nahegelegene Höhle zurückzog, wo er neun Jahre lang auf eine Felswand starrend meditierte. Als er sich nach neun Jahren wieder erhob, war er ein erleuchteter Buddha. Seine körperliche Verfassung muss nach dieser extrem langen Zeit des Sitzens und Meditierens allerdings katastrophal gewesen sein. Da er in diesem schwächlichen und vergreisten Zustand nur eingeschränkt handlungsfähig und somit niemandem von Nutzen war, kreierte er – dem Strom kosmischer Energien folgend – ein System regenerativer Übungen, mit deren Hilfe er sich in kürzester Zeit wieder verjüngte. Als er diesmal an die Pforten des Shaolin-Klosters klopfte, waren die Mönche von dem Grad seiner Verwirklichung so beeindruckt, dass sie ihm  Einlass gewährten. Von dieser Zeit an wurde die Technik im Shaolin-Kloster wie ein Schatz gehütet und immer nur einigen auserwählten Mönchen in ihrem vollen Umfang offenbart.

 

Regenerativer Prozess

Erst zur Zeit der Kulturrevolution, als viele Mönche aus China fliehen mussten, verließ auch Hsin Tao die klösterlichen Mauern. Viele Jahre später, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, entschied sich ein in Sydney beheimateter chinesischer Großmeister namens Ho Lo, erstmals einige Westler in die Hsin-Tao-Technik einzuweihen. Unter ihnen war der Australier Ratziel Bander, der zu diesem Zeitpunkt an einem schweren Post-Polio-Syndrom litt und nach jahrelangem vergeblichem Kampf gegen diese Krankheit eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen hatte. Schon nach wenigen Monaten gelang es ihm durch gewissenhaftes und dennoch sanftes Üben, die degenerativen Prozesse, die mit dem Post-Polio-Syndrom einhergehen, nicht nur aufzuhalten, sondern sogar umzukehren. Als jemand, der in seinem Leben sehr viel meditiert hatte, war er erstaunt, wie leicht und schnell diese einfachen Hsin-Tao-Bewegungen in tiefe Meditation und Kontemplation führten. Er teilte seine Erfahrungen mit dem Großmeister, der über seine Fortschritte ebenso erfreut war wie er selbst und ihm unerwartet den Auftrag gab, Hsin Tao zu lehren. Daraufhin entwickelte Ratziel Bander eine Lehrmethode, die es dem westlichen Geist besonders leicht macht, die Technik zu assimilieren. Kurze Zeit später begann er, Hsin Tao überall auf der Welt zu unterrichten, vor allen Dingen aber in den USA und in Europa. Seither haben viele Menschen Hsin Tao erlernt und als tägliche Übungspraxis in ihr Leben integriert. Es scheint, dass Hsin Tao bei jedem Praktizierenden einen individuellen Prozess innerer Ausrichtung und Regeneration in Gang setzt. Bereits die Übungen der Basis-Stufe können fundamental positive Veränderungen im Leben der Übenden bewirken.


Abb.: © www.fotolia.com-Sergey Nikolaev

Über den Autor

Avatar of Julia Kant

Jahrgang 1978, arbeitet als medialer Coach, Lebensberaterin und Lehrerin für TianTao Yoga. Sie ist derzeit die Einzige im europäischen Raum, die diese Methode der Selbstheilung und Verjüngung in ihrer vollständigen Form unterrichtet. Im Dezember 2015 ist die DVD zur Einführung in die Basis-Übungen erschienen.

2 Responses

  1. Gerhard Mees

    „Hsin Tao habe ich im September 2009 auf einem Workshop mit Julia Kant
    in Alfter bei Bonn kennengelernt. Das war eine wegweisende Begegnung. In
    den knapp erst viereinhalb Monaten Übungspraxis sind schon spürbar
    deutliche Veränderungen eingetreten. So stehe ich morgens anderthalb
    Stunden früher als vorher auf, um Hsin Tao zu üben.
    Auf körperlicher Ebene ist eine deutliche Besserung jahrzehntelanger
    Knieprobleme eingetreten. Ich spüre insgesamt eine Zunahme von
    Geschmeidigkeit und Beweglichkeit des gesamten Gelenkapparates.
    Im mentalen Bereich identifiziere ich beim Üben immer früher und immer
    bewusster das Auftreten des „Affengeistes“. Doch so wie er mich mit
    Problemen belästigt hat, sind mir schon öfters bei Üben von Hsin Tao
    Lösungsmöglichkeiten eingefallen.
    Am deutlichsten jedoch sind bisher die Entwicklungen auf seelischer Ebene.
    Kurz nach Beginn der Übungspraxis trat zunächst eine tiefe Traurigkeit
    auf. Traurigkeit darüber, dass mir bei der Übung des „Entfachens des
    inneren Feuers“ bewusst wurde, an wie vielen Stellen des Körpers ich
    mich durch Festhalten blockiere. Inzwischen funktioniert es mit dem
    Loslassen bedeutend besser, gar stellt sich Leichtigkeit ein. Jede
    Übungsstunde hat eine ganz eigene Qualität mit unterschiedlichen und
    neuen Empfindungen, so dass ich vorher schon gespannt darauf bin, was
    sich heute einstellen mag. Momente tiefer innerer Ruhe, Weite und
    Glückseligkeit durfte ich schon beim Üben genießen. Heute erlebe ich
    mich im Außen viel ruhiger, dafür findet im Innern ein Großreinemachen
    statt.
    Das Üben von Hsin Tao hat sich bei mir auch auf die Übungspraxis in der
    Meditation und beim Qi Gong ausgewirkt, dass auch dort tiefere und
    intensivere Zustände möglich geworden sind.
    Die größte Wirkung erzielt hat der von Julia Kant auf dem Workshop
    wiederholt vorgetragene Hinweis „Sei sanft mit Dir!“ Wie dieser sanfte
    Umgang mit sich selbst aussieht, hatte sie während des Workshops
    vorgelebt. Wie oft habe ich mich seitdem an dieses Beispiel erinnert,
    wenn ich mal wieder versucht war, mit mir selbst wegen meiner
    Unvollkommenheit und meines Blödsinns zu hadern. Und so wie ich mir
    selbst gegenüber immer mehr sanft umgehe, so überträgt sich diese
    Sanftheit auch auf meinen Umgang mit den Mitmenschen. Mit diesem kleinen Satz ist eine der größten Veränderungen meines Lebens in den letzten Jahren in Gang gekommen. Danke.
    Mit Freude und Spannung sehe ich dem entgegen, was mir bei Hsin Tao noch begegnen wird.“

    Antworten
  2. Parakash

    Liebe Julia,

    mit Freude habe ich Deinen Artikel gelesen – seit 2002 praktiziere ich etwas, dass SEHR ähnlich dem Hsin Tao ist – und ebenso zu einem Flow Zustand und Transformation auf allen Seinsebenen führt. Mein Lehrer nannte dies einfach „Bodyflow“ oder Energyflow – und gerade in diesem Nicht-Tun und dem Nicht-Wissen offenbart sich uns die Fülle an Wandlung und ein „Geführt-Werden“ – was ich in Deinen zeilen herausgelesen habe.

    Dies ist meiner Erfahrung nach, der Weg der Zukunft.

    alles Liebe für Deinen Weg.

    Parakash
    Mensch & Lehrer für Körper- und Energiearbeit

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*