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Auch vor Indien macht die Moderne nicht halt. Viele Inder sind mehr an Computern, neuen Autos und Bollywood interessiert als an der spirituellen Kultur ihres Landes. Besteht Gefahr für die Kraft der heiligen Stätten und die einzigartige Energie dieses Landes?

 

Nun ist es über 20 Jahre her, dass ich das erste Mal nach Indien gereist bin, und seitdem hat sich vieles in diesem Land kulturell wie auch spirituell verändert. Ich habe sozusagen in einer „Wendezeit“ das Land der spirituellen Kulturen kennengelernt, das im Begriff war, die moderne Epoche des Landes als eine Chance des sozialen Aufstiegs zu nutzen. Zwar war mein damaliger Grund der Reise, den Sinn des Lebens zu erforschen, doch bekam ich auch einen guten Einblick in das Alltagsleben mit seinen Regeln, Riten und Gepflogenheiten. Ich merkte ganz schnell, dass der kulturelle Wandel auch in Indien hart und erbarmungslos ausgetragen wird. Einige alte Pilgerstätten wurden zum Zankapfel religiöser Zwistigkeiten wie im heiligen Ort Ayodhya: Dort sollte ein Rama-Tempel wieder aufgebaut werden, was landesweite Unruhen auslöste, bei denen viele Tempel und Moscheen zerstört wurden und Hunderte von Menschen ihr Leben ließen. Andere Pilgerstätten verloren ihren äußerlichen Glanz in korrupten Händen staatlicher Behörden oder der örtlichen Mafia, die von den gesammelten Geldern der Pilger ihre eigenen Taschen füllten. Damals besaß ich eine noch etwas verklärte Vorstellung von Heiligkeit – in jedem äußerlich an seiner Kleidung erkennbaren Yogi sah ich eine vollkommene Seele, die bereit ist, alle Lebewesen zu erlösen. Aber auch die Kehrseite aller Heiligkeit ist – sogar besonders – in Indien zu finden. Im Land der Extreme – arm und reich, heilig, erleuchtet – und des rassistischen Kastensystems liegt alles eng beieinander.

Als dann vor einigen Jahren sogar Mickymaus (für die bevorstehende Eröffnung eines indischen Vergnügungsparks) mit einer vedischen Feuerzeremonie am Flughafen von Bombay begrüßt wurde, hätte man denken können, Indien sei jeder Sinn für Heiligkeit und Andacht abhanden gekommen. Nun würden die alten Götter durch Donald Duck und Superman ausgetauscht.

 

Pilger und Pilgerstätten

Doch das ist ein Irrtum. Die Spiritualität eines Landes anhand einiger Äußerlichkeiten zu beurteilen, ist ein Fehler, mit dem man sich den eigenen Zugang zu dieser Vielfalt selbst verbaut. Die Spiritualität Indiens ist in vielen religiösen Traditionen und Handlungen tief verwurzelt.

So ist es in Indien Tradition, dass jeder, egal welchem Glauben oder welcher Konfession er angehört, mindestens einmal in seinem Leben eine Reise zu einem der unzähligen Kraftorte des Landes wie Kanchipuram, Mathura/Vrindavan, Badrinatha, Puri, Varanasi, Kurukshetra oder Tirupathi unternimmt. Ein reinigendes Bad in den dortigen heiligen Flüssen wie Ganga, Yamuna oder Kaveri gilt als obligatorisch, egal wie schmutzig das Wasser heute augenscheinlich ist. Schon in den frühesten Schriften der heiligen Veden wie dem Rig Veda wurden Pilgerfahrten und Reinigungszeremonien empfohlen. Deren Orte spielten dabei eine sehr wichtige Rolle. Sie stehen für die göttliche Ewigkeit, das Wissen der absoluten Wahrheit und der daraus resultierenden Freude. Bevorzugt wurden Orte der Kraft gewählt, die mit dem transzendentalen Klang Om vibrieren oder ihn sogar verstärken. Dazu gehören das Rauschen des Meeres oder der Flüsse, die Einsamkeit auf Berggipfeln, Höhlen und Einsiedeleien. Auch die indische Vedanta-Philosophie (Jnana-kandha) mit ihren Grundlehren von Wiedergeburt (Samsara), Reaktion und Aktion (Karma) und die Befreiung aus diesem Kreislauf (Moksha) empfiehlt, zu einer solchen Pilgerfahrt aufzubrechen. Dabei geht es einzig und allein darum, die Öffnung unseres Herzens zu unserem inneren Selbst voranzutreiben, unnötige Lasten abzulegen und negative Verhaltensmuster aufzulösen. Bei der Wahrnehmung spiritueller Kraftorte werden sogenannte Dhamvasis (vor Ort lebende Yogis) um Rat gefragt, die einem bei der Pilgerfahrt gute Tipps und spirituelle Anleitung geben. Sie zu treffen gilt als ein glückliches Schicksal, denn sie können einem dabei helfen, einen inneren Zugang zu den heiligen Stätten zu bekommen und das Verständnis von Achtsamkeit und Spiritualität zu erwecken. Yogis und Heilige werden in Indien aufgrund dieses inneren Durstes nach spirituellen Wahrheiten und Gottesnähe auch heute noch verehrt und ihre Lehren hoch geschätzt.

