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SEIN: Du kandidierst für die Bürgerinitiative „Bedingungsloses Grundeinkommen“ als Direktkandidat in Mitte. Was ist denn deine persönliche Bindung zum Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“, wie bist du dazu gekommen?

Ralph Boes: Ich habe immer sehr stark den Zwist zwischen Geldberuf und meinen eigenen geistigen Intentionen erlebt und habe eigentlich immer doppelt gearbeitet. Ich habe Nachtwache im Krankenhaus gemacht, und die freie Zeit, die dadurch entstand, habe ich für Geistesschulung genutzt.  Geistesschulung heißt, sich in die Welt der Phänomene zu vertiefen und das Denken und das Wahrnehmen üben. In einer Arbeitsgemeinschaft für Geistesschulung in Berlin wurden schon lange soziale Themen durchgearbeitet, und wir hatten eigenständige  Ideen ins Internet gesetzt, bis wir von dem Impuls von Götz Werner hörten. Das hat uns umgehauen! Und dann war ich bei einem Vortrag von Götz Werner, und danach standen da drei Studenten, die sagten, wir gründen eine Bürgerinitiative, und da hab ich gesagt, nicht ohne mich! Seitdem war ich dabei und leite jetzt diese Bürgerinitiative seit drei Jahren.

SEIN: Hast du einen besonderen Bezug zu Götz Werner und seiner Idee und der Art der Umsetzung des bedingungslosen Grundeinkommens, kannst du damit konform gehen?

Ralph Boes:
Sein positives Menschenbild, das ihm immer angelastet  wird – dahinter stehe ich total.  Ich denke, dass jeder, der in eine entsprechende Situationen kommt, etwas Positives leisten kann und eigentlich auch will. Was heute als Negativerscheinungen zu sehen ist, laste ich zum großen Teil dem herrschenden System an. Das könnte man tatsächlich ändern. Was mich sehr mit Götz  Werner verbindet, ist, dass er Grundeinkommen als klassische Win-Win-Situation für Arbeitnehmer und Arbeitgeber auffasst und keine  Kampfsituation daraus macht.  Das unterscheidet ihn von Herrn Althaus von der CDU in Thüringen. Da haben die Unternehmer alle Vorteile in der Hand und die Arbeitnehmer müssen sich strecken. Und bei den Linken ist es  umgekehrt, die würden gerne für die Arbeitnehmer eine Stärkung rausholen und eher die Arbeitgeber belasten. Wenn man Grundeinkommen einmal prinzipiell begriffen hat, dann sieht man, das ist eine Win-Win-Situation. Deswegen bin ich auch froh in Berlin-Mitte zu kandidieren, weil dieser  Wahlkreis alles beinhaltet: wirklich starke Geschäftsviertel wie Mitte und Arme-Leute-Viertel wie im Wedding. Natürlich gibt es die Frage des Finanzierungssystems, die stark umstritten ist. Es gibt diese negative Einkommenssteuer, die bei den Linken und bei der CDU interessanterweise vertreten wird. Ich muss sagen, soweit ich Götz  Werner verstanden habe, finde ich sein Modell der Finanzierung besser.


SEIN: Also die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens über die Konsumsteuer?

Ralph Boes: Ja, über die Konsumsteuer – da wird tatsächlich das Arbeiten entlastet.  Die Dinge kosten am Ende nicht mehr als heute. Und insofern finde ich das besser.

SEIN: Wie siehst du denn die Zeitschiene der Umsetzbarkeit? Konkret hieße das  eine Angleichung der Mehrwertsteuersätze innerhalb der EU. Da wir keine nationalen Grenzen mehr haben, ist ja wohl auf nationaler Ebene nicht zu denken. Wenn, dann müsste  es ja auf EU-Ebene umgesetzt werden, oder siehst du eine Konsumsteuerfinanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens innerhalb Deutschlands ohne die EU?

