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Vom delphischen Orakel wurde einem Vater geraten, niemanden mehr zu fürchten als den eigenen Sohn. Um seinem Schicksal zu entgehen, verschlang er seine gesamten Nachkommen. Der jüngste Sohn Zeus aber entkam seinem gefräßigen Erzeuger und besiegte ihn im Zweikampf. Das war sozusagen die erste Olympiade: Zeus war der Sieger, Vater Kronos büßte die Schuld und die Ehre, dabeigewesen zu sein, mit dem Leben. Empfunden als göttliche Weisung, und damit die Eroberung des Olymp nicht in Vergessenheit geriet, haben daraufhin die hellenischen Jünglinge alle vier Jahre das Duell der Götter wiederholt – natürlich symbolisch. Das griechische Lebensgefühl war körperlich, sinnenfroh und rauschhaft.

Die Einbindung von aktiver Körperlichkeit in archaisch mythologische Bezüge – der Natur des griechischen Menschen innewohnend –  ist dem „Leibesübung” treibenden, schon gar dem Olympioniken von Los Angeles oder sonstwo, wahrlich ein fremd Ding. Die Harmonie stolzer Kraft scheint der Körpemaschine gewichen, die sich, dem Kommerz hold, brav den Massenerwartungen präsentiert und beugt. Die banale Koketterie des nichts- sagenden Siegertyps, die sich heutzutage, von der Medienwalze gepuscht, als Ziel allen sportlichen Ehrgeizes präsentiert, läßt allen Glauben an eine europäische Wiege vergessen. Körperkultur im Ausgang des Jahrtausends – ein Anachronismus?

In der Moderne mag der immer aufgerufene Zielgedanke der westlichen Lebenswelt – das „Werde, der du bist” – nur noch in Form des Sich-Absetzens, des Andersseins und des Radikalisierens persönlicher Eigenarten gelingen. Allzu tief wohnt dem Menschen das Wissen inne, daß die Idee einer individuellen Perfektion dem sich vollendenden Weltkapitalismus und seiner Fortschrittsgeschwindigkeit nicht gewachsen ist, solange sie ausschließlich zweckdienlich und angepaßt fortlebt. Der Fortschritt von heute läßt sich zumeist reduzieren auf neue Knallbonbons, die von Basistechnologien, an vorderster Stelle denen der Telekom- munikation, unter das Volk geschmissen werden und vor allem hirn- und substanzlose Beifallseuphorie oder verkümmerte Lebensängste produzieren. –
Aber was um alles in der Welt hat das mit Körperlichkeit – oder gar Körperkultur zu tun?

Mögen wir an dieser Stelle eine Trennung von Körper und rationalem Geist denken, ist es die physiologische Bedürftigkeit von Körpererleben und Körperarbeit, die als eine der letzten Rückzugsgebiete menschlich – persönlicher Lebenserfahrung gelten kann. Oben sprachen wir von der Individualisierungssphilosophie, die das „Werde, der du bist” trägt. Das antisoziale Moment dieses Ansatzes muß nun an dieser Stelle relativiert werden, denn erst das entwickelte Individuum kann, über sich selbst hinausblickend, zum Mitmenschen werden.

Körpererfahrung durch sportliche Ausarbeitung setzt mehr frei als eben nur diese. Wer das schweißtreibende Laufen durch den Wald, die Gymnastik zur Musik oder die Wohligkeit nach einem Abend im Fitneßstudio kennt, wird wissen, daß dies Erfahrungen sind, die über die bloße Körperlichkeit hinausgehen und so etwas beschreiben wie eine Vernetzung von Ratio, Kopfgefühl und Körpergefühl. Hier erteilt die ganze Person der Spezialisten- und Fachkraftkultur, die einen jeden zu etwas nur ganz Bestimmtem abruft, eine radikale Absage. Nur im Zuge dieser Ganzheitserfahrung offenbart sich das Innen ins Außen, verliert der Körper die bloße Aufgabe des „Umhüllers” und wird zu einem Träger gelebter Lebenskultur.

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