 

Indien: kultureller Impulsgeber

Doch nicht nur die philosophischen und erhabenen Gedanken großer Heiliger wie Sri Ramanuja, Shankaracarya oder Sri Chaitanya noch die großen Mythen im Ramayana oder Mahabharata haben das indische Lebensbild über Jahrhunderte geprägt. Auch die innere Bereitschaft zur Transformation und die Assimilation fremder Einflüsse in die eigene Kultur bewahrte Indien vor der Verfolgung und Vernichtung durch fanatisch geprägte, monotheistische Weltanschauungen. In den Bereichen Technik, Musik, Kunst und Architektur erreichte Indien einen besonderen Stellenwert im Weltkulturerbe, da sich seit der Antike Indiens Einfluss über den ganzen Globus verbreitete – und das bis heute. Das moderne Indien ist nicht nur durch Software und Bollywood-Filme im Gespräch. Die Kunst der klassischen Musik, des traditionellen Tempel-Tanzes, die antike Malerei mit Naturstoffen, die einmalige menschliche Leistung der Körperkontrolle durch Yoga und die Wissenschaft vom langen Leben durch Naturheilkunde (Ayurveda) fasziniert viele Menschen auf der ganzen Welt. Während Yoga und Ayurveda ihren Ausdruck im Zeitgeist der westlichen Gesellschaft noch größtenteils in Form von Wellness finden, werden sie in Indien als Geisteswissenschaften gelehrt und bis ins Detail durch jahrelange strenge Disziplin und ungeteilte Hingabe gefestigt.

Allerdings: In dem Maße, wie Indien heute die Menschheit an seinen Wissensschätzen teilhaben lässt, verliert das Land selbst das Interesse an den Geburtsstätten der eigenen Kultur und den heiligen Orten. Dort wurden all die großartigen Weisheiten und Traditionen ja ursprünglich gelehrt und praktiziert. Und diese Kraftorte Indiens harmonisieren schon seit vielen Jahrhunderten in ihrer einzigartigen Struktur die Gemüter der pilgernden Menschen und der dort lebenden Pflanzen- und Tierwelt, da deren Geometrie und Bauweise oft auf dem geheimen Wissen der Vastu- und Silpa Sastras* basieren. Doch der Umgang mit der Natur und dem antiken Gefüge der einzelnen heiligen Orte ist oft bedauernswert. Durch das systematische Vernichten von Wäldern, alten Baumbeständen und Wasserreservoirs an diesen Plätzen und durch die strukturelle Veränderung verschiedener Kultstätten (wie neuerdings der Umbau der Altstadt Varanasis) verändert sich deren spirituelle Präsenz und feinstoffliche Resonanz auf ihre Besucher und Einwohner.  

 

Müllprobleme der Moderne

Der Umgang mit dem Abfall der Menschheit war nie ein großes Problem in Indien, denn die meisten Dinge des alltäglichen Gebrauchs bestanden aus Naturprodukten. Essteller aus „Einweg-Bananenblättern“ genauso wie Trinkbecher aus Ton wurden nach dem Gebrauch einfach weggeworfen, und die Regenzeit reinigte die zeitweiligen Müllplätze: Ton und Bananenblätter wurden schnell zum Kompost. Mit dem Einzug von Plastik im Haushalt und seinem Gebrauch im Alltag begann eine enorme Belastung für die Entsorgung. Indien reagiert allerdings eher träge auf dieses Problem –ganze Regionen erscheinen im selbst produzierten Müll zu versinken. Die Städte wie auch Pilgerzentren werden förmlich von Lärm- und Abgaskolonnen riesiger Blechlawinen erdrückt. So erscheinen die Pilgerplätze und Kraftorte Indiens manchmal wie ein hektisch bunter Jahrmarkt, der uns in seinem Lärm und Menschengewühl aufsaugt, verbraucht und wieder ausspuckt, wie es oft westliche „Konsumtempel“ mit uns machen. Doch auch da sollten wir uns nicht täuschen lassen.

Der andere, innere Teil der heiligen Orte ist nicht zerstörbar, muss aber vom Pilger selbst erfahren werden. Hat man den passenden „Schlüssel“ zu der Eingangstür des heiligen Ortes, stehen einem neue Erkenntnisse und Offenbarungen bevor. Der „Schlüssel“ ist hier als eine Art Gedankenbrücke zu verstehen, der durch unsere innere Sicht, unsere Praxis und unser Handeln gebildet wird. Heilige Orte der spirituellen Kraft geben uns die Möglichkeit, unser Bewusstsein zu stärken und mit kraftvollen Eindrücken aufzuladen. Es heißt im Garuda Purana „dass jede Handlung an einem heiligen Ort tausendfach verstärkt unsere Existenz läutert…“. Und Plätze, an denen große Heilige gewirkt und meditiert haben, bilden auch heute noch einen großen Anziehungspunkt und gelten als Mittler zwischen unseren Welten im Hier und Jetzt und unserer eigenen, daraus resultierenden Zukunft.

* Vastu sastra: Architekturlehre Indiens und „Vordenker“ der Feng-Shui-Tradition Asiens


Abb1.: © Anna Bahlinger-Çetin – Vermischte Welten: Straßenleben rund um den Arunachaleswar-Tempel in Tiruvannamalai.
Abb2.: © Erik Memmert – Leben vor dem Tempel: Gott ist überall…
Abb3.: © Erik Memmert – Lingamverehrung: Spirituelle Plätze findet man überall.
Abb4.: © Erik Memmert – Ökoteller: alles Banane…

Über den Autor

Avatar of Amara

durchlief eine Ausbildung zum vedischen Priester in Südindien. Er ist seit über 20 Jahren in Asien unterwegs, führt kleine Reisegruppen an heilige Plätze, produziert klassisch-indische Musik und ist Buchautor von „Klangreise Südindien“.

www.malola-trade.net

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