Ralph Boes: Wir haben auf allen Ebenen eigentlich das Problem, dass die herrschenden Strukturen sich immer mehr verhärten und den echten  Bedürfnissen nicht mehr entsprechen. Ich kann mir die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens in der herrschenden Gesetzeslage  nur schwer vorstellen. Auch durch Europa kommt noch mal ein extremer Verkarstungsprozess, so dass man nur noch wenig wandeln kann. Also: Einer muss anfangen, und dann ziehen die Anderen nach. Und das ist wirklich ein Willensentscheid. Ich sehe es nicht mehr als einen Konsensentschluss innerhalb von Europa.


SEIN: Also geht es dir erst mal nicht um eine konkrete Strategie für die direkte Umsetzung des bedingungslosen Grundeinkommens, sondern eher darum, Menschen aufzuklären über die Möglichkeiten und Chancen, die darin liegen. Aber die Frage der Finanzierung wird ja immer wieder kommen.


Ralph Boes:
Ich finde das Konzept der Konsumbesteuerung sehr gut. Wobei ich  mich politisch nicht festfahren  lasse, sollte ich mal im Parlament sein, dass ich sage:  „Ohne Konsumsteuer geht es bei mir nicht“. Diese Streitereien sind im Angesicht dessen,  worum es im Grunde geht, marginal, das kann man im Nachhinein noch nachbessern. Ich finde, dass der Gedanke  des bedingungslosen Grundeinkommens an und für sich erst mal in die Welt kommen muss. Ich bin kein Finanzexperte, habe mein Wissen nur aus Kursen, die ich mitgemacht habe, und es wäre vermessen, allzu stark in dieses Gebiet vorreiten zu wollen. Aber ich halte es auch für möglich, dass man andere Besteuerungen mit dazu zieht, soweit sie nicht an den Kunden weiterzugeben sind. Das ist für mich ein wichtiges Argument. Betriebssteuern werden vom Betrieb als Kosten gerechnet, die zahlt dann praktisch immer der Kunde – solche Steuern wären also Unsinn. Aber einfache Vermögenssteuern könnte ich mir vorstellen. Und bei der Besteuerung von Aktiengeschäften ist unglaublich viel notwendig, auch zum Heile der Wirtschaft.

SEIN: Die Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens sind ja nicht nur im Lager der Konservativen zu finden, sondern auch beispielsweise bei den Grünen. Ich kann mich an einen Diskussionsbeitrag von Fritz Kuhn erinnern: „Wer essen will, der soll auch arbeiten“. Fakt ist aber auch, dass die Arbeit immer weniger wird und uns die Arbeit ausgeht. Durch die zunehmende Roboterisierung werden immer weniger Menschen in Lohn und Brot zu bringen sein. Da wäre das bedingungslose Grundeinkommen eine logische Antwort.


Ralph Boes:
Ich sehe es so: Wir haben technisch unwahrscheinliche Innovationskräfte wirkend und permanent neue Produkte, die die Arbeit wirklich erleichtern. Das ist ja der Sinn der Technik. Das Sozialsystem ist mit den Innovationen überhaupt nicht mitgekommen. Und heute kämpfen die politischen Parteien, die für Vollbeschäftigung eintreten, gegen den Innovationsimpuls in der Wirtschaft. Selbst die CDU kann nicht mehr wirklich für die Wirtschaft sprechen, weil sie immer sagt, bitte bremst die Innovationen und beschäftigt möglichst viele Leute. Kein Zahnpastaproduzent ist daran interessiert, viele Leute zu beschäftigen – der Unternehmer will mit geringstem Aufwand maximale Effizienz. Und in der Art geht da alles durcheinander. Ich denke, dass das bedingungslose Grundeinkommen die Antwort auf die technische Entwicklung ist. Jede technische Entwicklung entlässt den Menschen auf der einen Seite von der Arbeit, dafür wird er für andere Arbeitsfelder frei. Ich bin gar nicht dafür, dass man sagt, Grundeinkommen löst das Arbeitslosenproblem dahingehend, dass man nicht mehr arbeiten muss. Man wird plötzlich tausende Möglichkeiten von Arbeiten sehen, die vorher einfach nicht gesehen worden sind weil man keine Freiheit hatte, sie zu sehen. Und tausende von Innovationsideen werden kommen, die man sich heute gar nicht in die Welt zu bringen traut, weil man das überhaupt nicht finanzieren kann, solange man seinen Lebensunterhalt damit verdienen muss. Also: Ich sehe Grundeinkommen eigentlich als ein Arbeitsmotivationsprogramm und nicht als ein Programm, um alle Leute gewissermaßen glückselig in die Arbeitslosigkeit zu entlassen.

