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Der Winter wollte einfach nicht gehen. Anfang April letzten Jahres war die Wildwiese hinter der alten Schmiede in Vorpommern, wo ich mir ein Jahr Auszeit fernab des menschlichen Treibens gönnte, noch schneebedeckt und hart gefroren. Mit dem einsetzenden Tauwetter und dem Erwachen des Frühlings keimte in mir der Wunsch auf, einmal im Leben einen Garten Eden anzulegen.

Als langjähriger Großstädter brachte ich wenig Erfahrung im Umgang mit den Wirkkräften der Natur mit. Wollschwein Gullinborsti übernahm die Rolle des Erdbotschafters auf dem abgesteckten quadratischen Wiesenstück. Lustvoll nahm er sich der aufatmenden Erde an, tauchte mit der Schnauze tief in den Boden, warf Erdschollen in die Luft, fraß sich durch das freigelegte Wurzelwerk und bereitete mit diesem eindrucksvollen Schauspiel den Nährboden vor.

Nach einer Woche Wühlen, Düngen und wohliger Erdbäder hatte Gullinborsti sein wildes Werk getan: Ein zwölf mal zwölf Meter großes Areal wartete nun auf eine angemessene Gestaltung, in der Geist und Natur nach meinem so lange gehegten Plan eine harmonische  Verbindung eingehen durften. Aber wie beginnen?

 

Naturtempel

Ein Templum sollte der Garten werden, ein Garten des Geistes – erinnernd an die römischen Auguren („die Mehrer“), die mit ihrem Krummstab ein Rechteck in die Wildnis zeichneten, um in diesem heiligen Areal zu verweilen und aus dem Flug der Vögel die Zukunft zu deuten. Das etruskische Templum ist der Ursprung unserer Kultur, und aus ihm gingen später die versteinerten Tempelanlagen, die Kathedralen und Paläste hervor.

In Mesopotamien entstand ein wenig früher bereits ein sehr ähnliches archetypisches Bild, der „Garten Eden“ als begrenzte Grünfläche für die weidenden Herden. Aus der persischen Frühkultur stammt das Wort Paradies – es bezeichnete einen von der Wildnis getrennten, eingehegten Bereich. Im Ursprung unserer Kulturen war dieser eingehegte Garten den Göttern geweiht und degenerierte erst später zum profanen Nutzgarten.

Ein geistiges Bild aus dem kollektiven Unbewussten war also kreiert – und die Kühe auf der angrenzenden Wiese kamen neugierig an, um zu schauen, was sich denn da so tut. Die überall sprießenden Kopfweiden lieferten das organische Material für die Einhegung des heiligen Gartens, und schon bald war ein geflochtener Gartenzaun aus Weidenästen mit vier Eingangstüren gestaltet. Für die Umrahmung der Beete dienten eingesammelte Granitsteine und Stroh auf dem symmetrischen Wegesystem des Gartens.

 

Der Kosmos im Garten

Die Ecken des eingehegten Templums hatte ich bereits vorher nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, ganz nach Luther mit vier Apfelbäumchen bepflanzt und im Zentrum eine lange, hohe Pappelstange aufgerichtet, die nun ihren wandernden Schatten auf die Erde warf und als Sonnenuhr diente. Diese Axis Mundi verbindet Erde und Himmel und stellt als eine Art kosmische Antenne die Verbindung zu Sonne, Mond und Sternen her.

Für die anzulegenden Beete wählte ich das Achteck mit einer Kräuterpyramide im Zentrum. Das Oktogon als uralte kosmische Form stellt einen Chronotopos, ein raumzeitliches Kontinuum, dar. Einerseits symbolisiert es die acht Himmelsrichtungen eines Kompasses, andererseits spiegelt sich in dieser Anordnung das Gartenjahr mit den acht keltischen Jahreszeitenfesten.
Das Oktogon steht  für den Aufbruch zur Ganzheit, zum Kreis, und ist als ­universales Symbol in Natur und  Kultur­geschichte wiederzufinden – in Blütenformen, Mandalas, den Kuppeln bedeutender Kirchen und Kathedralen. Es steht für die Aufforderung des ­Subjekts, den eingeschlagenen Weg zur Ganzheit zu gehen.

 

Haustiere als tägliche Begleiter

Mit dem Fortgang des Gartenjahres fanden sich rings um den Garten auch immer mehr Haustiere ein: Hühner, Enten, Gänse und Ziegen gestalteten das Leben auf dem kleinen Hof zu einem bunten Treiben und trugen ihren Teil zur Gesundung von Leib und Seele bei. Die freilaufenden Tiere bauten als intuitive Therapeuten eine Brücke zwischen Mensch und Pflanze und füllten den erlebten Raum zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang mit ihrer je besonderen Lebendigkeit.

Viele Menschen kamen im Laufe des Gartenjahres zu Besuch nach Vorpommern und nahmen Anteil an dem täg­lichen Geschehen – und es war für sie ­immer wie eine Art Rückkehr, eine Heimkehr zu Mutter Erde. Mein virtuelles ­Fotoalbum mit täglichen Wort-Bild-Botschaften entwickelte sich zu einem wahren Kult, aus dem sich nun wie von selbst unser neues Forum „We go paradise“ im ganzen deutschen Sprachraum entfaltet.

Erdung ist ein Gebot der Stunde, und der gestaltete Garten erweist sich als ein organischer Heilraum, der in seiner ­Tiefenwirksamkeit Menschen wie von selbst in ihre vergessene innere Natur zurückführt. Und es ist alles sehr einfach – das ist die gute Botschaft.

 

Eine Antwort

  1. David

    Hallo Kristina,

    bitte setz dich mit uns mal in Verbindung – leider hast du keine Email-Adresse hinterlassen.

    david@sein.de

    Grüße!
    David

    Antworten

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