Warum Initiation junger Mädchen ins Frausein heute so wichtig ist…

von Susanne Marisu Volkmer

Die Frage nach der Begleitung junger Menschen ins Erwachsenenalter bewegt mich sehr, vielleicht, weil sie mir selbst so essentiell gefehlt hat. Auf meiner Heilungsreise stellte ich fest, dass meine Themen nicht nur meine individuellen Probleme und mein eigener Schmerz waren, sondern ein kollektiver Schmerz. Das waren Herausforderungen, mit denen heute nahezu jede Frau mehrfach in ihrem Leben konfrontiert ist. Ich war eine zutiefst verletzte junge Frau. Ich wusste beispielsweise nicht, wie ich bluten kann ohne Schmerzen, wie ich meine weiblichen Rhythmen und Zyklen erkenne und beachte. Als Teenager war ich jedes Mal, wenn ich meine Regel bekam, für drei Tage – wegen krampfartiger Schmerzen bis hin zur Ohnmacht und zu Migräneanfällen – unfähig zur Schule zu gehen.

Ich erlaubte mir nicht zu fühlen und dachte stattdessen, ich müsse funktionieren, um mit den anderen mitzuhalten, und würde etwas verpassen, wenn ich meinem eigenen Tempo folge. Außerdem war ich zutiefst unglücklich mit meiner Sexualität. Es ging so weit, dass ich mir von meinen damaligen Partnern einreden ließ, ich sei frigide. Ich litt unter chronischen Kopfschmerzen, Kraftlosigkeit bis hin zu Lethargie und Depressionen – und das in den vermeintlich besten Jahren. Mein Weckruf waren eine schwere Frauenkrankheit und ein Burnout.

Etwas musste sich grundlegend ändern, also machte ich mich auf die Suche. Ich beschloss, meine Ernährung umzustellen, mich in Frauenkreisen seelisch zu nähren und heilsame Kurse zu Weiblichkeit und Sexualität zu besuchen. In diesen wurde mir die Kollektivität meiner Themen bewusst. Wir tragen die Folgen tausender Jahre des Patriarchats mit der Dominanz des Denkens, des rationalen Verstandes, des Tuns, Arbeitens, Ziele-Verfolgens, des Anstrengens, des Wachsens, des Kontrollierens, des Bestimmens, in denen weibliche Qualitäten wie das Vertrauen in die zyklische Natur des Lebens, das Geschehenlassen, das Entspannen, Sich-Besinnen, auf das Herz oder den Bauch hören und Gefühle ausdrücken, weitestgehend unterdrückt wurden.

Wohin hat es uns gebracht? Dahin, dass die Frauen heute versuchen, es dem Mann gleichzutun und in einer linearen, auf Wettbewerb und Gewinn basierenden Gesellschaft zu überleben, indem sie selbst mit allem und jedem konkurrieren. Aber das entspricht überhaupt nicht ihrer Natur. Um dieses Ungleichgewicht wieder rückgängig zu machen, braucht es erst einmal die Konzentration auf das ursprünglich Weibliche – und das meint, das Weibliche in JEDEM von uns.

Die weibliche Kraft

Die weiblichen Anteile, die sowohl Männer als auch Frauen in sich tragen, müssen wieder voll angenommen, integriert und gelebt werden. Die weibliche Kraft drückt sich in der Natur, in der Liebe und Solidarität, in Selbstbestimmtheit und zyklischen Rhythmen, in Intuition und Emotion aus. Nur: Wo ist in unserer schnell-lebigen Welt noch Platz dafür? Es braucht dafür vorerst geschützte Räume, wie zum Beispiel in Frauen- und Männerkreisen. Frauen und Männer können sich unter ihresgleichen sehr gut nähren und helfen, sich auf ihre ursprüngliche Kraft zu besinnen. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit ist die Unterstützung werdender Frauen.