SEIN: Wie könnte man den typischen Grundeinkommens-Interessenten beschreiben?

Ralph Boes: Ich glaube, wenn man es verstanden hat, müsste sich jeder dafür interessieren, selbst die Wirtschaft. Ich will das mal ganz vorsichtig sagen :
Nach Grundeinkommen ist der Arbeitgeber nicht mehr für die Lebensgrundhaltungskosten seiner Arbeitnehmer zuständig. Das bringt natürlich manchen in Harnisch, wenn so etwas gesagt wird – Aber man muss endlich verstehen: Mit Einführung des Grundeinkommens ist niemand mehr für die Lebenshaltungskosten von niemandem zuständig. Die schenkt sich die Gesellschaft. Ich bin nicht für meine eigenen zuständig, nicht für die meiner Frau, wir als Eltern nicht für die des Kindes. Die Lebensgrundhaltungskosten schenkt sich die Gesellschaft durch das Grundeinkommen selbst. Und genau in dem Maße, wie alle von der Aufbringung dieses Einkommensteiles befreit werden, wird auch der Arbeitgeber davon befreit. Das ändert die Lohndebatte gewaltig. Es wird nie mehr darum gehen: Wie viel Lohn musst du haben, damit du bei mir arbeiten kannst? Diese Frage ist gestorben nach dem Grundeinkommen – man hat ja sein Geld für sein Leben. Aber die andere Frage taucht auf, dass man fragt: Sag mal, wir arbeiten hier zusammen. Wie hoch ist denn der Gewinn unserer Zusammenarbeit, und wie wird denn der anständig aufgeteilt?
Da sehe ich in Zukunft übrigens die Aufgabe für die Gewerkschaft. Die Frage, wie der Gewinn verteilt wird: Wie viel geben wir dem Chef und wie viel geben wir der Putzfrau, – diese Frage bleibt weiterhin bestehen. Und da braucht es das ganze sensible Sensorium von denen, die dazu ausgebildet sind.

SEIN: Es gibt ja noch andere Ideen, um den ganzen Arbeitsmarkt zu entlasten und  humaner zu gestalten. Eine Idee, die sehr stark den Ruf nach einem bedingungslosen Grundeinkommens entschärfen könnte, ist die Forderung nach der Abschaffung der Zinswirtschaft.

Ralph Boes: Als die Weltwirtschaft jetzt anfing zu wackeln, hatte ich plötzlich das Gefühl, solange ich nur über das bedingungslose Grundeinkommen rede, rede ich wie über die Einrichtung eines Hauses, aber das Haus ist insgesamt am Zusammenfallen. Also haben wir das erweitert zu dem Thema der ganzen Weltwirtschaft, und da ist uns das Zinssystem als Thema mit seiner Problematik erst bewusst geworden. Wir haben dazu Professor Bernd Senf eingeladen, bei uns Vorträge zu halten, die wir dann ins Netz gestellt haben. Sie sind über hunderttausend Mal heruntergeladen worden. Ich will mal sagen, es ist notwendig, das Zinssystem zu regeln, alleine auch aus dem Grunde: Grundeinkommen kann viel billiger sein, wenn man mit Zinsen anders umgeht, denn jeder, der Grundeinkommen hat und das verkonsumiert, zahlt immer die Zinsen mit, die auf den Produkten liegen. Man kann das Grundeinkommen runterfahren, wenn man die Zinsen runterfährt. Also: Ich denke, das ist sinnvoll, aber man kann Grundeinkommen auch noch anders einführen – die Entschärfung des Zinssystems ist nicht eine notwendige Bedingung für die Einführung des Grundeinkommens.

