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Eine Heilsitzung im Juni des vergangenen Jahres konfrontierte mich mit dem Thema Mißbrauch, eine Diagnose, die ich weit von mir wies, da ich – zunächst – keinerlei Anzeichen dafür finden konnte. Am folgenden Tag tauchte plötzlich die Frage auf: Könnte das meine Beschneidung sein?
Ich wurde direkt nach meiner Geburt im Krankenhaus rein aus prophylaktischen Gründen beschnitten, weder eine akute medizinische Notwendigkeit noch ein religiöser Hintergrund spielten in meinem Fall eine Rolle. Vermutlich war es ein „fortschrittlich“ denkender Arzt, der meinen Eltern zu diesem Schritt riet. In Abwesenheit besseren Wissens stimmten diese naiverweise diesem Vorschlag zu.

Eine Eigenschaft meines Körpers, die selbstverständlich und unproblematisch erschien, führte gänzlich unerwartet zu einer Flut von Fragen: Ließen sich damit meine sexuellen Probleme – gering ausgebildeter Sexualtrieb, verminderte Sensitivität meines Schwanzes bis hin zur fast vollständigen Orgasmusunfähigkeit beim Gebrauch von Kondomen und das für meine Partnerinnen unangenehm lange „Stehvermögen“ – erklären? Lag hier die Wurzel meines Selbstbildes der Unmännlichkeit, Unvollständigkeit und fundamentalen Kraftlosigkeit, das in krassem Widerspruch zum Fremdbild steht? Hatte meine Schwierigkeit, meine eigenen Grenzen ausreichend zu schützen, hier ihren Ursprung? Und vor allem, war dies der eigentliche Grund für mein Verhaltensmuster in intimen Beziehungen, nämlich völliger emotionaler Rückzug bei Nichtbeachtung meiner Distanzierungsbedürftigkeit?

Erschüttert und verwirrt beginne ich zu lesen und lerne: Die Beschneidung wird eindeutig als traumatisches Ereignis klassifiziert und mit Vergewaltigung und Mißbrauch verglichen. Zu den potentiellen psychologischen Langzeiteffekten gehören u. a. verringerter Gefühlsausdruck, Vermeidung von Intimität, geringer Selbstwert, begrenztes Lustempfinden. Bei der Analyse der sozialen Auswirkungen werden die Erhöhung vonScheidungsrate, Single-Anteil, Gewaltverbrechensquote, Vergewaltigungsrate und Selbstmordrate diskutiert.
Neben dieser mentalen Beschäftigung habe ich mich auch körperlich dem Thema genähert und begonnen, meine Vorhaut wiederherzustellen. Dabei wird die Schafthaut des Penis über längere Zeit gedehnt, bis durch die permanente Spannung sich neue Hautzellen zu bilden beginnen. Dieser Prozeß dauert zwischen mehreren Monaten bis hin zu mehreren Jahren und ist mit vielen Unannehmlichkeiten und Einschränkungen verknüpft, z. B. dem umständlichen An- und Ablegen der Vorrichtung bei jedem einzelnem Toilettengang. Gerade die sowieso schon „beschnittene“ Sexualität wird in dieser Zeit zwangsweise unspontan und belastet: Tage der erzwungenen Enthaltsamkeit wechseln sich ab mit Tagen mit geradezu zwanghafter Selbstbefriedigung. Von einem natürlichen Verhältnis und Ausleben meiner Sexualität trennen mich Welten.

Natürlich ist die Wiederherstellung der Vorhaut nur behelfsweise möglich, die speziellen sensitiv-erotischen Eigenschaften der originären Vorhaut werde ich nie wiedererlangen, aber allein die Möglichkeit, selbst etwas zu tun, befreit mich gefühlsmäßig aus dem Opferstatus und verleiht mir eine in sich schon befriedigende Souveränität über meinen Körper. Und darüber hinaus kann ich schon jetzt feststellen, daß sich die Sensibilität meines Penis allein durch die Abschirmung gegen die dauernde Stimulation durch die Kleidung erhöht und ich freue mich wie ein Kind über jeden spontanen Ständer, jede plötzliche – und für mich eher neue – Lustanwandlung.

Da die Beschneidung so früh bei mir erfolgt ist, habe ich keine bewußte Erinnerung an dieses Ereignis und bin – im Moment noch – sehr froh darüber. Ich sehe mich noch nicht in der Lage, mich diesem Erleben innerhalb einer Therapie ein zweites Mal auszusetzen. Vielmehr nähere Ich mich sehr, sehr vorsichtig diesem Thema. Ich habe 33 Jahre mit diesem Zustand unbewußt gelebt, ich brauche jetzt genügend Zeit, mich mit dieser Tatsache und ihren Auswirkungen bewußt auseinanderzusetzen. Ich reagiere zur Zeit sehr empfindlich auf von mir als übergriffig empfundene Verhaltensweisen und schlage dann mehr oder weniger blind um mich, eine andauernde Prüfung für mich und vor allem für meine nähere Umgebung.
Ich befinde mich noch ganz am Anfang meiner Erforschung und bin doch froh, mich auf den Weg gemacht zu haben. Mein Leben war stets von dieser Ahnung durchzogen, daß es dort noch etwas ganz Tiefes zu entdecken gibt. Zumindest weiß ich jetzt, was es ist.

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