In speziellen Mädchengruppen können sie das Zusammensein unter Frauen, frei von Konkurrenz und Leistungsdruck erleben, ihre Fragen zum Frau-Werden stellen und eine positive Einstellung zu ihrem Körper und dessen Veränderungen entwickeln. Sie lernen, dass ihre Gefühle sie sicher durchs Leben leiten können und wie sie konstruktiv mit ihnen umgehen können. Sie eignen sich Wissen an über die Periode, über Verhütung, Sexualität und Geburt, über Beziehungen, Elternschaft und das Älterwerden. Sie setzen sich kritisch mit Geschlechterrollen und Prägungen durch gesellschaftliche Normen auseinander und finden ihren eigenen Weg.

Sie können die eigenen Konditionierungen in Frage stellen und herausfinden, was sie sich jenseits von Stereotypen wünschen, und ihre Träume und Ängste bezüglich zwischenmenschlicher Kontakte reflektieren. Sie können beginnen …
… Abschied von ihrer Kindheit zu nehmen und sich allmählich von den Eltern zu lösen
… eigene Grenzen zu spüren und selbstbewusst zu setzen
… die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen zu erkennen
… Selbständigkeit und die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen, zu entwickeln
… sich selbst und anderen eine Freundin zu sein, das heißt auch, Kommunikation und Umgang mit Konflikten unter Mädchen zu erlernen
… den eigenen Weg zu gehen, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung dafür zu übernehmen

Verlust der natürlichen Orientierung

Warum ist das gerade heute so unglaublich wichtig? Weil die ungesunden Einflüsse aus den Medien – Schönheitsideale, gewaltvolle Pornografie, romantisch verklärte Beziehungsideen aus Spielfilmen etc. – zahlreich sind. Weil es darum wichtig ist, über alternative und natürlichere Wege zu sprechen, mit sich selbst und anderen wirklich in Beziehung zu sein. Weil die Herausforderungen unserer Zeit vielfältig sind. Leistung, Schnelligkeit, Konkurrenzdenken und akademische Grade werden ganz groß geschrieben. Leider gibt es keine Schulfächer, die sich explizit mit Selbstentwicklung, Tradition, Beziehungen, Lebenskunst, Pubertät, Elternschaft und Lebenszyklen beschäftigen.

Der Zugang zur eigenen Körperweisheit ist bei vielen Jugendlichen schon früh verloren gegangen, und mit großer Wahrscheinlichkeit bleiben sie mit einem Gefühl von Unsicherheit, Getrenntheit und Unwissenheit über den eigenen Lebenssinn und ihre Berufung zurück. Viele Jugendliche stoßen weder in der Familie noch bei anderen Erwachsenen auf Verständnis. Häufig bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich bei Gleichaltrigen zu orientieren. Ihr Wunsch nach Zugehörigkeit, ihre Suche nach einer sinnvollen Aufgabe und das Gefühl, dass irgendetwas Essentielles in ihrem Leben fehlt, führen oft zu einer Art Selbstinitiation durch Drogenmissbrauch, Alkohol oder sonstige Mutproben – und im schlimmsten Fall zu Resignation, Depression und Betäubung, etwa mit Fernsehen oder Computerspielen. Was wäre, wenn wir unsere Kinder, die von Natur aus ekstatisch geboren werden, vor dem Verlust dieses Zustands bewahren könnten oder wenn wir wenigstens dafür sorgen könnten, dass sie sich wieder daran erinnern?

Bei dem Wort ekstatisch geht es in diesem Zusammenhang nicht um etwas künstlich Herbeigeführtes, sondern um einen natürlichen Zustand wie Schlafen oder Atmen. Um das Gefühl, intuitiv und intensiv mit allem Lebendigen verbunden zu sein, und die damit einhergehende natürliche Freude an all diesen Wundern. Kleine Kinder erleben ihren Körper noch als zuverlässigen Partner, der ihnen direkt über ihre Gefühle wie Freude, Trauer, Scham, Wut und Angst zurückmeldet, was ihnen gefällt und was nicht. Wenn sie Hunger haben, essen sie. Wenn sie müde sind, schlafen sie. Wenn sie traurig sind, weinen sie. Wenn ihnen etwas Lust bereitet, lachen sie. Wie kann es sein, dass wir so etwas verlernen? Was wäre, wenn wir auch als Erwachsene wieder diese Körperweisheit entdecken könnten? Was wäre, wenn wir uns erlauben würden, all unsere Gefühle in ihrer Tiefe zu fühlen? Was wäre, wenn wir in Ordnung wären, wie wir sind, und liebevoll mit uns selbst umgehen würden? Wie würde unsere Welt dann aussehen?