Aber dass das Finanzwesen als solches repariert wird, finde ich absolut wichtig. Auch das Thema, die Geldschöpfung  in öffentliche Hand zu legen und nicht zum Großteil in der Hand von  Privatbanken zu belassen – das finde ich äußerst wichtig. Prof. Joseph Huber aus Halle vertritt da ja äußerst interessante Ideen. Und wenn ich im Bundestag sein sollte – was ja doch durchaus passieren könnte, wenn die Welt noch ein bisschen wackelt und mithilft -, dann würde ich auf jeden Fall dafür sorgen, dass diese Experten, die bisher aus dem Bundestagsgeschehen völlig ausgeschlossen sind, dort auch Gehör finden können.

SEIN: Wie ich heraushöre, bist du ja noch in anderen Themen zu Hause.
Magst du uns erzählen, was dich sonst noch bewegt?

Ralph Boes: Mein Spezialgebiet ist Geistesschulung. Geistesschulung kann man auf allen Gebieten machen. Im Bereich der Politik heißt Geistesschulung, sich in den Standpunkt des Gegners zu vertiefen. Und zwar so tief, bis man die Welt aus dessen Augen sieht – selbst das aus dessen Augen sieht, was man selber will. Da wird man erst verständig für den Anderen und gesprächsfähig, sieht Abgründe an sich selbst und am Anderen, die man vorher nicht geahnt hätte – und wenn das wechselweise geübt wird, ergibt sich eine ganz neue politische Kultur.

Bei Geistesschulung in der Bürgerschaft ist die Frage: Wie bringt man es dahin, dass die Bürger nicht entmündigt werden? Bürger werden als Wahlvieh missbraucht, einmal in vier Jahren, kriegen lauter Bonbons  hingelegt und werden mit Versprechungen vertröstet, die dann am Ende hinten und vorne nicht stimmen. Ich habe mir die Frage gestellt: Wie kann man das grundsätzlich auflösen? Ich bin ein parteifreier Kandidat, ich habe keine Partei im Hintergrund, die mir Vorschriften macht. Ich kann wirklich auf die Bürger zugehen und sagen, wir machen Gespräche über alle Dinge. Ich bin nicht der Leiter der Gespräche, das habe ich an Fremde “outgesourct”, und die sorgen dafür, dass ich auch nur Bürger unter Bürgern bin. Ich kann in diese Gespräche auch “feindliche” Politiker einladen. Und in diesen Gesprächen wird man lernen – darauf sind die Leute, mit denen ich da kooperiere, spezialisiert -, dass man die gegenläufigsten Standpunkte vollständig wahrnimmt, dass man dadurch in seinem eigenem Denken tiefer kommt, dass man das Fremde nicht als feindlich betrachtet, sondern als Vertiefung oder Denkanregung sieht. Und dann werden die Gespräche so geleitet, dass immer mehr Willensbildung möglich wird in der Gemeinschaft – also nicht Überrumpelung und Überstimmung von Leuten, die anderer Meinung sind, sondern in der Gemeinschaft eine Willensbildung. Und dadurch könnte in Berlin-Mitte  eine ganz neue Art von Selbstbewusstsein auftauchen. Das können große Gespräche sein, mit vielen Beteiligten. Und dann wird es so sein, dass die Bürger, die da mitgemacht haben, untereinander Kontakt aufnehmen können, weil sie wissen, woran sie arbeiten – neue Impulse ergreifen, selbständig arbeiten, wie auch immer. Und wenn ich ins Parlament gehe, dann weiß ich, was in Berlin-Mitte alles Neues erfunden – nicht nur gedacht und erlitten, sondern erfunden worden ist. Berlin-Mitte ist dann gewissermaßen meine Partei – “Think Tank Berlin-Mitte” (lacht).

