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Jugendliche an der Schwelle zur Reife

Erwachsenwerden heißt nicht einfach Älterwerden. Es ist vielmehr ein Reifungsschritt hinein in einen neuen Raum von Verantwortung und Selbstachtung. Leider wird dieser Schritt in unserer Gesellschaft weder bewusst begleitet noch überhaupt vollzogen – vor allem darum, weil die meisten sogenannten Erwachsenen ihn selbst noch nicht bewältigt haben. Ein Plädoyer für eine vergessene Tradition von Shanti E. Petschel.

 

Unter einem bestimmten Blickwinkel könnte man meinen, Visionssuchen seien nur wieder ein weiterer Adrenalin-Kick in der Reihe der Sensationen für eine gelangweilte Gesellschaft. Aber genauso wenig, wie es sich dabei um ein reines Survival-Abenteuer mit esoterischem Anstrich handelt, sind sie weitere seltsame Varianten ausgeflippter Extremsportarten.

Tatsache ist: Die Praxis der Visionssuche ist uralt, möglicherweise so alt wie die Menschheit selbst. Wildnis ist als Katalysator und Entwicklungsraum für die Sinn- und Gottsuche immer geachtet und geehrt worden. Jesus Christus, Mohammed und viele andere Heilige und Meister der Weltgeschichte sind zum Fasten in die Wüste gegangen und durch Weisheit und Erkenntnis gestärkt, inspiriert und verwandelt zurückgekommen.

In den Märchen und Mythen der Völker findet sich das immer wiederkehrende Motiv von der Heldenreise. Da geht einer allein auf seinem Weg hinaus in die Wildnis seines Lebensabenteuers. Er muss das Vertraute und Schützende seiner Gemeinschaft, seiner Sippe oder Familie, auch seinen Stand und seine Vorstellungen von der Welt völlig hinter sich lassen. Wenn er den Dämonen und Mächten in der Dunkelheit des Waldes begegnet, muss sich zeigen, ob er bereit ist, für sich und sein Leben einzustehen und zu kämpfen. Nimmt er die Herausforderung an?

 

Seine Kraft finden

Im Ringen mit dem unbezwinglich erscheinenden Gegner findet für den erfolgreichen Helden die geheimnisvolle Kraftübertragung statt. Nun hat er das Monster besiegt oder zu seinem Verbündeten gemacht: Neue Kraft erfüllt ihn, hat ihn auf eine qualitativ höhere Ebene gehoben. Und vor allem: Im Kampf mit dem äußeren Ungeheuer hat er letztlich den inneren Schweinehund besiegt.

In unserer von numinosen, entmenschlichten Marktgesetzen bestimmten Kultur sind solche Initiationsriten entweder völlig verschwunden, zur Wirkungslosigkeit entwertet oder ganz der Eigeninitiative und -regie der Jugendlichen anheim gestellt. Oft werden sie als enteignete, den Marktzwecken dienende Surrogate vom Establishment missbraucht, wie zum Beispiel als Führerscheinprüfung, Erlaubnis Alkohol und Tabak legal zu konsumieren oder als Berechtigung zu heiraten und selbst Kinder in die Welt zu setzen.

Doch kaum eine Kultur der Erde hat je darauf verzichten können, ein wirkliches Ritual des Wandels für ihre Heranwachsenden bereitzustellen. Schon immer wurde das Erwachsenwerden als die wohl gravierendste Krise des menschlichen Lebens erkannt und folgerichtig als eine Reifungsphase, die von der Gemeinschaft mit größter Achtsamkeit und mitfühlender Unterstützung begleitet werden musste. Die Kulturen hatten dafür Institutionen und Zeremonien, die dem jungen Menschen halfen, die enormen Veränderungen in Körper und Geist verarbeiten zu können. Die innere Revolution, die sich in äußerer Rebellion zeigen muss, wurde so in einem Raum des Verstehens aufgefangen, integriert und sowohl für das Individuum als auch die Gemeinschaft nutzbar gemacht.
Dabei war von entscheidender Bedeutung, dass die Gemeinschaft daran Anteil nahm und den Erfolg des Initianten bestätigte und deutlich seine Wandlung als Tatsache anerkannte. Zu Ehren der neu Initiierten wurde ein opulentes Fest gefeiert, um sie als vollwertige, verantwortliche und anerkannte Mitglieder zu ehren und willkommen zu heißen.