Die SinnZeit als Initiationsraum für Mädchen

Der Übergang von der Pubertät zur jungen Frau/zum jungen Mann ist eine herausfordernde Zeit mit wesentlichen gedanklichen, körperlichen und emotionalen Veränderungen und damit einhergehenden Fragen und Unsicherheiten. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, war es in alten Kulturen üblich, weise Alte oder andere Vertraute als Begleiter für Jugendliche zu wählen und den Kontakt zur Natur zu stärken, um aus einer inneren Gewissheit heraus den eigenen Platz in der Gemeinschaft zu finden. Es ging darum, zu erfahren, was man kann und was man beitragen möchte. Da es hier und heute an geeigneten Orten, Umgebungen und Menschen fehlt, die diese Rolle übernehmen, ist die „SinnZeit“ entstanden. Jugendliche, die einen begleiteten Übergang ins Erwachsenenalter erfahren haben, durchlaufen einen aktiven Auseinandersetzungsprozess mit ihren Bedürfnissen, Gefühlen und ihrer Persönlichkeit innerhalb einer Gemeinschaft.

Dies trägt essentiell zur Findung und schließlich zur Stärkung der eigenen Identität und einem positiven Selbstwertgefühl bei. Sie erfahren etwas über unterschiedliche Lebensentwürfe, Lebenszyklen, Kulturen und erleben diese als natürliche Vielfalt, die unser aller Leben bereichert. Sie lernen den eigenen Körper kennen und auf dessen Bedürfnisse zu hören, lernen ihre Gefühle konstruktiv zu nutzen und Konflikte zu bewältigen. Das gestärkte Körper – bewusstsein führt dazu, dass die eigenen Grenzen schneller wahrgenommen und somit genauer kommuniziert werden können. In einem Zeitraum von mindestens einem halben Jahr haben sie sich als Teil einer Gruppe erfahren und werden angeregt, diese Kontakte als ein stabiles Fundament im Alltag zu nutzen, um sich gegenseitig weiterhin bei ihrer Entwicklung zu unterstützen. Ich selbst habe meine „Initiation“ im Erwachsenenalter bei ausgewählten Lehrerinnen als Teil meiner Heilungsreise nachgeholt.

Es ist mir ein Herzensanliegen, alles, was ich gelernt habe, weiterzugeben, damit junge Frauen eine Wahl haben, wie sie leben möchten, was sie erfahren möchten und was nicht. Dazu nehme ich mir mit meinem Unterstützer- Team mindestens ein halbes Jahr Zeit, um die Mädchen prozessorientiert zu begleiten. Das heißt, ich gebe keinen „Lehrplan“ vor, sondern wir beschäftigen uns immer genau mit dem, was gerade besonders wichtig und interessant für die Teilnehmerinnen ist. Ich und meine Helfer geben und halten einen liebevollen Raum für intensive Selbstwerdung und authentische Wahrhaftigkeit. Dieser Raum stärkt die Teilnehmerinnen in ihrer Selbstwahrnehmung und in ihrer Selbstbehauptung – die wichtigsten Instrumente für ein selbstbestimmtes und glückliches Leben.

Die Initiationsgruppe findet in Klein Jasedow auf der Campwiese und in der Umgebung statt. Auf Wunsch und einer Gruppe ab vier Mädchen auch in Berlin.

Author: Oliver Bartsch

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