SEIN: So einen Wahlkampf führt man ja nicht alleine. Wer unterstützt dich denn dabei?

Ralph Boes: Ich bin gar nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen. Hier waren Leute von Willi Weise, die haben uns um Unterstützung gebeten. Willi Weise steht auch für Grundeinkommen, aber nicht in ganz reiner Form. Und während die das so erzählten, wurde ich von den Freaks meiner Gemeinschaft angestrahlt. Und ich frage: „Was grinst ihr denn so?“ Und die sagen: „Das wär doch was für dich!“ Und dann sag ich: „Na um Gottes Willen! Das Parlament ist der Ort, wo man mit dem größten Aufwand am wenigsten bewegt. Weil keiner wirklich was hören will. Was will ich da als Kandidat?“ Das war so meine erste Reaktion, und es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich an den Gedanken Schritt für Schritt gewöhnt habe. Wir machen das jetzt, ich werde unterstützt von einer Bürgerinitiative, die recht groß ist. Wir haben 800 oder 900 Mitglieder, aber man müsste jeden Tag neu zählen, in ganz Deutschland, wenn man es genau wissen will. In Berlin gibt es eine starke Gruppe – eine sehr starke Gruppe, muss ich betonen. Das ist die eine Stütze, und dann natürlich noch die ganze Grundeinkommensbewegung. Das sind Leute aus ganz Deutschland  bis runter in die Schweiz, die unterstützen das auf ihre Weise mit. Also, ich bin nicht alleine.


SEIN: Wie viel Prozent werden das wohl sein, die sich für dich und das Thema Grundeinkommen interessieren?

Ralph Boes: Da bin ich sehr gespannt. Wenn ich jetzt durch die Stadt fahre, sprechen mich schon manchmal Leute an. Wenn ich allerdings an der Müllerstraße stehe und versuche die Leute anzusprechen, da haben vielleicht zwei von hundert das Wort Grundeinkommen überhaupt schon mal gehört. Und die gucken einen an, wie wenn man verrückt wäre, wenn man sagt „tausend Euro für jeden“ oder ähnliches. Und da müssen wir noch gewaltig ranackern, bis der Gedanke auch in diesen Kreisen langsam zieht.

SEIN: Wie siehst du deine Chancen, bei den Menschen anzukommen?
Die Medien werden dich ja nicht großartig unterstützen, oder rechnest du damit?

Ralph Boes: Bei Susanne Wiest, bei der Petition für BGE, da waren am Anfang lange Zeit nur ganz wenige Stimmen, dann zog es langsam an und ging gegen Ende sehr steil nach oben. Es könnte in dieser Richtung eine Bewegung sein – dass die Menschen irgendwann aufwachen und sagen „So geht’s nicht! Wir werden hier schon lange genug veräppelt.“ Das ist meine stille Hoffnung. Ansonsten ist es so, dass die Presse anfängt, sich für uns zu interessieren. Noch nicht die große Presse – das ist eine andere Geschichte. Aber wir sind durch die Bundesagentur für Einkommen, die wir ja gegründet haben, mit den Anträgen für BGE natürlich schon sehr provokant aufgefallen. Und wenigstens mein Name ist insofern bekannt, und die gucken auch immer schon mal, was bei uns passiert.

SEIN: Findest du, dass die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens aus der Mehrwertsteuer, also dem Konsum mit entsprechendem Ressourcenverbrauch, nicht auch ein kräftiges Gegenargument ist?