 

Das Drama des Jugendkultes

Weil diese Voraussetzung für einen gänzlich vollzogenen Übergang ins Erwachsensein bei den selbst inszenierten Reifeprüfungen der Jugendlichen in unserem Kulturkreis heute weitgehend fehlt, steht die Entwicklung der Persönlichkeit an dieser so entscheidenden Stufe vor einem unüberwindlichen Hindernis und kommt ins Stocken.
Selbstgemachte Initiationsrituale von Jugendlichen versagen meist deshalb in ihrer Wirksamkeit, weil es an der Anerkennung durch die Gemeinschaft (früher: den Stamm, die Sippe), die Dorfgemeinschaft oder zumindest durch die Familie fehlt. Im Gegenteil: Die aufgrund fehlender öffentlich akzeptierter Alternativen gewählten Verfahrensweisen gehören in der Regel zum Bereich der Tabuthemen und der gesellschaftlich unerwünschten Verhaltensbereiche. Sie werden aus Unverstand mit Drohung, Sanktion, Liebesentzug, Isolation, Repression oder, was am schlimmsten ist, mit Gleichgültigkeit beantwortet.

Die hilflosen Versuche der Selbstinitiation lesen sich wie eine Liste der aktuellen „Jugendsünden“ der heutigen jungen Generation: ungezügelte Gewalt, exzessive Lebensführung, Auto-Wettrennen, Schusswaffengebrauch, unkontrollierter Umgang mit Alkohol, anderen Drogen und Gefahr, Extremsport und beziehungsloser Sex. Dies ist nur eine lückenhafte Aufzählung der nüchternen Realitäten, und sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

 

Imitationen unreifer Erwachsener

Was diese Vorgehensweisen auszeichnet? Es sind dies alles Imitationen des exzentrischen Verhaltens sich unreif gebärdender Erwachsener (die selbst beweisen wollen, dass sie erwachsen sind und vor nichts zurückschrecken…), sei es aus der direkten täglichen Anschauung gelernt oder abgeguckt von den fragwürdigen und halbseidenen Helden der Medien, des „Kintopp“ und des Fernsehens. Sie führen meist nicht zu einer Festigung des anstehenden Entwicklungsschrittes, sondern zu völlig unerwartetem und negativem Erfolg!

Die meisten dieser Versuche bringen eher zusätzliche soziale Verwicklungen, Repressionen und Blockierungen seitens der Gesellschaft, die den weiteren Entwicklungsweg des jungen Menschen nur behindern und unnötig erschweren. Soziale Isolation und Ablehnung, Bildung von Subkultur und Motivationsverlust sind mögliche und wahrscheinliche Folgen. Das Selbstwertgefühl wird geschwächt statt gefördert! Die Statistiken der Todesfälle durch Unfälle und Selbstmord unter jugendlichen Menschen sprechen eine erschreckend deutliche Sprache.

Die wachsende Gewalt in den Schulen, die Bildung von jugendlichen Banden an sozialen Brennpunkten, die zunehmende juvenile Kriminalität, Asozialität und geistig-seelische Verwahrlosung sind erschreckend. Die rapide schwindende Motivation für schulische Bildung, Berufsfindung und soziales Engagement bei Jugendlichen oder tragische Fälle von Amok laufenden Halbwüchsigen zeigen die gefährlich wachsende Orientierungslosigkeit und augenfällige Ausweglosigkeit in dieser Altersgruppe!

 

Angst vor den Jugendlichen

Als sekundäre Folge lassen diese Erscheinungen in der Gesellschaft eine Welle von Ressentiments und wachsende Angst vor der Jugend entstehen. Starr vor Schreck, wie das Kaninchen vor der Schlange, sitzt die Gesellschaft vor ihrer eigenen jugendlichen Zukunft und wünscht sich sehnlichst, dass dieses Phänomen einfach verschwinden, sich in Wohlgefallen auflösen möge.

Gleichzeitig aber huldigt sie einem Trugbild von ewiger Jugend als höchstem Ideal. Reife, Alter und Weisheit sind nicht mehr länger erstrebenswert. Es scheint den Erwachsenen nicht im Bewusstsein zu sein, dass die Heranwachsenden wohl kaum Lust verspüren dürften, in eine Gesellschaft von Kindern, die in erwachsenen Körpern „verkleidet“ leben,  initiiert zu werden. Wenn die „Erwachsenen“ durch unreifes Verhalten deutlich zu erkennen geben, dass Erwachsensein alles andere als erstrebenswert ist, wie können sie da erwarten, dass solch ein Status für die biologisch wirklich Jugendlichen attraktiv sein sollte?

