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Schneller, weiter, höher, besser – das wird von deutschen Schülern nach den blamablen Ergebnissen der PISA-Studie verstärkt gefordert. Doch führt Lernen unter Druck wirklich zum Erfolg? Vera Kaltwasser zweifelt es an. Sie hat in einem Pilotprojekt mit Schülern stattdessen Achtsamkeit trainiert und Inseln der Ruhe etabliert.

 

Die Forderungen nach Effizienz, Überprüfbarkeit und Objektivierbarkeit der Leistungsmessung, die als Reaktion auf die PISA-Studie allerorten erhoben wurden, sind erstaunlich zügig umgesetzt worden.
Leider bewirkt die derzeitige Ausrichtung auf abfragbares Wissen und die Notwendigkeit, prall gefüllte Lehrpläne abzuarbeiten, dass all die Bereiche des Lernens, die angewiesen sind auf Langsamkeit, Behutsamkeit, ja Besinnlichkeit und Sinnlichkeit, zunehmend vernachlässigt werden – obwohl sie dringlicher denn je mit einbezogen werden müssten. Die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr ohne ausreichende Förderung von Schülern, die ein langsameres Tempo vorlegen, bedeutet auch für Lehrer und Eltern zusätzlichen Stress.

 

Reizüberflutung contra Besinnung

Kinder und Jugendliche sind einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt: Kopfhörer im Ohr, Handy oder Joystick in der Hand, den Blick auf den Bildschirm gerichtet, im Mund einen Lutscher – das ist leider keine Karikatur. All diese Reize erzeugen im Gehirn neuronale Muster, die umso fester gewebt werden, je öfter die entsprechenden Situationen erlebt werden. Ein Leben ohne iPod und all das andere technische Gerät erscheint manchem Jugendlichen undenkbar, und die Werbung tut das ihrige dazu, damit dies auch so bleibt.

Dies soll keine wohlfeile Technologie-Schelte sein, denn schließlich gibt es bei allen Geräten einen Aus-Knopf – nur den zu bedienen ist nicht so leicht, wie es scheint. Das Gespür dafür, dass Ruhe wohltuend sein kann, dass die ständige Musikberieselung ein Stress-Faktor ist, dass das ständige, achtlose Essen nebenbei dem Körper schadet, dass die brutalen Settings der Computer-Spiele verrohen – dieses Gespür fehlt. Es kann aber nur entstehen, wenn Raum für Be-Sinnung gegeben wird, wenn die Erkenntnis, wie eng Körper und Geist verwoben sind, praktisch umgesetzt wird.

Eine Ausbildung der Persönlichkeit, die nicht den Körper, die Emotionen und Gefühle mit einbezieht, die ja auch im Körper verankert sind, greift darum zu kurz. Der engen Wechselwirkung zwischen Körper und Geist wird in der Schule wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei hat sich inzwischen in vielen Studien erwiesen, dass körperorientierte Verfahren bei der positiven Beeinflussung körperlicher wie auch psychischer Stress-Sypmptome sehr wirksam sind.

 

Achtsamkeitsphasen im Unterricht

Kinder und Jugendliche brauchen eine kontinuierliche Begleitung beim Erwachsenwerden, besonders bei der Einübung von Impulskontrolle und Emotionsregulation. Deshalb bietet es sich an, in den täglichen Schulunterricht Achtsamkeitsphasen einzuflechten. So entstehen Inseln der Ruhe, die zur Selbstbesinnung und Selbstwahrnehmung einladen. Ich habe dazu ein Konzept entwickelt, das ich Lehrerinnen und Lehrern in Fortbildungen vermittele. Die Resonanz ist sehr ermutigend. Viele berichten, wie wohl ihnen selbst diese Stille tut und wie aufgeschlossen Kinder und Jugendliche dafür sind.

In einem Pilotprojekt habe ich vor fünf Jahren an einem Frankfurter Gymnasium zwei Jahre lang Achtsamkeitsphasen in den Unterricht integriert. Die in dem Pilotprojekt beobachtete Klasse zeigte im Vergleich mit den Parallelklassen überzeugende Verbesserungen bei der Konzentrationsfähigkeit der Kinder, bei ihrer Fähigkeit, die Emotionen zu regulieren und ihre Impulse zu kontrollieren.

In den Unterricht wurden Phasen der Stille eingeflochten, in denen die Schüler lernten, im entspannten Sitzen auf den Atem zu achten und die Instanz des „inneren Beobachters“ auszubilden, das heißt, Gedanken, Gefühle und Körperwahrnehmung zu registrieren, aber sie weiterziehen zu lassen und immer wieder zum Atem zurückzukehren. Mit der Zeit wurden die Übungsphasen immer ausgefeilter. So kam die Bauchatmung dazu, dazu wurden QiGong-Übungen im Sitzen und Stehen gemacht.

Die Achtsamkeitsphasen haben einen ritualisieren Ablauf, sie unterscheiden sich allerdings in Länge und Intensität je nach den gegebenen Rahmenbedingungen. Integraler Bestandteil ist ein anschließender Erfahrungsaustausch. Indem die Schüler in regelmäßiger Übung lernen, zum Beispiel ihr inneres Selbstgespräch zu beobachten, verstehen sie auch, was mit dem Grundsatz des „Nicht-Wertens“ gemeint ist. Sie lernen ihr ständiges inneres Selbstgespräch wahrzunehmen und Gedankenspiralen zu unterbrechen. Die inneren Stressoren sind ja meist viel wirkmächtiger als die äußeren. Inzwischen ist ein ausgefeiltes Konzept (AISCHU) entstanden, das Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Unterricht einsetzen können.


Abb.: © vsurkov – Fotolia.com

Mehr zu meinem Konzept AISCHU „Achtsamkeit in der Schule“, zu konkreten Umsetzungsbeispielen und den theoretischen Voraussetzungen aus der Lernforschung in dem Buch „Achtsamkeit in der Schule“, Beltz 2008.

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