Ralph Boes: Ich hatte auch erst das Problem, denn wenn man sagt, das soll durch Konsumsteuer finanziert werden, dann stellt man sich vor, das wird desto besser finanziert, je mehr konsumiert wird. Und das treibt den Konsumwahn in die Höhe. Aber inzwischen denke ich darüber anders, denn wenn man sich die Lebensbedingungen mit bedingungslosem Grundeinkommen anguckt, dann sieht man, dass ganz besonders Dienstleistungen dadurch erleichtert werden. Weil man die Lebensgrundhaltungskosten eines Menschen nicht mehr finanzieren muss. Das heißt, überall, wo viele Menschen arbeiten, im Dienstleistungsgewerbe zum Beispiel, sinken die Gesamtkosten besonders stark. Wo Maschinen arbeiten, passiert das weniger, weil da die Lohnkosten keine Rolle spielen. Es wird auf dem Sektor der Dienstleistungen sehr viel mehr Konsum entstehen. Das betrifft aber Kultur, Kunst, Weiterbildung, Ausbildung, Altenpflege Krankenpflege usw. Hier kann man sich vorstellen, dass der Konsum wesentlich höher ist. Das hat auch den Vorteil, dass selbst wenn jemand nichts dazuverdient, er trotzdem eine wesentlich höhere Kaufkraft hat, weil ringsum die Dienstleistungen sehr viel billiger werden. Und das ist ein Phänomen, das aus meiner Sicht gegen Konsumwahn spricht. Das Wort Konsumwahn bezieht sich ja mehr auf Technologisches. Diese Sachen bleiben ja mindestens so teuer, wie sie heute sind, wenn sie nicht sogar etwas teuer werden, weil dort Steuern hinzukommen und die Senkungen bei den Sozialkosten in der Produktion gar nicht so stark auffallen. Etwas anderes tritt aber noch auf: Es rentiert sich plötzlich wieder etwas zu reparieren. Das ist ja auch eine Dienstleistung, und wenn die signifikant billiger ist, dann kann man wieder anders produzieren. Man kann sich dann eine teurere Waschmaschine durchaus noch leisten, wenn die dafür dreißig Jahre hält, grob gesagt. In diese Richtung wird sich der Konsum verschieben, von technischer Ware zu Dienstleistungen. Und das ist meines Erachtens ein positiver Aspekt.


SEIN: Man könnte ja davon ausgehen, dass das BGE ganz neue Dynamiken in Gang setzt – dass Menschen Arbeiten verrichten, die eigentlich früher ganz selbstverständlich waren, wie zum Beispiel sich einen eigenen Garten anzulegen oder mit anderen Menschen so ein Projekt zusammen zu betreiben.

Ralph Boes: Ja! Man muss ja nur im niedersten Fall die Betriebskosten decken. Man kann seine Dienstleistungen oder seine Waren für Preise anbieten, die heute gar nicht denkbar sind, weil man nicht mehr seinen Lebensunterhalt davon  mit-finanzieren muss. Dadurch wird es Innovationen geben – es übersteigt unseren heutigen Horizont, was da alles möglich ist. Linux arbeitet heute auch schon so und viele andere Opensource-Bewegungen. Und die sind höchst innovativ und außerordentlich kompetent und unter Umständen kompetenter als das, was die großen Industriekonzerne hervorbringen. Da sieht man die Modelle der Zukunft: Wie die Menschen zusammen arbeiten werden, wenn sie frei arbeiten. Und diese Freiheit wird ihnen durch Grundeinkommen gegeben.