Wenn soziale und ökologische Verantwortlichkeit sowie ethische Ernsthaftigkeit in der Welt der Erwachsenen durch Ellenbogenkultur und Egoismus ersetzt werden, wie sollen die jungen Menschen darin einen erfüllenden Platz für sich finden? Der ewige Jugendliche, der nie erwachsen werdende Verweigerer bestimmt mehr und mehr das Bild und lenkt die Geschicke der Welt als lässiger, cooler Dauergast der globalen Party!

Das Nicht-Erkannt-Werden im Bemühen um eine anerkannte Initiation führt in der Psyche der jungen Menschen zu einer tragischen Fehlentwicklung: Sie fühlen sich von der Gemeinschaft abgelehnt und in ihrem Reifungsbestreben verachtet. Daraufhin wenden sie sich von der Gesellschaft ab und kreieren konträr orientierte Subkulturen, stellen sich gar in bewussten Gegensatz zu allen Werten und Gesetzen der Gesellschaft, die ihnen signalisiert, dass sie keine Verwendung für sie hat! So wird ein durchaus wichtiger und wünschenswerter Prozess der Entwicklung von Eigenständigkeit in sein genaues Gegenteil verkehrt.

 

Kreatives Potential der Gesellschaft bleibt ungenutzt

Keine Gesellschaft kann es sich auf Dauer leisten, ihr eigenes kreatives Potential, das in der jungen Generation schlummert und für das Blühen und Gedeihen der Gemeinschaft gebraucht wird, so achtlos zu verwerfen.

Stimmt es nicht nachdenklich, wenn wir sehen, mit welcher Unfähigkeit zur Selbstreflexion die Generation der Eltern und Großeltern diesen Fakten gegenübersteht? Sie versucht sie statt dessen als pathologische Randerscheinungen oder pankulturelle Auswüchse abzutun. Sie schafft dabei Distanz zwischen sich und der Jugend, ein Beispiel, wie eine gesellschaftliche Gruppe als Sündenbock für eigene Versäumnisse definiert wird.

Die Kontrolle über diese Phänomene haben wir anscheinend längst völlig verloren. Das wäre aber kein Nachweis der Bösartigkeit, Unfähigkeit oder Widerborstigkeit der Jugend, sondern verdeutlichte nur, dass wir durch unser eigenes Weggehen und Wegsehen unseren Kindern kaum je geholfen haben, die schwierige Schwelle zum Erwachsenwerden mit Erfolg zu überwinden. Aber können wir denn überhaupt wirksam helfen, wo wir doch selbst nicht in das Erwachsenenleben initiiert sind? Ist es nicht eine logische Folge, dass wir nun in einer Gesellschaft leben, die von kindlichen Verhaltensweisen geprägt ist?

So berichten übereinstimmend Leiter von Visionssuchegruppen, dass der Großteil der Teilnehmer im Alter zwischen 35 und 50 durch Initiationsrituale geht, um endlich für sich selbst eine reale Schwellenprüfung zu absolvieren. Sie wollen den Durchbruch zu einer tief empfundenen und würdigen Eigenständigkeit schaffen und sich selbst in ihrer inneren höchsten Instanz als reif und ganz erleben.

Wie sozial-psychologische Forschung zweifelsfrei erwiesen hat, sind Menschen, die in frühen Entwicklungsstufen verfangen sind und nicht durch den Prozess der Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit bzw. ihrer eigenen Werte vorgedrungen sind, leichter lenk- und verführbar: klassische Opfer. Für das Gedankengut von Demagogen und  Sekten, die Illusion der virtuellen Welten und den scheinbaren Ausweg durch die Pforten des Drogenkonsums sind sie leicht erreichbar. Nur wer seine Reife im offenen und konfliktbereiten Wachstumsprozess erworben hat, kann zu einer diesbezüglich immunisierenden Klarheit finden.

 

Ehrliches Interesse

Wer mit Jugendlichen heute ins Gespräch über VisionsSuche und andere Initiationsrituale kommt, trifft fast immer auf reges Interesse: Schulklassen erarbeiten das Thema im Ethikunterricht, befragen die Weltliteratur nach Geschichten und Poesie zum Thema. Sie sind geneigt, Sinn und Zweck einer solchen Praxis sehr genau und kritisch zu hinterfragen, erkennen aber meist die Wichtigkeit derselben sehr schnell.

