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Star-Ökonom Paul Romer hat einen eigenwilligen Vorschlag der Entwicklungshilfe gemacht: Westliche Demokratien sollten in Ländern der Dritten Welt Stadt-Staaten gründen und unter ihre Regierungs-Obhut nehmen. Was sich anhört wie ein irrer Rückfall ins Kolonialzeitalter, ist nach Ansicht Romers die effektivste Methode, armen Ländern zu einem wirtschaftlichen Aufschwung zu verhelfen.

Sein Argument: Das Verfahren habe in China bestens funktioniert – unter der englischen Herrschaft hat sich Hong-Kong zu einer der bedeutendsten Handelsstädte der Welt entwickelt, wovon letztlich ganz China profitiert hat. „Hongkong war vermutlich das erfolgreichste Entwicklungsprogramm in der Geschichte der Menschheit“, so Romer.

Ein irrer Plan?

Nach den Plänen Romers stellen die Entwicklungsländer einem Industriestaat eine Fläche zur Verfügung, auf der dieser eine neue Stadt baut. Unter dem Schutz der „Kolonialmacht“ könnten dann Investoren in die sogenannte „Charter-Stadt“ geholt werden, die sich momentan aus Furcht vor instabilen Verhältnissen und politischen Unruhen vor Investitionen scheuen.

Für die investierenden Firmen ergäbe dies laut Romer hohe Renditen aufgrund niedriger Kosten und billiger Arbeitskräfte, für die Entwicklungsländer Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und wirtschaftlichen Aufschwung. Eine Win-Win-Situation.

Neokolonialismus?

Paul Romer

Bild: Paul Romer von Doerrb Lizenz: cc-by-sa

Ist Romers Vorschlag tatsächlich eine gute Idee, oder nur die Fortsetzung dessen, was Entwicklungshilfe seit jeher ist: ein gutes Geschäft für multinationale Konzerne? Denen geht es entweder um billige Arbeitskräfte, Rohstoffe oder neue Absatzmärkte. Und nur im letzteren Fall sind tatsächlich halbwegs stabile politische Verhältnisse gewünscht – die neoliberale Weltwirtschaft braucht schließlich ständig neue Bereiche. in die sie expandieren kann. Gleichzeitig braucht sie aber eben auch Gebiete und Menschen, die sie ausbeuten kann.

Fast immer bleibt dabei wenig des Reichtums im Land. Afrika beispielsweise hat zahlreiche Bodenschätze, an deren Abbau auch ausländische Investoren beteiligt sind. Der Reichtum kommt aber nicht der Bevölkerung zugute, sondern es sind vor allem die Investoren, die profitieren. Diese Ausbeutungspolitik wird von der Weltbank und dem IWF massiv unterstützt – und klare politische Verhältnisse sind absolut nicht das, was sich die Investoren wünschen.

Selbst wenn Romers Idee tatsächlich so funktionieren würde, wie er es sagt, muss man sich vergegenwärtigen, dass hier ein System exportiert werden soll, dass in der westlichen Welt gerade dabei ist, spektakulär zu scheitern. Und außerdem wäre das Vorgehen auch alles andere als demokratisch – Kritiker bezeichneten den Vorschlag schon als eine „Entwicklungsdiktatur“, die der Dritten Welt ein westliches Kulturmodell aufdrücken soll. Wäre es nicht klüger, den Aufbau der Dritten Welt vor allem unter ökologische Aspekte zu stellen?

Romer wehrt sich gegen die Vorwürfe: „Kolonialismus zeichnet sich durch Verachtung aus – eine Gruppe Menschen glaubte zu wissen, was gut für die anderen sei. Charter Citys schreiben keiner Seite etwas vor, sondern lassen den Leuten die Wahl, in eine neue Stadt zu ziehen und neue Regeln auszuprobieren.“

Angesichts der Lage in vielen Ländern eine wenig überzeugende Argumentation.

Hilfe zur Abhängigkeit

Tatsächlich gibt es Befürworter von Romers Idee – ohne ausländische Hilfe und Anleitung könne die Dritte Welt nicht auf die Beine kommen, so das Argument. Korruption und Warlords hätten diese Länder zu fest in ihrem Griff. Dass diese Verhältnisse zum Teil erst durch die Jahrhunderte der Ausbeutung durch westliche Länder entstanden sind und es wirkliche Entwicklungshilfe bisher kaum gegeben hat, wird dabei oft vergessen. Wie wäre es zum Beispiel damit, den Staaten zunächst mal alle Schulden zu erlassen und sie für den Raubbau und die Verbrechen zu entschädigen? Und statt zweifelhafter Regimes lieber demokratische Basisbewegungen zu fördern?

Romers Idee klingt sehr nach noch mehr Hilfe zur Abhängigkeit und eher nach wirtschaftlicher Einflussnahme, denn nach wirklicher Unterstützung.

Video zum Thema auf Sein-TV:

Economic Hitman: Entwicklungshilfe als Machtmittel

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