Es gibt noch ein anderes wichtiges Argument für Grundeinkommen, und zwar aus der Religion. Die katholische Religion – wenn man von außen drauf guckt und auf Grundeinkommen, kann man sagen, die sind zunächst gegenläufig.
Katholische Religion heißt: Dienen und Gehorsam, bis hin zur Unterwerfung. Grundeinkommen heißt: Selbstständig, frei, eigenverantwortlich sein. Das ist genau das Umgekehrte. Da kann man sagen: um Gottes Willen, wie wollen die sich je verstehen? Ich bin letztens von einem Reporter gefragt worden: “Sagen Sie mal, Herr Boes, ist es nicht unanständig, Leuten Geld zu geben, bevor sie arbeiten?“ Da habe ich gesagt: „Ist ihnen schon aufgefallen dass es auch unanständig ist, Erwerbsarbeit zu machen?“ Dann sagte er: „Nein, wieso denn das?“ Da meinte ich: „Ja, wenn ich Lehrer bin und arbeite in der Schule nur noch deshalb, weil ich ein Haus abbezahlen muss, weil meine Frau Geld braucht und so weiter, dann ist das doch ein Betrug an den Kindern. Ich arbeite ja gar nicht mehr für die Kinder. Ist Erwerbsarbeit nicht unanständig? Spiegelt man nicht vor, eine Arbeit zu leisten, nach außen hin, und in Wirklichkeit tut man was für sich?“  – Grundeinkommen enthebt einen dieses unanständigen Elements, des aufgezwungenen Un-Anstands in der Arbeit. Das ist ein ganz wichtiges Argument. Und jetzt kommt das religiöse Element dazu: Durch Grundeinkommen wird man in die Lage versetzt, selbstlos zu arbeiten. Für die Menschen und für die Welt. Und selbstloses Arbeiten ist Gottesdienst. Und dadurch ist Grundeinkommen gewissermaßen mit dem Katholizismus und mit allen religiösen Richtungen überhaupt vereinbar. Weil man ermächtigt wird, selbstlos zu handeln. Das ist ein wichtiger Punkt.

SEIN: Es gibt eine große Gemeinschaft in Sibirien, Tiberkul heißt sie. Schon mal gehört? Die arbeiten nach dem Prinzip der Schenkwirtschaft, sie brauchen also untereinander kein Geld. Die leben in mehreren Dörfern entlang eines Flusses zwischen Novosibirsk und Irkuzk – 5.000 Menschen, und die arbeiten nur für die Gemeinschaft. Bezahlt wird mit fachlichen Qualitäten wie Hausbau, Anfertigungen von Waren aller Art – wunderschön gefertigte Äxte zum Beispiel, so dass sie auch das Interesse und die Freude des Nehmenden wecken. Denn man nimmt dann nur von jemandem, der wirklich eine gute, liebevolle Arbeit abgibt. Also: Die arbeiten untereinander nicht für Geld, verkaufen aber natürlich einen Teil dieser Waren nach außerhalb, denn ein bisschen Geld brauchen sie ja auch. Ich denke, solche Modelle könnten Schule machen, wenn das BGE kommen sollte, das im Grunde ja auch nichts anderes ist. Und man empfindet sich dann auch mehr als Teil einer Gemeinschaft.

Ralph Boes: Wir als Bürgerinitiative machen es ja auch so. Bei uns arbeitet niemand für Geld, ganz im Gegenteil: Wenn noch welches da ist, steckt man es in das Projekt. Und wir arbeiten absolut super zusammen. Weil wir aus Idealen leben oder aus Gedanken oder aus Ideen. Aber das als volles Lebenskonzept ist noch schwierig, denn irgendwoher muss jeder ja sein Essen kriegen.

SEIN: Vielen Dank für das Gespräch.

5 Responses

  1. Thomas Stahnke

    … voller Hochachtung vor Ihrem Mut,
    Ihrem Ehrgeiz und Engagement
    Ihrer Uneigennützigkeit und Beharrlichkeit
    sage ich, verbunden mit der freundlichen Bitte,
    mich kurz darüber zu informieren,
    was auch ICH dafür tun kann,

    Besten Dank !!

    Alles Gute (!) & Frohe Grüße
    Thomas Stahnke
    T03045809737 od. M01734440440

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