Und sie sind bereit, eigene Erfahrungen zu machen: „Ich konnte es kaum erwarten vom Berg hinabzusteigen. Ich konnte jetzt meinem Wert für mich und für die Menschheit erkennen und stolz auf mich sein. …und jeder einzelne Mensch ist ein Geschenk, das gewürdigt und respektiert werden soll. Die drei Tage völliger Ruhe haben mir auch in meinem Alltagsleben mehr Ruhe und Gelassenheit geschenkt, die ich jetzt völlig genießen kann. Die Beziehungen zu meinen Mitmenschen scheinen viel tiefer und offener zu sein als bisher. Auch habe ich eine tiefe Zufriedenheit und großes Glück in mir selbst wahrgenommen und vor allem die Erkenntnis keinen anderen Menschen zum Glücklichsein zu brauchen. Meinem Selbst bin ich ein wesentliches Stück näher gerückt und jeder Schritt nach innen und näher zum Wesentlichen bringt einen auch dem anderen Menschen näher, da das eigentliche Sein nicht im einzelnen Individuum steckt, sondern in der Einheit von allen.“ Kathi, 17 (!!!) Jahre.

Über den Autor

Avatar of Eberhard Petschel

(61) ist internationaler Seminarleiter und Begleiter in Lebenskrisen, Künstler und Autor, ausgebildet in Heil-pädagogischer Praxis und Körpertherapiemethoden. Er leitet VisonQuest-Gruppen für Jugendliche und Erwachsene und ist Ausbilder für Initiations­mentoren.

Mehr Infos

Literatur
Shanti Petschel: Reife­prüfung Wildnis – end­lich erwachsen werden, Arun-Verlag, 2010
Franz P. Redl: Übergangsritualte – Visions­suche, Jahresfeste, Ar­beit mit dem Medizin­rad, Drachen-Verlag, 2009

3 Responses

  1. Michael Mayer

    Sehr geehrte Frau Breuer, sehr geehrte Frau Schätzle,
    ich habe als Jugendlicher selbst eine Visionssuche außerhalb von Deutschland gemacht, insofern ist der Standort des Anbieters nicht unbedingt entscheidend.
    Aber hier ist ein sehr zu empfehlender Anbieter für Erwachsenen- und Jugendvisionssuchen in Mitteldeutschland (Eschwege/Hessen):
    http://www.eschwege-institut.de/seminarinformationen.html

    Ebenfalls in Mitteldeutschland (Darmstadt/Hessen) gibt es jeweils für Jungen und Mädchen getrennte Visionssuchen:
    http://www.almagraf.de/content/initiation/initiation.html

    In Bremen könnten Sie sich an Reinhold Schäfer wenden, evtl. kann er Ihnen mit Adressen für Jugendvisionssuchen in Norddeutschland weiterhelfen:
    http://www.reinhold-schaefer.de/de/maenner-initiation/kernseminare/maennerquest.html

    Herzliche Grüße,
    Michael Mayer

    Antworten
  2. Jessica Breuer

    Sehr gehrter Herr „Shanti“ Eberhard Petschel ,

    auf Ihre Seite hat mich meine Mutter aufmerksam gemacht .
    Es geht um meinen 12 jährigen Sohn , der nun in der Selbstfindungsphase ist ( Putertät ) .
    Wo halt Erwachsene schwierig werden .
    Wir leben in Niedersachsen – Ganderkesee ( Raum Oldenburg – Bremen ) .
    Könnten Sie mir bitte weiter helfen und mir Infos zukommen lassen wie ich meinem Sohn unterstützen könnte mit meinem Körper und seiner Seele wieder im Einklang zu kommen .

    Vielen lieben Dank für Ihre Arbeit und Mühe .

    In lieben Gruß

    Jessica Breuer

    Antworten
  3. christine schätzle

    Sehr geehrter Herr Eberhard Petschel,

    auf der Suche nach Initiationsriten / Erdung und Seinen Weg Suchen für einen Jungen habe ich Ihren link gefunden.

    Wir leben in Niedersachsen.

    Ich möchte Sie um die Inforrmaton bitten, ob Sie in Deutschland gute Adressen kennen für Initiationsriten, Wochenendcamps und Ferienangeboten für Jungen , 12 Jahre und älter,
    Auch wollte ich Sie bitten, mir Info zuzusenden Sie oder in Ihrer Umgebung etwas angeboten wird diesbezüglich.

    Herzlichen Dank und

    freundliche Grüße

    Christine Schätzle

    Antworten

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